Veranstaltungsdetails
1. Fuldaer Adipositas-Tag
26.06.2026
Mitte Juni hatten das Gesundheitsnetzwerk Osthessen und das wissenschaftliche Zentrum für Ernährung, Lebensmittel und nachhaltige Versorgungssysteme, kurz ELVe, zum ersten Fuldaer Adipositas-Tag eingeladen. Expertinnen und Experten aus Medizin, Ernährungsforschung und Bewegungstherapie lieferten an einem Samstagvormittag einen kompakten Überblick über aktuelle und bewährte Behandlungswege bei starkem Übergewicht. Offenbar trafen sie damit einen Nerv: Bis auf den letzten Platz war die Veranstaltung an der Hochschule Fulda ausgebucht. Für alle, die nicht dabei sein konnten, fassen wir die wichtigsten Botschaften zusammen.
Einführung
- Adipositas ist eine chronische Erkrankung mit vielen Ursachen.
- Gewichtsverlust begünstigt paradoxerweise die Wiederzunahme von Gewicht.
Zum Auftakt ordnete Dr. med. Jörg Simon, Internist, Adiposiologe und Diabetologe aus Fulda das Thema ein: Adipositas ist eine chronische Krankheit und kein Mangel an Disziplin. Weltweit sind aktuell rund eine Milliarde Menschen betroffen. Prognosen zufolge könnte sich diese Zahl bis 2035 nahezu verdoppeln.
Dr. Simon machte deutlich, warum es so schwer ist, Gewicht dauerhaft zu reduzieren: Gewichtsverlust begünstigt paradoxerweise die Wiederzunahme. Der Körper reagiert auf Abnehmen mit Anpassungen: Bekommt er weniger Nahrung, sinkt der Energieverbrauch, das Hungergefühl nimmt zu, Sättigungssignale schwächen sich ab. Evolutionär gesehen war das ein sinnvoller Schutzmechanismus, um Phasen mit weniger Nahrung gut zu überstehen. Doch beim Abnehmen kann dieser noch immer in uns wirksame Mechanismus zum Problem werden. Denn er begünstigt die Wiederzunahme von Gewicht. Das bedeutet: Wer nach einer Diät wieder zunimmt, ist nicht gescheitert, sondern erlebt häufig eine biologische Gegenregulation.
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Ernährungstherapie
- Nicht alle Lebensmittel sind so gesund, wie es die Packung verspricht.
- Verzicht auf einzelne Lebensmittel ist nicht nötig. Auf die Zubereitung kommt es an!
Professorin Dr. Christina Holzapfel von der Hochschule Fulda nahm das Publikum gedanklich mit in den Supermarkt. Ihr Ziel: sensibilisieren, wie stark Verpackungen und Werbeversprechen unsere Einschätzung beeinflussen. Als anschauliches Beispiel zeigte sie Keksverpackungen in der Standard-, der zuckerreduzierten und der Vollkorn-Variante. Das überraschende Ergebnis: Die Nährstoffzusammensetzung war bei allen drei Varianten sehr ähnlich. Die Botschaft dahinter: Begriffe wie „zuckerreduziert“ oder „Vollkorn“ können sinnvoll sein, sind aber alleine kaum aussagekräftig. Ein Blick auf Nährwerte und Zutatenliste lohnt sich in jedem Fall.
Ein weiterer Kernpunkt: Abnehmen funktioniert nicht, wenn man Hunger hat. Für die Sättigung spielt das Volumen der Nahrung eine große Rolle. Wer Lebensmittel wählt, die viel Platz im Magen einnehmen (etwa Gemüse, Salate, proteinreiche Komponenten), kann Sättigung besser unterstützen und nimmt weniger Kalorien zu sich.
Besonders alltagsnah war auch ihr Hinweis, dass oftmals nicht das Grund-Lebensmittel das Problem ist. Denn Nudeln, Reis und Kartoffeln unterscheiden sich mit Blick auf die Energiezufuhr weniger stark, als viele denken. Entscheidend ist die Art der Zubereitung. Aus Kartoffeln können Salzkartoffeln werden oder Bratkartoffeln und Chips. Und Nudeln werden im Gegensatz zu Kartoffeln meist mit energiereichen Soßen kombiniert. Die zentrale Botschaft: Kleine, aber dauerhafte Veränderungen in der Zubereitung und bei Beilagen können die Energiebilanz stark beeinflussen, ohne dass man komplett auf ein Lebensmittel verzichten muss.
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Bewegung
- Sport wird zur Gewichtsreduktion überschätzt.
- Bewegung ist aber unverzichtbar für Gesundheit und Gewichtsstabilisierung.
Oecotrophologe Felix Unger, der als Dozent an der IST-Hochschule Düsseldorf für Sport und Ernährung tätig ist und im Fit & Fun Fulda die Themen Ernährung, Bewegung und Therapie vereint, startete bewusst provokant: Er verdeutlichte: Bewegung verbraucht oft weniger Kalorien, als viele erwarten und machte das an einem Beispiel fest: Eine Person mit 80 kg Körpergewicht verbraucht beim Gehen ungefähr 40 kcal pro Kilometer. Das relativiert die verbreitete Vorstellung, man könne schlechtes Essen einfach wegtrainieren.
Sein zentraler Punkt: Ernährung ist meist der Haupttreiber der Gewichtsabnahme. Bewegung hingegen ist der Schlüssel für den Erhalt der Muskeln, für Stoffwechselgesundheit und langfristige Gewichtsstabilisierung. Wer abnimmt, verliert ohne Training leicht auch Muskelmasse. Und: Schon eine leichte Steigerung der Aktivität bringt spürbare gesundheitliche Vorteile.
Als praktikable Empfehlung nannte Unger eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining mindestens zwei Mal pro Woche plus mehr Alltagsbewegung, idealerweise orientiert an 10.000 Schritten pro Tag als Zielwert.
Sein Fazit: Sport ist weniger Kalorienverbrennen, sondern ein hochwirksames Signal für bessere Stoffwechselgesundheit, geringeres Krankheitsrisiko und den Erhalt fettfreier Masse, während Ernährung für die Energiebilanz entscheidend ist.
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Medikamente
- Eine Option, wenn Basismaßnahmen nicht ausreichen.
Im medizinischen Teil griff der Fuldaer Internist und Adiposiologe Dr. med. Jörg Simon die häufige Erfahrung vieler Betroffener auf, dass es schwer ist, nach dem Abnehmen das Gewicht zu halten. Er verwies noch einmal auf die dahinter liegenden Mechanismen: Nach einer Gewichtsreduktion sinkt der Ruheenergieverbrauch, gleichzeitig können Hunger, Appetit und ständiges Denken an Essen zunehmen.
Seine Botschaft: Wenn die Basistherapie aus Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung ausgeschöpft ist, können Medikamente – oder je nach Situation auch eine Operation – in Betracht gezogen werden. Moderne medikamentöse Ansätze können Appetit und Gewicht regulieren und dadurch das Abnehmen unterstützen. Wichtig sei dabei eine ärztliche Begleitung und die Einbettung in der medikamentösen Therapie in ein Gesamtkonzept.
Psychosomatik
- Adipositas ist oft auch ein psychosoziales Thema.
- Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche!
Prof. Dr. med. Henrik Kessler, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin am Klinikum Fulda und Professor an der Universität Marburg, machte deutlich: Neben biologischen Faktoren und sozialen Essgewohnheiten ist Adipositas oft auch ein psychosoziales Thema. Frustessen, Kummerspeck, Depressionen, Traumafolgestörungen oder Essstörungen können sich gegenseitig verstärken. Aus einem solchen Teufelskreis finden Betroffene ohne Unterstützung schwer heraus. Besonders eindrücklich beschrieb er die psychische Last, die Betroffene täglich mit sich tragen. Seine Botschaft: Wer Hilfe sucht, ist nicht schwach, sondern handelt verantwortungsvoll.
Der Mediziner erklärte, dass vor einer Operation in der Regel ein Gutachten erstellt wird, unter anderem mit medizinischen Befunden, dem Nachweis einer erfolglosen Teilnahme am multimodalen Konzept (bestehend aus den Bausteinen Ernährung, Bewegung, Verhalten) sowie einer psychosomatischen Einschätzung. Er benannte außerdem Gründe, die gegen eine Operation sprechen können, darunter bestimmte schwere psychische Erkrankungen, Bulimie, akute Psychosen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Auch eine Binge-Eating-Störung kann ein Ausschlusskriterium sein, insbesondere bei fehlender Impulskontrolle.
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Chirurgie
- Es gibt wirksame OP-Verfahren.
- Sie funktionieren aber nur mit Nachsorge und lebenslanger Aufmerksamkeit!
Dr. med. Meyanui-Bekeny Andangfung, Facharzt für Viszeralchirurgie in der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Endokrine und onkologische Chirurgie des Klinikums Fulda, erläuterte, wann eine Operation medizinisch angezeigt sein kann. Eine chirurgische Therapie ist, sofern keine Begleiterkrankungen vorliegen, ab einem BMI über 40 kg/m² sinnvoll.
Er stellte gängige und effektive Operationsverfahren vor. Entscheidend: Eine Operation ist kein Wundermittel, sondern ein starker medizinischer Therapiebaustein und funktioniert langfristig nur mit strukturierter Begleitung. Deshalb betonte Dr. Andangfung die Bedeutung der Nachsorge: Kontrolle von Gewichtsverlauf, Medikamenteneinnahme, Ernährungsverhalten sowie regelmäßige Laborkontrollen (unter anderem zur Vermeidung von Nährstoffmängeln). Gute Ergebnisse entstehen vor allem dann, wenn Behandlung und Nachbetreuung eng verzahnt sind.
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Fazit: Weg von Vorurteilen hin zu konkreten Hilfen für Betroffene und Angehörige
Der erste Fuldaer Adipositas-Tag zeigte in großer Klarheit: Adipositas ist komplex, betrifft Körper und Psyche und verlangt eine Kombination verschiedener therapeutischer Ansätze (Ernährung, Bewegung und Verhalten). Gleichzeitig wurde deutlich: Es gibt wirksame therapeutische Wege.
„Dass die Veranstaltung ausgebucht war, unterstreicht, wie groß der Informations- und Unterstützungsbedarf in der Region ist “, zog Professorin Dr. Christina Holzapfel Bilanz. Viele Menschen wollten abnehmen und bekämen im Internet unzählige Tipps. Es fehle an guten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern vor Ort, die erklären könnten: Was stimmt wirklich? Was passt zu mir? Und was ist realistisch? Und genau dafür sei der Fuldaer Adipositas-Tag ins Leben gerufen worden.
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INFOBOX | ADIPOSITAS - KURZ ERKLÄRT
WAS BEDEUTET ADIPOSITAS?Adipositas heißt: starkes Übergewicht. Ärztinnen und Ärzte sprechen davon, wenn das Körperfett so stark zunimmt, dass die Gesundheit gefährdet ist. Adipositas ist eine chronische Krankheit, keine mangelnde Disziplin. |
WIE WIRD ADIPOSITAS EINGEORDNET?Oft wird der BMI als erster Anhaltspunkt genutzt, ein Rechenwert aus Gewicht und Größe. Ab einem BMI von 30 kg/m² spricht man von Adipositas, ab einem BMI von 40 kg/m² von schwerer Adipositas. Wichtig: Der BMI ist nicht immer aussagekräftig, etwa bei viel Muskelmasse. |
WORAUF KOMMT ES AN, WENN MAN ABNEHMEN WILL?
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