Digitale Gesundheitskompetenz
03.05.2023
Prof. Dr. Kevin Dadaczynski (rechts im Bild) und Prof. Dr. Orkan Okan (links) auf der Pressekonferenz in Berlin, bei der die Studienergebnisse vorgestellt wurden. Foto: Barmer
Zu diesem Ergebnis kommen Studien der TU München und der Hochschule Fulda in Kooperation mit der Barmer Krankenkasse. Nur wenig besser ist das Bild bei ihren Lehrkräften. Sie sehen sich zu 42 Prozent nur unzureichend für die Beschaffung und den Umgang mit Gesundheitsinformationen im Internet gerüstet. Den aktuellen Defiziten abhelfen soll ein neues Präventionsprojekt der Barmer Krankenkasse, das die Gesundheitskompetenz von Schülern, deren Eltern und Lehrkräften mit praxisnahem Lehrmaterial zu vielfältigen digitalen Themen stärken soll. Auf diesem Wege will die Kasse in den nächsten Jahren 2.500 Schulen der Sekundarstufe 1 jährlich erreichen. Ziel sei es, gesundheitsfördernde Prävention direkt in die Lebenswelt Schule zu tragen.
Digitalkompetenz steigt mit dem Alter
Für die Studien waren zwischen September und Dezember 2022 rund 1.450 Schüler zwischen neun und 18 Jahren sowie fast 1.200 Lehrkräfte verschiedener Schulformen befragt worden. Untersucht wurden dabei sieben Aspekte digitaler Gesundheitskompetenz. Die größten Schwierigkeiten signalisierten die Schüler im Umgang mit personenbezogenen Daten. „Schülerinnen und Schüler gehen offenbar zu sorglos mit ihren eigenen Daten um. Das kann sie nicht nur in sozialer Beziehung in Schwierigkeiten bringen. Es hat unter Umständen auch gesundheitliche Folgen. Etwa, wenn sie Opfer von Cyber-Mobbing werden“, sagte Prof. Dr. Orkan Okan von der Technischen Universität (TU) München.
Auffällig sei, dass mit zunehmendem Alter die digitale Gesundheitskompetenz spürbar wachse. Während bei den Neun- bis Elfjährigen fast zwei Drittel (64,5 Prozent) eine geringe digitale Gesundheitskompetenz berichteten, sinke dieser Anteil bei den 16- bis 18-Jährigen auf 36,7 Prozent. Hingegen hätten sich weder für das Geschlecht der Schülerinnen und Schüler noch ein Migrationshintergrund Unterschiede bei der Digitalkompetenz beobachten lassen.
Schulpersonal hadert vor allem mit Datenschutz
Den Studien zufolge machen Lehrerinnen und Lehrern bei der digitalen Gesundheitskompetenz mehrere Bereiche Schwierigkeiten. Die größten Probleme werden im Umgang mit personenbezogenen Informationen und Datenschutz, bei der Bestimmung der Alltagsrelevanz von digitalen Gesundheitsinformationen und der Bewertung ihrer Qualität gesehen. Zwischen 30 und 80 Prozent des befragten Schulpersonals geben den Befragungsergebnissen zufolge an, dass verschiedene Aspekte der digitalen Gesundheitskompetenz in der Schule nicht oder kaum gelehrt werden.
„Gesundheit und Bildung beeinflussen sich wechselseitig. Bildung stellt eine grundlegende Voraussetzung für ein gesundes Aufwachsen und Leben dar, genauso wie Gesundheit eine Ressource für erfolgreiche Bildungsprozesse ist", sagt Dr. Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitskommunikation und Patienteninformation an der Hochschule Fulda.
„Angesichts der Menge und Vielfalt von insbesondere internetbasierten Informationen rund um das Thema Gesundheit wird digitale Gesundheitskompetenz immer wichtiger. Die beiden Studien geben nun erstmals Einblicke, wie es um die digitale Gesundheitskompetenz von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften in der Sekundarstufe I bestellt ist. Auch wird erstmals der Frage nachgegangen, ob und in welchem Ausmaß das Thema Eingang in die Schule gefunden hat.“
Die Ergebnisse der jüngsten Studien machen den Handlungsbedarf aus Sicht von Dadaczynski in doppelter Hinsicht deutlich. „Ein zu hoher Anteil an Kindern und Jugendlichen sowie Lehrkräften ist von einer geringen digitalen Gesundheitskompetenz betroffen. Da Gesundheit nur unzureichend verbindlicher Bestandteil kultusministerieller Vorgaben und Lehrpläne ist, sollte das Thema mit den an Schule etablierten Themen sinnvoll verbunden werden. Hier bietet sich die Medienkompetenzbildung an, die in den Bundesländern verbindlich geregelt ist und eine starke Nähe zum Konzept der digitalen Gesundheitskompetenz aufweist."