Nachwuchsgruppe "Die Sozialgerichtsbarkeit und die Entwicklung von Sozialrecht und Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland"

Stellenausschreibung

An der Universität Kassel, FB Humanwissenschaften, sind zur Einrichtung einer wissenschaftlichen Nachwuchsgruppe "Die Sozialgerichtsbarkeit und die Entwicklung von Sozialrecht und Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland" im Rahmen des Fördernetzwerks Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung folgende Stellen zu besetzen:

Leitung der wissenschaftlichen Nachwuchsgruppe (TV-H 14, 100%)

Gesucht wird eine Person mit überdurchschnittlicher rechts-, sozial- und politikwissenschaftlicher Promotion und Interesse an weiterer wissenschaftlicher Qualifikation.

Drei Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen/ Mitarbeiter (TV-H 13, 2/3 der vollen Arbeitszeit

Gesucht werden Personen mit überdurchschnittlichen rechts-, sozial- oder politikwissenschaftlichen Abschlüssen (Staatsexamen, Master, Diplom) mit Befähigung zu und Interesse an einer Promotion.

Die Qualifikationsabsicht soll sich im thematischen Rahmen der Nachwuchsgruppe bewegen. Gefordert sind Fähigkeiten zu eigenständiger, kooperativer und interdisziplinärer Forschung und aktive Mitarbeit am Aufbau einer Schwerpunkts im Rahmen des Forschungsverbundes Sozialrecht und Sozialpolitik (FoSS) der Universität Kassel und der Hochschule Fulda. Verantwortlich für die Einrichtung der Nachwuchsgruppe sind Prof. Dr. Tanja Klenk und Prof. Dr. Felix Welti.
Die Stellen sind auf drei Jahre befristet. In Betracht kommt auch eine Abordnung oder Beurlaubung aus der Sozialgerichtsbarkeit oder einem anderen thematisch einschlägigen Arbeitsfeld.

Aussagekräftige Bewerbungen mit einem Exposé Ihres Qualifikations-/ Promotionsvorhabens (max. 10 Seiten) senden Sie bitte bis zum 02. Mai 2017 (für die Leitungsposition) bzw. bis zum 30. Mai 2017 (für die Stelle als wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in) an Sozialgerichtsforschung(at)uni-kassel.de.

Kontakt

Tanja Klenk

Prof. Dr.

Tanja Klenk

Professorin für Theorie und Empirie des Gesundheitswesens im Fachbereich 01 Humanwissenschaften der Universität Kassel

Kontakt

Felix Welti

Prof. Dr.

Felix Welti

Professor für Sozialrecht der Rehabilitation und Recht der behinderten Menschen am Fachbereich 01 Humanwissenschaften der Universität Kassel

Nähere Informationen zur Nachwuchsgruppe und zum Bewerbungsverfahren finden Sie nachfolgend aufgeführt:

Allgemeines

Ziel der Nachwuchsgruppe

Die einzurichtende interdisziplinäre rechts- und sozialwissenschaftliche Nachwuchsgruppe soll einen Beitrag zur Erforschung der deutschen Sozialgerichtsbarkeit als eine wesentliche Institution im Gefüge des sozialen Rechtsstaats und der Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland leisten. Dabei ist insbesondere die spezifische Rechtskultur der Sozialgerichtsbarkeit von Interesse, die den Anspruch erhebt, einen niedrigschwelligen Zugang zum Recht zu gewährleisten, der Verwirklichung sozialer Rechte zu dienen und die sozialpolitischen Interessen sowohl durch ehrenamtliche Richterschaft wie als Prozessparteien einzubinden. Untersucht werden soll, auf welche Weise die Sozialgerichtsbarkeit bei anhaltend hohen Klagezahlen Austragungsort individueller und gesellschaftlicher Konflikte sein kann und zugleich zur gesellschaftlichen Integration beiträgt. Rechtswissenschaftlich ist das Besondere der Gerichtsverfassung und der Umsetzung der sozialgerichtlichen Verfahrensgrundsätze für die sozialstaatliche Entwicklung zu untersuchen. Sozial- und politikwissenschaftlich sind Grundlagen dafür zu schaffen, wie die Arbeit der Sozialgerichtsbarkeit empirisch, theoretisch und konzeptionell untersucht und eingeordnet werden kann. Zugleich soll daran gearbeitet werden, die in der Arbeit der Sozialgerichte entstehenden empirischen Daten systematisch als Datenquelle für die Sozialpolitikforschung zu nutzen.

Forschungsstand zur Sozialgerichtsbarkeit

Der Forschungsstand zur Sozialgerichtsbarkeit und zum sozialgerichtlichen Verfahren ist aktuell wenig entwickelt. Die Sozialgerichtsbarkeit ist bislang weder rechtswissenschaftlich noch sozial- oder politikwissenschaftlich Gegenstand umfassender Monografien oder größerer Forschungsprojekte gewesen. Angeknüpft werden kann bei den Arbeiten der Nachwuchsgruppe an das aus Anlass des sechzigsten Jubiläums des Bundessozialgerichts entstandene zweibändige Werk "Grundlagen und Herausforderungen des Sozialstaats" (Masuch/Spellbrink/Becker/Leibfried 2014, 2015). Im ersten Band befassen sich insbesondere die Beiträge von Masuch und Spellbrink sowie Voßkuhle und Gerberding aus rechtswissenschaftlicher, Vogel aus rechtssoziologischer und Ayaß aus historischer Sicht mit Grundlagen und Einbettung der Sozialgerichtsbarkeit. Im zweiten Band "Bundessozialgericht und Sozialstaatsforschung" wird die Rechtsprechung des Gerichts systematisch in Beziehung zum Stand der sozialpolitik- und sozialrechtswissenschaftlichen Diskussion auf ihren wesentlichen Feldern gesetzt. Unter dem Gesichtspunkt der "Klageflut" und der Diskussion über Gerichtsgebühren wurde die Sozialgerichtsbarkeit rechtssoziologisch von Braun/ Buhr/ Höland/ Welti (2009) untersucht. Eine Monografie zur Begutachtung nach § 109 SGG liegt von Schweigler (2013) vor. Die (institutionell und thematisch verwandte) Arbeitsgerichtsbarkeit als Ort diskursiver Auseinandersetzungen wurde von Rehder unter dem Titel "Rechtsprechung als Politik" (2011) untersucht.

Relevanz des Forschungsgegenstands

Gemessen an ihrer gesellschaftlichen Bedeutung ist die größte deutsche Fachgerichtsbarkeit mit fast 1.900 hauptamtlichen sowie mehr als 10.000 ehrenamtlichen Richterinnen und Richtern und 400.000 jährlichen Verfahren theoretisch-konzeptionell und empirisch-komparativ nur wenig erforscht. Die geplante Nachwuchsgruppe soll einen Beitrag dazu leisten, diese Forschungslücke zu schließen.

Universität Kassel als Standort

Zahlreiche Anknüpfungspunkte in Forschung uns Praxis von Sozialrecht und Sozialpolitik

An der Universität Kassel und der Hochschule Fulda besteht seit 2013 der Forschungsverbund für Sozialrecht und Sozialpolitik (FoSS). Hier arbeiten über 40 Professorinnen und Professoren von sechs Fachbereichen und zahlreiche wissenschaftliche Beschäftigte in derzeit sieben Arbeitsgruppen und Promotionskollegs an Themen und Gegenständen des Sozialrechts und der Sozialpolitik. Die Integration der rechtlichen Perspektive in die sozialpolitische Forschung ist dabei ein besonderes Merkmal des Verbundes. Zahlreiche Bachelor- und Masterstudiengänge an beiden Hochschulen, darunter der von beiden getragene Master-Studiengang Sozialrecht und Sozialwirtschaft (Abschluss: LL.M.), sind eng mit den hier bearbeiteten Forschungsschwerpunkten verknüpft und bieten ein Rekrutierungsfeld für wissenschaftlichen Nachwuchs. Dieser kann an der Universität Kassel als Dr. iur, Dr. rer. pol. und Dr. phil. promoviert werden, auch kooperativ mit der Hochschule Fulda auf der Grundlage einer Kooperationsvereinbarung. Hierfür sind auch Promotionskollegs eingerichtet, so „Wohlfahrtstaat und Interessenorganisationen“ (2013-2016) und „Soziale Menschenrechte“ (2016-2019). Mit dem International Centre for Development and Decent Work (ICDD), das eng mit der ILO kooperiert, besteht auch ein Zentrum für internationale Sozialpolitik an der Universität Kassel, mit dem Centre for Intercultural and European Studies (CINTEUS) ein europäisch ausgerichteter Schwerpunkt an der Hochschule Fulda. Regional kooperiert FoSS mit dem Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) in Göttingen und der DGUV-Hochschule in Bad Hersfeld. In Kassel sind mit der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) zwei große überregionale Sozialleistungsträger ansässig. Insbesondere zum Bundessozialgericht (BSG) bestehen enge Kooperationsbeziehungen u.a. durch zwei Honorarprofessuren, weitere Lehraufträge, laufende Gesprächs- und Arbeitskontakte und die Möglichkeit, die sehr umfassende Bibliothek des BSG zu nutzen. Zudem ist Kassel nicht zuletzt aufgrund seiner zentralen Lage in jedem Jahr Standort vieler sozialrechtlicher und sozialpolitischer Veranstaltungen mit überregionaler Bedeutung.

Beste Arbeitsbedingungen durch vielfältige Betreuungsangebote

Seit 2014 hat sich im FoSS die Querschnittsarbeitsgruppe Sozialgerichtsforschung konstituiert, die intensiv an der interdisziplinären Forschung zur Sozialgerichtsbarkeit arbeitet. Geleitet wird sie von Prof. Dr. Simone Kreher, Prof. Dr. Felix Welti, Prof. Dr. Susanne Dern und Prof. Dr. Berthold Vogel. Mit Prof. Dr. Britta Rehder (Ruhr-Universität Bochum) und Prof. Dr. Armin Höland (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) bestehen laufende und ausbaufähige überregionale Kooperationsbeziehungen. Eine Mitbetreuung von Dissertationen in Kassel durch Kolleginnen und Kollegen anderer Universitäten ist möglich. Die Gruppe hat bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Frühjahr 2016 eine Antragsskizze zur Förderung einer ortsverteilten Forschergruppe zum Thema „Rechte, Konflikte und Wirklichkeiten im sozialgerichtlichen Verfahren“ eingereicht. Für die angestrebte Nachwuchsgruppe steht in jedem Fall ein förderndes und anregendes Umfeld zur Verfügung.

Forschungsthema und Forschungsteam

Ziele und Schwerpunkte

Ziel der gemeinsamen Arbeit der Nachwuchsgruppe ist es, sozialwissenschaftliche, politikwissenschaftliche und rechtswissenschaftliche Konzepte zur Erforschung von Sozialrecht und Sozialpolitik systematisch weiterzuentwickeln, so dass am Ende des Förderzeitraumes Konturen eines transdisziplinären Ansatzes sichtbar werden und qualifizierter Nachwuchs zur weiteren Bearbeitung des Themenbereichs zur Verfügung steht. Die interdisziplinäre Nachwuchsgruppe soll insbesondere Themen aus drei Schwerpunkten bearbeiten.

  • Im Schwerpunkt 1 Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik soll zunächst vor allem theoretisch-konzeptionell,
  • im Schwerpunkt 2 Sozialpolitikforschung mit Sozialgerichtsdaten methodologisch- methodisch und
  • im Schwerpunkt 3 Rechtsschutz im Sozialstaat im internationalen Vergleich komparativ-rechts- und politikvergleichend gearbeitet werden.

Zusammensetzung und Zusammenarbeit des Teams

Das Team der Nachwuchsgruppe besteht aus insgesamt vier Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler. Es soll so zusammengesetzt werden, dass je eine Person für einen der drei Schwerpunkte verantwortlich ist und die Leiterin/der Leiter der Nachwuchsgruppe die Arbeitsteilung und Kooperation in der Gruppe verantwortlich steuert. Die Mitglieder der Forschergruppe kooperieren eng miteinander. Bei der Konzeption der Forschungsagenda der Nachwuchsgruppe wurde darauf geachtet, dass jeder der drei Schwerpunkte Querschnittsbezüge zu den anderen Schwerpunkten aufweist. Die aktive Zusammenarbeit innerhalb der Nachwuchsgruppe wird zum Beispiel durch gemeinsame Publikationen und Tagungsorganisationen zum Ausdruck gebracht. Alle Mitglieder der Nachwuchsgruppe sind für die Mitarbeit an dem Vorhaben neu zu gewinnen. Das Team der Nachwuchsgruppe soll interdisziplinär besetzt sein; alle Stellen werden jedoch zunächst sowohl für Personen mit juristischer als auch mit politik- und sozialwissenschaftlicher Qualifikation geöffnet. Vor diesem Hintergrund wurden die Forschungsagenden der drei Schwerpunkte bewusst breit angelegt und werden im Weiteren gemeinsam mit der Nachwuchsgruppe auf Qualifikationsthemen zugespitzt. Die folgenden Abschnitte umreißen die Themenfelder der drei Schwerpunkte und benennen die zentralen Forschungsfragen. Eine Spezifizierung und Eingrenzung der Themen erfolgt im Zuge der Auswahl des Personals und hängt u.a. von der jeweiligen Qualifikation (rechts- oder politik- und sozialwissenschaftlicher Abschluss), den Sprachkenntnissen, aber auch von den individuellen Interessen der Bewerberinnen und Bewerber ab. Die Mitglieder der Nachwuchsgruppe sollen auch die Möglichkeit haben, ihre Themen und Vorgehensweisen aufeinander abzustimmen.

Schwerpunkt 1: Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik

Die Verknüpfungen zwischen Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik sind bislang weder in der Sozialrechtswissenschaft noch in der Politikwissenschaft intensiv aufgearbeitet worden, während etwa für das Arbeitsrecht und das Verfassungsrecht entsprechende empirische und konzeptionelle Studien vorliegen. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerät die politische Relevanz der Sozialgerichtsbarkeit bisher insbesondere, wenn sozialgerichtliche Entscheidungen die Vorstufe zu Entscheidungen des BVerfG oder des EuGH sind, welche die deutsche Sozialpolitik beeinflussen. Dies war zuletzt etwa bei den Entscheidungen zu den SGB-II-Regelsätzen (BSG v. 27.1.2009, B 14/11b AS 9/07 R als Vorlage zu BVerfG v. 9.2.2010, 1 BvL 1/09) und zum Zugang zu SGB-II-Leistungen für Unionsbürgerinnen und Unionsbürger (BSG v. 12.12.2013, B 4 AS 9/13 R als Vorlage zu EuGH v. 15.9.2015, C-67/14 – Alimanovic) der Fall. Auch kann die Anzahl sozialgerichtlicher Verfahren in bestimmten Rechtsbereichen ein Indikator für die politische und gesellschaftliche Relevanz und Konflikthaftigkeit von Rechtsnormen sein. Dies wurde wiederum deutlich nach der Einführung des SGB II und der Klagewelle bei den Sozialgerichten. Die Sozialgerichtsbarkeit ist aber auch kontinuierlich ein Forum verteilungspolitischer Konflikte in unterschiedlichen Arenen des Sozialstaats. So sind die Zugangsbedingungen zu Leistungen bei Erwerbsminderung der Renten- und der Unfallversicherung, auch im Zusammenhang mit den Arbeitsmarktbedingungen, seit jeher ein Streitthema vor den Sozialgerichten, bei dem viele Klägerinnen und Kläger gewerkschaftlichen und verbandlichen Rechtsschutz in Anspruch nehmen. Auch die Leistungserbringer des Gesundheits-, Rehabilitations- und Pflegewesens tragen eine Vielzahl sozialgerichtlicher Streitigkeiten mit dem Ziel aus, ihre Verteilungsposition gegenüber den Kranken- und Pflegekassen sowie untereinander zu verbessern. Sie werden dabei von spezialisierten Verbänden und Anwaltskanzleien unterstützt.

Forschungsthemen im Schwerpunkt 1 (beispielhaft):

Die Sozialgerichtsbarkeit als epistemische Gemeinschaft?

Schwerpunkt 1 der Nachwuchsgruppe setzt sich grundsätzlich damit auseinander, inwieweit die Gestaltung und der Wandel der Sozialgerichtsbarkeit mit Hilfe rechtswissenschaftlicher, politikwissenschaftlicher und soziologischer Konzepte und Theorien erfasst werden kann. So kann diskutiert werden, ob sich hier eine oder mehrere „epistemische Gemeinschaften“ (Haas 1992; Rehder 2011) herausgebildet haben, in denen sich rechtswissenschaftliche und sozialpolitische Diskursstränge treffen und entfalten und in denen normative Überzeugungen und strukturelle Interessen der zentralen Akteure des Sozialstaats (u.a. Arbeitgeber, Gewerkschaften, Träger der freien Wohlfahrtspflege, Körperschaften und Leistungserbringer des Sozial- und Gesundheitswesens, Behinderten- und Sozialverbände) konflikthaft aufeinandertreffen. Epistemische Gemeinschaften sind Netzwerke aus Spezialisten, die in einem Themengebiet über anerkanntes und policy-relevantes Fachwissen verfügen. Ihre Gemeinschaft basiert auf gemeinsamen Überzeugungen bzgl. der Definition und Ursachenzuschreibung von Problemen, möglichenProblemlösungen sowie den zugrunde liegenden normativen Werturteilsmaßstäben (Haas 1992: 3). Interessant ist dabei, in welchen Fragen die Gemeinschaften des Sozialrechts Grundpositionen teilen, wo sie klar voneinander abgrenzbare Grundüberzeugungen haben und welchen dynamischen Veränderungen die epistemischen Gemeinschaften im Zeitverlauf unterliegen. Hierbei interessiert insbesondere, welche Akteursgruppen die Entwicklung der Diskurse im Zeitverlauf bestimmen: die Verbände, spezialisierte Anwaltskanzleien, die Sozialrechtswissenschaft oder die Gerichte selbst? Letztere prägen sowohl durch ihre Entscheidungen wie auch durch ihre eigene Fortbildungstätigkeit und die Präsenz der Richterinnen und Richter in sozialrechtlichen und sozialpolitischen Fachdiskussionen den Diskurs in der epistemischen Gemeinschaft.

Interessen in der Sozialgerichtsbarkeit: die institutionelle Beteiligung der Verbände

Eine besondere Bedeutung für das Verhältnis von Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik kommt der institutionalisierten Beteiligung der Interessengruppen zu: einerseits durch das Vorschlagsrecht für ehrenamtliche Richterinnen und Richter, andererseits als vertretungsberechtigte und Rechtsschutz organisierende Verbände. In der Sozialgerichtsbarkeit wirken in allen Instanzen ehrenamtliche Richterinnen und Richter mit (§§ 12-23 SGG), die aus den Kreisen der Versicherten – insbesondere durch die Gewerkschaften – und der Arbeitgeber, der vertragsärztlichen Leistungserbringer, der Versorgungsberechtigten und behinderten Menschen sowie aus den Vorschlagslisten der Kreise und kreisfreien Städte benannt werden. Sie werden durch Ausschüsse in die Gerichtsorganisation eingebunden (§ 23 SGG). Damit besteht eine institutionalisierte Verbindung zwischen diesen sozialpolitisch relevanten Verbänden und Körperschaften sowie den Gerichten und ihrer Rechtsprechung. Die ehrenamtliche Richtertätigkeit ist insgesamt nur wenig erforscht (Eichenhofer 2005; Höland 2010), insbesondere nicht unter Gesichtspunkten etwa einer Diffusion von Diskursen zwischen Rechtssystem und den politischen Kreisen und Lebenswelten, denen die Ehrenamtlichen entstammen. Ebenso ist bislang kaum etwas bekannt über ihre Rekrutierung, ihr Selbstverständnis und ihre Arbeitsbedingungen. Im sozialgerichtlichen Verfahren können in allen Instanzen die Beteiligten durch selbständige Vereinigungen von Arbeitnehmern mit sozial- und berufspolitischer Zwecksetzung, von Gewerkschaften und Vereinigungen von Arbeitgebern sowie von Vereinigungen der gemeinschaftlichen Interessenvertretung behinderter Menschen vertreten werden (§ 73 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5-8; Abs. 4 SGG). Von dieser Möglichkeit wird auch in großem Umfang Gebrauch gemacht. Relevante sozialpolitische Akteure wie der DGB, der VdK (Futh/Jeanrond 2013) und der SoVD sind im alltäglichen Geschehen an den Sozialgerichten durch Prozessvertretung präsent. Sie haben damit die Möglichkeit, die Rechtsmobilisierung bei ihren Mitgliedern zu politisieren, strategische Prozessführung zu betreiben und Erfahrungen aus der gerichtlichen Praxis in ihre sozialpolitische Willensbildung einfließen zu lassen. Wie diese potenziellen Querverbindungen von politischer und rechtlicher Interessenvertretung genutzt werden, ist in der deutschsprachigen Forschung noch weitgehend ausgeblendet, während die US-amerikanische Interessengruppenforschung diese Frage in Bezug auf verschiedene Politikfelder seit langem systematisch untersucht und mit eigenen theoretischen Ansätzen untermauert (Kagan 2003).

Untersuchungsmethoden im Schwerpunkt 1:

In Forschungsschwerpunkt 1 kann auf die Instrumente Diskursanalyse (Keller 2011) und Experteninterviews (Gläser/Laudel 2010) sowie auf die üblichen rechtswissenschaftlichen Methoden zurückgegriffen werden. Zur Erforschung der epistemischen Gemeinschaften in der Sozialgerichtsbarkeit können themengebundene Diskussionen (Existenzminimum, Normsetzung der Selbstverwaltung, „versicherungsfremde Leistungen“) zeit- und rechtsgeschichtlich in Literatur, Rechtsprechung und Gesetzgebung rekonstruiert werden; dabei könnte auch Bezug genommen werden auf spezifische institutionellen Foren z.B. Deutscher Sozialrechtsverband, Deutscher Sozialgerichtstag, Gesellschaft für Kassenarztrecht) (vgl. Thurn 2013 zur Sozialstaatsdiskussion in der Staatsrechtslehrervereinigung). Ziel ist es, gemeinsam geteilte normative Überzeugungen, Interessenkonflikte innerhalb und zwischen epistemischen Gemeinschaften sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Problemverständnis und den entsprechenden Lösungskonzepten herauszuarbeiten. Für die Diskursanalyse können unterschiedliche Textsorten herangezogen werden, in denen Selbstpositionierung der zentralen Akteure der Sozialgerichtsbarkeit kenntlich wird (Gutachten, Kommentare in Fachzeitschriften, Dokumentationen von Tagungen, Gerichtsentscheidungen etc.). Möglich ist auch ein Vergleich mit anderen Rechtsgebieten und rechtlich mitgeprägten Arenen oder mit der Rechts- und Politikkultur anderer entwickelter Sozialstaaten.

Schwerpunkt 2: Sozialpolitikforschung mit Sozialgerichtsdaten

Im Schwerpunkt 2 der Nachwuchsgruppe soll unter rechtssoziologisch-methodischen Aspekten systematisch aufgearbeitet werden, welche Erkenntnischancen sich für Fragestellungen für die Sozialrechts und Sozialpolitikforschung ergeben, indem verfügbare Statistiken zu sozialrechtlichen Themen konsequent und kontinuierlich als Datenquellen genutzt werden. Dazu gehört auch, systematisch dazustellen, an welchen Stellen die bisherige statistische Dokumentation sozialgerichtlicher Entscheidungsprozesse an Grenzen stößt und welche Lücken es in der Datenerhebung gibt. Dabei wird davon ausgegangen, dass es derzeit keinen Gesamtüberblick über thematische einschlägige Statistiken für Sozialrecht und Sozialpolitik gibt, wir ihr Zustandekommen nur partiell nachvollziehen und in der Regel keine Verbindungen
zu verfügbaren bevölkerungsrepräsentativen Erhebungen herstellen können. Die im Schwerpunkt 2 verankerte Qualifizierungsarbeit kann daher einen wesentlichen Beitrag zur Bündelung und Professionalisierung der Erschließung und Nutzung statistischer Daten für Forschungsarbeiten zu Sozialrecht und Sozialpolitik leisten.

Forschungsthemen im Schwerpunkt 2:

Das Themenfeld des Schwerpunkts 2 der Nachwuchsgruppe wird durch die folgenden vier übergeordneten Fragestellungen umrissen, die auch Querbezüge zu Schwerpunkt 1 und 3 aufweisen.

Welche Daten zur Sozialgerichtsbarkeit werden regelhaft oder verfahrensbegleitend produziert? Zu welchen Fragestellungen fehlen Statistiken und systematische Dokumentationen?

Die empirische Forschung über die Sozialgerichtsbarkeit stößt bislang auch deshalb an Grenzen, weil es kaum Wissen darüber gibt, welche Daten zur Analyse zur Verfügung stehen. Eine systematische Bestandsaufnahme der Daten, die in 16 Bundesländern in allen drei Instanzen der Sozialgerichtsbarkeit während des sozialgerichtlichen Verfahrens regelhaft oder verfahrensbegleitend produziert werden, wäre daher von großer Bedeutung, insbesondere in Bezug auf möglich Unterschiede zwischen den Bundesländern bzw. den Instanzen. Zur Bestandsaufnahme gehören u.a. gerichtsinterne und/oder amtliche Statistiken zu Klagehäufigkeit, Klagegegenstände, Klageergebnisse, soziodemografische Daten der Verfahrensbeteiligten. Eine solche Bestandsaufnahme sollte aber auch Primärdaten (insbesondere schon aufbereitete Public Use Files, siehe auch Hartmann/Lengerer 2014) aus dem nationalen und internationalen Kontext erschließen, die Indikatoren enthalten, die für die Sozialpolitik- und Sozialgerichtsforschung genutzt werden könnten. Auch die Daten des Statistischen Bundesamts, von Sozialleistungsträgern, Gewerkschaften, Sozialverbänden, und Anwaltskammern, von Wohlfahrtsverbänden und anderen Leistungserbringern des Sozial- und Gesundheitswesens können – wenn sie für wissenschaftliche Zwecke zugänglich sind – für die Sozialgerichtsforschung von Relevanz sein.

Wie ist die Qualität der Daten zu bewerten?

Für die empirische Forschung zur Sozialgerichtsbarkeit ist aber nicht nur das Wissen über den Bestand der Daten wichtig, sondern auch eine kritische Einschätzung der Reliabilität und der Validität der Daten. Wie ist die Qualität der verfügbaren Daten in Bezug auf ihre Korrektheit (Plausibilität), ihre Konsistenz (Widersprüche zwischen Datensätzen) und ihre Zuverlässigkeit (Nachvollziehbarkeit der Erhebung der Daten) und Vollständigkeit zu bewerten? Welche Gliederungssystematik liegt den verfügbaren Statistiken zugrunde, welches Aggregationsniveau haben die Daten, welche Möglichkeiten der Verknüpfung der Daten gibt es? Neben einem systematischen Review zur Datenqualität fehlt schließlich auch eine kritische Einschätzung der Qualität der Daten mit Bezug auf die Erfordernisse politik- und rechtswissenschaftlicher Forschungsarbeit (‚fitness for use’). Kann die Sozialgerichtsstatistik helfen, sozialwissenschaftliche Forschungsfragen zu beantworten? Inwieweit kann z.B. aus Gerichtsdaten auf das gesamte Leistungsgeschehen rückgeschlossen werden? Bzw. welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass dies möglich ist? Und welche neuen Perspektiven ergeben sich aus der Verknüpfung von verfahrensbegleitend produzierten Daten mit Befragungsdaten (z.B. ALLBUS, SOEP, SHARE o.a.) beispielsweise für die Gesundheits-, Armuts- oder Arbeitsmarktforschung? Die Möglichkeiten der Verknüpfung von prozessproduzierten Daten und Befragungsdaten könnte im Rahmen der Nachwuchsgruppe für eine ausgewählte Fragestellung ausgelotet und erprobt werden. Die Fragestellung hängt dabei von der endgültigen thematischen Ausrichtung der Nachwuchsgruppe ab und würde in der Phase der Konstituierung der Nachwuchsgruppe konkretisiert werden.

Wie werden die einschlägigen Daten gesammelt und aufbereitet?

Eine stärker verwaltungswissenschaftliche und organisationssoziologische Fragestellungen berührende Forschungslücke ist die Frage nach dem Daten- und Informationsmanagement in der Sozialgerichtsbarkeit. Während es für andere Bereiche der öffentlichen Verwaltung umfassende Studien gibt, wie sich im Kontext der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung der Arbeitsabläufe die Techniken der Datenerhebung und Archivierung und damit auch Verwaltungskulturen und Personalstruktur verändern (Beyer 1992; Jann/Edeling/Wagner 2004; Lenk/Meyerholt/Wengelowski 2014), fehlen solche Studien zur Sozialgerichtsbarkeit. Mit der Frage nach der Digitalisierung der Arbeitsabläufe sind auch Perspektiven auf Arbeitsbedingungen und -anforderungen in der Sozialgerichtsbarkeit verknüpft. Zwar hört man allenthalben Klagen über wachsende Arbeitsbelastungen in den Gerichten, eine empirische Validierung dieser Entwicklung fehlt jedoch.

Wie werden Daten der Sozialgerichtsbarkeit bislang genutzt?

Die vierte Fragestellung bezieht sich auf die bisherige Nutzung von Sozialgerichtsdaten, zum einen in der Forschung, zum anderen in Politik, Administration und Zivilgesellschaft. Um sich über den Stand der methodischen Grundlagen der empirischen Forschung zur Sozialgerichtsbarkeit zu vergewissern, wäre beispielsweise die Durchführung einer Meta-Analyse vorstellbar. Im Kontext der Nachwuchsgruppe wären dabei insbesondere Meta-Analysen relevant, die sich mit den methodischen Grundlagen der Forschung zu Sozialrecht und Sozialpolitik oder zum Rechtsschutz im Sozialrecht im internationalen Vergleich befassen, um so Querbezüge zu den Forschungsschwerpunkten 1 und 3 herzustellen.

Untersuchungsmethoden im Schwerpunkt 2:

Anders als in den Forschungsschwerpunkten 1 und 3 geht es hier nicht in erster Linie um (Primär-)Erhebungsmethoden, sondern um Heuristiken der Verknüpfung verschiedener Datenarten (z.B. Querschnitts- und Verlaufsdaten), wie sie etwa im Qualifikationsspektrum eines politikwissenschaftlich interessierten Data-Scientisten liegen könnten. Empirische Daten verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Aggregationsniveaus sollen unter rechts- und politikwissenschaftlichen Fragestellungen technisch verknüpft und dann mit ambitionierten statistischen Verfahren (re-)analysiert werden. Qualifizierungsarbeiten, die sich mit den wachsenden Beständen und der Güte von Sozialgerichtsdaten und den (noch zu) schaffenden Schnittstellen zu anderen bevölkerungsrepräsentativen Surveys auseinanderzusetzen hätten, wären stärker auf der methodologischen Ebene angesiedelt und würden gänzlich neue Möglichkeiten für die Forschung zu Sozialrecht und Sozialpolitik eröffnen. Als grundlegende Voraussetzungen dafür, müssten geeignete Prüfverfahren zur internen und externen Validierung der Daten erarbeitet werden und methodisch-technische Ansätze fortentwickelt werden, die Erschließung, Aufbereitung und Analyse sozialrechtlicher Daten ermöglichen bzw. erleichtern, ohne mit den Grundsätzen des Datenschutzes oder des sozialgerichtlichen Verfahrens (Beratungsgeheimnis) in Konflikt zu kommen.

Schwerpunkt 3: Rechtsschutz im Sozialstaat im internationalen Vergleich

Im dritten Schwerpunkt der Nachwuchsgruppe soll vergleichend untersucht werden, inwiefern sich der Rechtsschutz in Angelegenheiten des Sozialrechts in Deutschland von dem in anderen entwickelten Ländern mit sozialem Sicherungssystem innerhalb und außerhalb der EU unterscheidet. Hier soll insbesondere herausgearbeitet werden, wie die in anderen europäischen Ländern praktizierte Integration des Rechtsschutzes im Sozialrecht in Arbeits- oder Verwaltungsgerichtsbarkeiten oder der im außereuropäischen Ausland – etwa in Süd- und Ostasien – stark zurückgenommene Rechtsschutz sich auf die Ausgestaltung des Sozialstaats im Ganzen auswirkt.

Forschungsthemen im Schwerpunkt 3:

Die Forschung im Schwerpunkt 3 wird von den drei folgenden Untersuchungszielen geleitet.

1. Typologisierung des Rechtsschutzes im Sozialstaat im internationalen Vergleich

In Forschungsschwerpunkt 3 soll eine Typologie des Rechtsschutzes im Sozialstaat aus interdisziplinärer Perspektive entwickelt werden. Hierbei interessiert, inwieweit dabei die Typenbildungen der Politikwissenschaft und der Rechtswissenschaft in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden können. Gibt es eine Wahlverwandtschaft zwischen den ‚Welten des Wohlfahrtsstaats‘ (Esping-Andersen 1990) und den ‚Welten des Rechtsschutzes im Sozialstaat‘? Für politikwissenschaftliche Sozialstaats-Typologien ist u.a. auch relevant, wie Verbände – insbesondere die des Erwerbslebens – und Selbsthilfeorganisationen in die institutionellen Strukturen eingebunden sind. Typischerweise wird hierbei die Rolle der Verbände in der Phase des Agenda-Settings, der Politikformulierung und der Implementation analysiert und korporatistische von stärker pluralistischen Sozialstaaten unterschieden (Reutter 2012; Reutter/Rütters 2001). Prozesse der Interessenvermittlung finden jedoch nicht nur im Bereich der Legislative und der Exekutive statt, sondern auch – siehe Schwerpunkt 1 – in der Judikative. Verbände nehmen bei der Vertretung der Interessen der Klägerinnen und Kläger in sozialgerichtlichen Verfahren eine zentrale Rolle ein und nutzen den Rechtsschutz durchaus auch im eigenen Organisationsinteresse. Die Dimension des Rechtsschutzes im Sozialstaat spielt in den einschlägigen Typologien der vergleichenden Sozialstaatsforschung bislang jedoch keine Rolle. Ein Ziel in Schwerpunkt 3 könnte daher sein, diese Forschungslücke zu schließen. In Analogie zu den Annahmen des Schwerpunktes 1 wird davon ausgegangen, dass die im internationalen Vergleich unterschiedlichen Formen der verbandlichen Interessenvermittlung sich auch in den institutionellen Strukturen des Rechtsschutzes im Sozialstaat manifestieren, zugleich jedoch der Rechtsschutz auch eine eigenständige Typologie verlangt. Die Vorstudien, die im Kontext der Entwicklung des Forschungsantrags durchgeführt wurden,lassen darauf schließen, dass der Rechtsschutz im Sozialstaat institutionelle Unterschiede aufweist, die jedoch zumindest zum Teil als funktionale Äquivalente gedeutet werden können und die auf übergreifende Bedürfnisse und Entwicklungstendenzen hinweisen. Dies betrifft nicht nur die Formen der Beratung und Rechtsvertretung im sozialstaatlichen Rechtsschutz (Selbstvertretung, Anwaltschaft, Vertretung durch Verbände wie Gewerkschaften und Behindertenverbände). Relevant ist in diesem Kontext darüber hinaus die strukturelle Asymmetrie zwischen Bürgerinnen und Bürger und Behörde, auf die verfahrensrechtlich mit der Amtsermittlung reagiert wird. Im Rahmen der Typenbildung des Rechtsschutzes im Sozialstaat sollen diese funktionalen Äquivalente (wie z.B. das skandinavische Ombudsman-System, siehe Köhler 2010) eingehend untersucht werden. Hierzu gehört auch die Erfassung und Analyse der unterschiedlichen Formen der verwaltungsinternen Vorprüfung (Widerspruchsverfahren) und der Beteiligung Ehrenamtlicher am Rechtsschutz, die aus Verbänden und zivilgesellschaftlichen Akteuren rekrutiert werden.

Insgesamt zeigen die Vorstudien, dass der Rechtsschutz in den als „liberal“, „sozialdemokratisch“ und „nordisch“ apostrophierten Staaten Nord- und Westeuropas sowie der angelsächsischen Welt eher in die Verwaltungsgerichtsbarkeit integriert ist, wobei die nordischen Staaten die Besonderheit eines starken verwaltungsinternen Schutzsystems haben, also auf eine vorgerichtliche Klärung setzen. In den als „konservativ“ oder „korporatistisch“ bezeichneten Staaten Zentraleuropas ist der Schutz eher den Arbeitsgerichten und ordentlichen Gerichten zugeordnet (Eichenhofer 2012; Kaufmann 2010), ebenso in Südeuropa (vgl. z.B. Altschwager-Hauser/Reinhard 2000). Deutschland hat eine Zwischenstellung, indem die Sozialgerichtsbarkeit ganz eigenständig ausgestaltet ist, wobei historisch und strukturell eine Nähe zur Arbeitsgerichtsbarkeit, nach der Verfahrensordnung zur Verwaltungsgerichtsbarkeit besteht. In vielen Staaten Ost- und Südasiens ist der Rechtsschutz in Sozialleistungsfragen schwach ausgeprägt (Cha 2015).

2. Rechtsschutz im Sozialstaat im Wandel: die Rolle internationaler Kooperation

Für Forschungsschwerpunkt 3 ist darüber hinaus von Relevanz, inwiefern die Entwicklung der nationalen Konfigurationen des Rechtsschutzes im Sozialstaat durch Einflüsse von ‚außen‘ bestimmt wird. Hier sind etwa Einflüsse der internationalen Menschenrechtspakte (EMRK; Sozialpakt/ Zivilpakt), der ILO und der EU in den Blick zu nehmen. Diese Pakte und Organisationen haben zwar keine unmittelbaren spezifischen Anforderungen an den Rechtsschutz im Sozialrecht formuliert, setzen aber ein (gerichtliches) Rechtsschutzsystem voraus. So wurden Verwaltungs- und Sozialgerichtsbarkeit in Schweden erst wegen einer Verurteilung durch den EGMR wegen Verletzung von Art. 6 EMRK eingeführt (Köhler 2010: 20).

Neben der rechtlichen Bindungswirkung internationaler Pakte kann die internationale Kooperation und Kommunikation innerhalb der Organisationen auch zu einer Annäherung durch Politikdiffusion (Holzinger 2007) oder Rezeption (Hänlein 1998; Hirsch 1981) führen. In der Politikwissenschaft wird Politikdiffusion als ein Prozess der freiwilligen Nachahmung von Politiken, Programmen, Ideen definiert. In den Rechtswissenschaften beschreibt der Begriff der Rezeption die Übernahme von Rechtsinstituten – zum Teil auch von konkreten Gesetzesformulierungen – aus einem anderen Land in das eigene Rechtssystem. Das in diesem Zusammenhang entwickelte Konzept der so genannten „legal transplants“ (Watson 1974) und die damit verbundenen Prozesse und Grenzen der Politikdiffusion werden in der Rechtswissenschaft sowie in der Rechtssoziologie diskutiert (kritisch vor allem: Teubner 1998), bisher allerdings kaum mit Bezügen zum Sozialrecht. Hier liegt sowohl policy-spezifisch als auch theoretisch-konzeptionell ein großes Potential für interdisziplinäre Arbeiten an der Schnittstelle von Rechtswissenschaft, Rechtssoziologie und Politikwissenschaft. Die freiwillige Nachahmung von Politiken, Programmen, Ideen bzw. die Übernahme von Rechtsnormen kann ein Ergebnis von Prozessen des rationalen Lernens sein. Politikdiffusion oder Rezeption kann aber ebenso auf die Imitation eines als angemessen oder legitim erachteten Verhaltens anderer Nationalstaaten zurückzuführen sein. Insbesondere im letzteren Fall ist häufig ein ‚decoupling‘ zu beobachten, das heißt eine beschränkte Institutionalisierung, bei der formale Verlautbarungen von den tatsächlichen Prozessen und Strukturen abgekoppelt sind. Das Vorhandensein von internationalen und intergouvernementalen Organisationen begünstigt Politikdiffusion, da diese Organisationen als Transferinstitutionen fungieren. Zudem führt transnationales Recht auch zu stärkeren transnationalen Diskursen in den Rechts- und Politikwissenschaften, die gemeinsame Gegenstände zu bearbeiten haben. Ein aktuelles Beispiel für die Herausbildung interdisziplinärer Diskurse im Rahmen von Transnationalisierungsprozessen bezieht sich auf die Gerichtsforschung selbst. Unter dem Stichwort des „Rechtsprechungsverbundes“ (Rechtswissenschaft) bzw. der ‚transnational communities of courts‘ (Politikwissenschaft) wird in beiden Disziplinen diskutiert, ob und durch welche Mechanismen das Recht transnational durch Rechtsprechung diffundiert und welche Rolle Netzwerke bzw. gemeinsame Diskursräume, wie z.B. inter- und transnationale Organisationen, dabei spielen (Rehder/Schneider 2016; Slaughter 2003; Wiener/Liste 2014). Auch diese Debatte bezieht sich bisher kaum auf das Sozialrecht. Die Nachwuchsgruppe könnte hier einen wertvollen Beitrag liefern. Hier liegt auch wieder eine gemeinsame Schnittstelle zu Schwerpunkt 1, da die ‚communities of courts‘ dort, wo es sie gibt, in erheblichem Maße epistemische Gemeinschaften sein dürften.

3. Rechtsschutz im Sozialstaat in jungen Demokratien mit sich entwickelndem Sozialstaat

Prozesse der Politikdiffusion werden auch für die Entstehung der ‚jungen Sozialstaaten‘ in den Übergangsgesellschaften Ostasien für relevant erachtet (Leisering 2003; Leisering/Liu 2010). In Ländern wie Südkorea, Taiwan, Thailand oder den Philippinen lässt sich im Zuge ihrer ökonomischen und politischen Modernisierung seit den 1990er Jahren auch ein beschleunigter Auf- bzw. Ausbau der sozialstaatlichen Leistungssysteme beobachten. Dieser Prozess wurde als eine ‚nachholende Entwicklung‘ beschrieben, die von den etablierten Modellen westlicher Sozialstaaten stark beeinflusst wurde. Allerdings darf die Entwicklung der jungen Sozialstaaten in Ostasien nicht als eine schlichte Imitation westlicher Regime gedacht werden. Politiken, Programme, Ideen, Rechtsfiguren aus dem internationalen Raum bzw. aus anderen Nationalstaaten werden vielmehr aufgegriffen, auf nationaler Ebene übersetzt und in bestehende institutionelle Strukturen eingepasst. Politikdiffusion bzw. Rezeption ist ein „langsamer Amalgamierungsprozess zwischen dem festgewurzelten Alten und dem hereinströmenden Neuen“ (Hirsch 1981: 14). Die Strukturen der jungen Sozialstaaten lassen sich daher nur durch eine Zusammenschau von ‚sozialer Weltkultur‘, Sozialstaatsinternationalismus und nationaler Politiktradition erklären. Für den Schwerpunkt 3 der Nachwuchsforschergruppe stellt sich daher die Frage, ob auch für den Bereich des Rechtsschutzes in Sozialleistungsfragen eine nachholende Entwicklung konstatiert werden kann. Hierbei interessiert insbesondere welche Elemente welcher sozialstaatlichen Rechtsschutzsysteme rezipiert werden (Hänlein 1998).

Untersuchungsmethoden im Schwerpunkt 3:

Im dritten Schwerpunkt werden vor allem komparative Ansätze entwickelt, also rechtsvergleichende und politikvergleichende Methoden genutzt. Dabei kommen sowohl Metaanalysen (Untersuchungsziele 1 & 2) als auch direkte Ländervergleiche (zur Untersuchung der funktionalen Äquivalente (Untersuchungsziel 2)) und der nachholenden Entwicklung (Untersuchungsziel 3) in Betracht. Die Fallauswahl erfolgt entlang der einschlägigen Typologien der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung. Deutschland kann mit je einem nordischen, einem angelsächsischen, einem südeuropäischen und einem ostasiatischen Land verglichen werden, wobei der Schwerpunkt auf Differenzen und Gemeinsamkeiten in einem zentralen Bereich des spezifisch sozialstaatlichen Rechtsschutzes liegen sollte, etwa der verfahrensrechtlichen und personalen Sicherungen der spezifischen Rechtskultur des Sozialstaates. Für die Untersuchung des sozialstaatlichen Rechtsschutzes in jungen Demokratien mit sich entwickelndem Wohlfahrtsstaat bietet sich insbesondere Südkorea als Fallstudie an, da dieses Land von anderen Übergangsgesellschaften teilweise als Vorbild für ökonomische und politische Modernisierung angesehen wird (Kim 2008: 187) und daher innerhalb der Gruppe der jungen Wohlfahrtsstaaten eine herausragende Stellung einnimmt. Darüber hinaus bestehen bereits funktionsfähige und belastbare Arbeitsbeziehungen zu einschlägigen Forschungseinrichtungen in Südkorea, die Unterstützung beim Zugang zu Literatur und Daten garantieren und sicherstellen, dass die Arbeit am vertiefenden Fallvergleich unmittelbar nach Projektbewilligung beginnen kann.

Zusammensetzung und Auswahl der Nachwuchsgruppe

Die Arbeitsgruppe soll aus einem Postdoktoranden oder einer Postdoktorandin in der Leitung und je einer Doktorandin oder einem Doktoranden pro Schwerpunkt zuzüglich zweier wissenschaftlicher Hilfskräfte bestehen, zusammen also aus sechs Personen. Die Schwerpunkte sollten dabei mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus den Rechts-, Politik- und Sozialwissenschaften besetzt sein, die auch über Kenntnisse und Qualifikationen in einer der jeweils anderen Disziplinen verfügen. Die leitende Person soll sich zum Thema der Nachwuchsgruppe in einer der Disziplinen habilitieren können und an der Einwerbung weiterer Forschungsmittel zur Sozialgerichtsforschung mitwirken. Die Nachwuchsgruppe wird von mehreren Professorinnen und Professoren unterstützt und in ihrer Qualifikation betreut. Zudem lassen die Allgemeinen Bestimmungen zur Promotionsordnung der Universität Kassel zu, dass der Leiterin oder der Leiter der Nachwuchsgruppe an der Betreuung der Doktorandinnen und Doktoranden mitwirkt.

Die Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber wird die Arbeitsgruppe Sozialgerichtsforschung unter Einbeziehung externer Gutachten treffen. Dabei wird sichergestellt, dass alle Mitglieder der Nachwuchsgruppe eine konkrete Qualifikationsperspektive an der Universität Kassel haben; hierzu können ggf. weitere Forscherinnen und Forscher aus dem FoSS hinzugezogen werden.

Betreuung der Nachwuchsgruppe

Diese Personen kommen für eine Erst- oder Zweitbetreuung der geplanten Qualifikationsarbeiten in Betracht und können Auskunft geben:

Schwerpunkt 1: Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik

Schwerpunkt 2: Sozialpolitikforschung mit Sozialgerichtsdaten

Schwerpunkt 3: Rechtsschutz im Sozialstaat im internationalen Vergleich

Arbeitsweise der Nachwuchsgruppe

Folgende Elemente sind von zentraler Bedeutung für die interne Arbeitsweise, um die Kohäsion der Nachwuchsgruppe zu stärken:

  • die Eigenständigkeit der zu rekrutierenden Mitglieder, die in starkem Maße von der thematischen Konsistenz des jeweiligen Forschungsvorhabens abhängt;
  • die interne Kooperationsfähigkeit zwischen den Doktorandinnen bzw. Doktoranden und der Postdoktorandin bzw. dem Postdoktoranden, die in Zusammenhang mit der Wechselseitigkeit thematischer und methodischer Bezugnahmen steht. Die Möglichkeit der wechselseitigen Bezugnahme ist ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl und Rekrutierung der Mitglieder der Nachwuchsgruppe;
  • schließlich wird von Beginn an die professorale Betreuung sichergestellt. Regelmäßige Termine aller an der Nachwuchsgruppe Beteiligten werden vereinbart. Auch interne Workshops, beispielsweise in halbjährlichem Abstand, können einer kohäsiven Arbeitsweise der Nachwuchsgruppe zuträglich sein.
  • Zur Stärkung und Kohäsion der Nachwuchsgruppe trägt zudem der Transfer von Forschungsergebnissen in die Fachöffentlichkeit bei. Die Nachwuchsgruppe wird ihre Arbeitsergebnisse gemeinsam mit der Querschnittsarbeitsgruppe Sozialgerichtsforschung auf Fachtagungen diskutieren und auf Konferenzen vorstellen. Sie soll über eigene Mittel verfügen, um Konferenzen ausrichten zu können, und um Gastvorträge einzuwerben, insbesondere im dritten Schwerpunkt auch international. Zudem ist es sinnvoll, die Doktorandinnen und Doktoranden bereits frühzeitig an das regelmäßige Publizieren von Forschungsergebnissen heranzuführen. Die Initiierung einer Publikationsreihe von „working papers“ kann sinnvoll sein, bedarf aber der Unterstützung durch die betreuenden Professorinnen und Professoren.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die gemeinschaftlichen Aktivitäten der Nachwuchsgruppe, die parallel zur individuellen Arbeit an den jeweiligen Qualifizierungsarbeiten stattfinden.

 

ProjektphaseMeilensteine
01.07.2017 - 31.12.2017
  • Projektbeginn /Einarbeitungsphase /Themenspezifizierung Qualifikationsarbeiten
  • Interner Workshop (Nachwuchsgruppe + unterstützende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler): Diskussion Exposés Qualifizierungsarbeiten, Definition von Querschnittsthemen
  • Entwicklung von Publikationsstrategien / Konzeption von Publikationsformaten (Diskussionsbeitrag, working-papers, Konferenzpapiere o.ä.)
01.01.2018 - 30.06.2018
  • Workshop mit externem/n Gast/Gästen (Fokus: Schwerpunkt 1 Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik
  • Abgabe Zwischenbericht 1
  • Vorbereitung eines gemeinsamen Diskussionsbeitrags/Konferenzpapiers zu Sozialgerichtsbarkeit und Sozialpolitik
01.07.2018 - 31.12.2018
  • Workshop mit externem/n Gast/Gästen (Fokus: Schwerpunkt 2 Sozialgerichtsforschung mit Sozialgerichtsdaten)
  • Vorbereitung eines gemeinsamen Diskussionsbeitrags/Konferenzpapiers zu Sozialgerichtsforschung mit Sozialgerichtsdaten
01.01.2019 - 30.06.2019
  • Workshop mit externem/n Gast/Gästen (Fokus: Schwerpunkt 3: Rechtsschutz im Sozialstaat im internationalen Vergleich)
  • Vorbereitung eines gemeinsamen Diskussionsbeitrags/Konferenzpapiers zu Rechtsschutz im Sozialstaat im internationalen Vergleich)
  • Abgabe Zwischenbericht 2
01.07.2019 - 31.12.2019Interner Workshop zur Diskussion der gemeinsamen Publikationsvorhaben
01.01.2020 - 30.06.2020
  • Interner Workshop zur Vorbereitung der Abschlusskonferenz
  • Abschlusskonferenz
  • Finalisierung Qualifikationsarbeiten
  • Abgabe Abschlussbericht