DFG-Stellungnahme zu Reallaboren

09.07.2026

Professorin Dr. Jana Rückert-John aus dem Fachbereich Oecotrophologie hat maßgeblich daran mitgewirkt. Sie sagt: Die klassische Projektlogik ist wenig geeignet für dieses Format.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat eine Stellungnahme der Ständigen Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) veröffentlicht: „Reallabore in der Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungsforschung: Wie sie gestaltet werden können“. Darin skizziert die Kommission zentrale Gelingensbedingungen für Reallabore und formuliert Empfehlungen, wie diese Forschungs- und Kooperationsform künftig wirksamer unterstützt werden kann. An der Erarbeitung des Papiers war Professorin Dr. Jana Rückert-John aus dem Fachbereich Oecotrophologie maßgeblich beteiligt. Sie ist stellvertretende Sprecherin der SKAE.

Reallabore: Forschung mit Praxispartnerinnen und Praxispartnern unter realen Bedingungen

Reallabore sind ein Ansatz, bei dem Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Praxis, Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft in einem experimentellen Umfeld kooperieren. Charakteristisch ist das Co-Design: Fragestellungen, Vorgehen und Zielsetzungen werden gemeinsam entwickelt. Reallabore ermöglichen damit Erkenntnisse, die nicht nur wissenschaftlich belastbar, sondern auch alltagstauglich und umsetzbar sind.

In Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungssystemen gewinnen Reallabore zunehmend an Bedeutung, etwa bei Fragen der Integration und Vermarktung von Leguminosen (Hülsenfrüchten) oder bei der Gestaltung nachhaltiger und gesundheitsförderlicher Ernährungsumgebungen in Kitas, Schulen oder Krankenhäusern, etwa mit Blick auf Akzeptanz, Kosten-Nutzen-Perspektiven und Präventionspotenziale.

Empfehlungen der SKAE: langfristig, anerkannt, gemeinsam getragen

  • Die Stellungnahme beschreibt die zentralen Herausforderungen von Reallaboren: unterschiedliche Interessen und Ressourcen der beteiligten Akteurinnen und Akteure, rechtliche und administrative Hürden sowie ein hoher Aufwand für Koordination, Kommunikation und Vertrauensbildung. Daraus leitet die Kommission unter anderem diese Empfehlungen ab:
    Langfristige Förderperspektiven: Reallabore sollten mit einem Zeithorizont von mindestens zehn Jahren ermöglicht werden, um belastbare Strukturen und tragfähige Kooperationen aufzubauen.
  • Neue Anreiz- und Anerkennungssysteme: Die in Reallaboren erforderliche Arbeit (Koordination, Transfer, gemeinsame Entwicklung) sollte stärker in wissenschaftlichen Bewertungs- und Karrierewegen berücksichtigt werden.
  • Gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Finanzierung: Reallabore sollten nicht primär aus den klassischen, projektförmigen Wissenschaftsförderstrukturen finanziert werden, sondern als gemeinsame Aufgabe von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.  
  • Verzahnung mit Grundlagenforschung und Feldversuchen: Reallabore können die Lücke zwischen Grundlagenforschung und Praxis schließen; zugleich sollte das klassische Feldversuchswesen weiterhin mitgedacht werden. Die methodische Herausforderung besteht darin, naturwissenschaftliche Forschung mit dem offenen, explorativen Charakter realweltlicher Experimente zu verbinden.

Professorin Rückert-John betont: 

„Kurzfristige Projektlaufzeiten und die üblichen wissenschaftlichen Anreizsysteme erweisen sich als wenig geeignet für Reallabore.“ 
Ziel der Empfehlungen sei es, Reallabore als zentralen Baustein integrierter Systemforschung weiterzuentwickeln und ihre Wirkung für die Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen zu stärken.

Link zur Stellungnahme

Hintergrund: DFG-Senatskommission SKAE

Die Ständige Senatskommission Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) wurde vom Senat der DFG zum 1. Januar 2024 eingerichtet. Sie berät Zielgruppen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu Entwicklungen im Kontext der Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen. Der Kommission gehören derzeit 18 Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen sowie ständige Gäste aus Forschungsinstitutionen an.