Kein Selbstläufer:
Digital unterstützte Therapie erfordert Schulung

06.10.2025

Erneut war die AG Diabetes und Technologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Fulda zu Gast. Tagungspräsidentin Prof. Dr. med. Claudia Eberle blickt auf eine erfolgreiche Jahrestagung.

250 Diabetes-Expertinnen und Experten aus Medizin, Informatik sowie Industrie nahmen an der Jahrestagung der AG Diabetes und Technologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) an der Hochschule Fulda teil, um eine aktuelle Standortbestimmung der digital unterstützten Diabetes-Therapie vorzunehmen. Fachübergreifend waren sich alle einig: Wenn digitale Technologien ihre Potenziale entfalten sollen, bedarf es guter Schulungen – sowohl für das medizinische Personal als auch für Patientinnen und Patienten.

Die Tagung stand unter dem Motto „20 Jahre AGDT“. 2005 war die Arbeitsgemeinschaft Diabetes + Technologie in Fulda gegründet worden. Seither bringt sie Vertreterinnen und Vertreter aus Medizin, Diabetes- und Ernährungsberatung sowie Wissenschaft und Industrie zusammen, um Erfahrungen interdisziplinär auszutauschen und Weiterentwicklungsbedarfe zu formulieren. Die Tagungspräsidentschaft, die wissenschaftliche Leitung und die Co-Veranstaltungsleitung lagen bei Professorin Dr. Claudia Eberle. Die Medizinerin ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, Kardiologie und Notfallmedizin, Ernährungsmedizin und Infektiologie und hat die Professur Innere Medizin und Allgemeinmedizin an der Hochschule Fulda sowie am Universitätsmedizin Marburg – Campus Fulda inne. Seit vielen Jahren forscht sie unter anderem zur klinischen Wirksamkeit digitaler Tools bei Diabetes mellitus und kardiovaskulären Erkrankungen. 

Rasante Technologieentwicklung

Eindrucksvoll führte der Rückblick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte vor Augen, wie rasant sich die Diabetes-Technologie in nur wenigen Jahren entwickelt hat. Vor allem die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) und deren breiter Einsatz seit 2016 eröffnete ganz neue Perspektiven: Die Diabetes-Therapie wurde individueller, und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbesserte sich spürbar, weil sie nicht mehr sechs- bis siebenmal am Tag den Blutzucker blutig messen mussten. Kombiniert mit einer Insulinpumpe eröffneten CGM-Systeme zudem die Möglichkeit, Insulin automatisch zu dosieren. Studien zeigen inzwischen, dass CGM-Systeme nicht nur bei Typ1-Diabetikerinnen und Diabetikern wirksam sind, sondern selbst bei nicht insulinpflichtigen Typ2-Diabetikern die Blutzuckerwerte verbessern können. 

Heute stehen zudem zahlreiche Apps zur Diabetes-Therapie zur Verfügung. Neben Medizin-Apps zur Sekundär- und Tertiär-Prävention mit nachgewiesener Wirkung gibt es auch die sogenannten DiGAs, die digitalen Gesundheitsanwendungen auf Rezept. Sie gehören wie Medikamente zur Kategorie der Medizinprodukte und wurden im Jahr 2020 mit großen Erwartungen vor allem mit Blick auf drohende Lücken in der Versorgung der elf Millionen Diabetikerinnen und Diabetiker in Deutschland eingeführt.

Haben sich die Erwartungen erfüllt? Wenn nicht, was müsste sich ändern, damit Patientinnen und Patienten die technologischen Möglichkeiten bestmöglich nutzen? Darüber wurde auf der Tagung engagiert diskutiert. Die Teilnehmenden waren sich einig: Technologische Lösungen sind keine Selbstläufer. Ihr Einsatz hat Ärztinnen, Ärzte und Diabetesberaterinnen nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil: Der Praxisalltag zeige, dass Kommunikation und Schulungen wichtiger denn je seien. Ohne eine gute Unterstützung der Technologien würden deren Potenziale verpuffen.

Effektiver Technologieeinsatz macht Arbeit

„Auch AID-Systeme, also Systeme zur automatischen Insulin-Dosierung, machen Arbeit“, brachte es eine Vortragsrednerin auf den Punkt und hatte dabei nicht nur das medizinische Personal, sondern auch die Patientinnen und Patienten im Blick. Die Betroffenen würden unterstützt, ihr Leben mit der Erkrankung nach eigenen Bedürfnissen zu führen. Doch die Diabetes-Teams könnten keinen Vollservice leisten. Vielmehr müssten Patientinnen und Patienten bereit sein, zu lernen. Schulungen müssten die Fertigkeit vermitteln, sich selbst zu steuern. Ein effektives Diabetesmanagement setze grundlegende Kompetenzen voraus, doch diese seien vor allem bei vielen jüngeren Menschen häufig nicht mehr vorhanden. Das mache maßgeschneiderte Schulungen umso wichtiger. Die Expertin forderte zudem, sich noch mehr Gedanken zu Typ 2-Diabetikerinnen und Diabetikern zu machen, denn auch sie könnten von den neuen Technologien profitieren, nur auf andere Weise. 

Defizite im Technologie-Design 

Professorin Dr. Claudia Eberle, die in ihrem Vortrag die mit der Technologie einst verbundenen Wünsche mit der Wirklichkeit konfrontierte, stellte auch bei Therapeutinnen und Therapeuten große Barrieren und große Unsicherheiten beim Einsatz der DIGAs fest. Trotz großer Vorteile würden DIGAs nur selten verordnet. Ihr Anteil liege derzeit bei nur bei etwa 0,45 Prozent. Grund seien unter anderem Unsicherheiten in Bezug auf die klinische Wirksamkeit der Apps. Um diese auszuräumen, müssten Langzeitstudien durchgeführt werden, allerdings sehe man sich hier großen Herausforderung gegenüber: Das Design der unterschiedlichen DIGAs sei extrem heterogen, was Vergleiche und Empfehlungen schwer mache. 

Auch sie betonte, Ärzte und Patienten seien noch nicht ausreichend für den Einsatz digitaler Tools geschult. Ein weiterer, wichtiger Aspekt: „DiGAs funktionieren häufig unabhängig von ärztlichen Strukturen und Prozessen. In der Folge wenden sich Patient*innen im Sinne einer digitalen Therapieunterstützung nicht an ihre Ärztin oder ihren Arzt“, betonte die Wissenschaftlerin und forderte, DIGAs müssten Teil des gesamttherapeutischen Konzepts werden, damit die behandelnden Ärzte die persönlichen Daten für eine gezielte individualisierte Therapie nutzen könnten. 

Trotz aller Defizite sieht Professorin Eberle viel ungenutztes Potenzial. „In zahlreichen Studien haben wir nachgewiesen, dass mHealth-Apps den HbA1c-Wert erheblich reduzieren und die Werte weiterer klinischer Parameter des Glukosestoffwechsels verbessern. Bei Gestationsdiabetes verbessern sie nicht nur die Blutzuckerwerte der schwangeren Frauen, sondern reduzieren auch signifikant Hypoglykämien, respiratorische Morbidität und Mortalität ihrer neugeborenen Kinder. Auch eine deutliche Reduktion von Glukoseparametern und Komorbiditäten am Beispiel des Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 konnten wir zeigen. Der große Vorteil der durch mHealth-App begleitend unterstützten Diabetestherapie liegt in der Individualisierung der Diabetestherapie.“

Verhaltensänderung erfordert mehr als Technologie

Doch wie genau lassen sich Patientinnen und Patienten für einen dauerhaften, wirksamen Technikeinsatz gewinnen? Konkrete Ansätze und Strategien zur Förderung der Nutzung von Diabetes-Technologie lieferte ein weiterer Vortrag. Technik sei dann hilfreich, so hieß es, wenn sie der persönlichen Zielerreichung diene. Und die Ziele seien so vielfältig wie die Menschen. Es gebe also nicht die eine Lösung für alle. Die Kernfrage laute vielmehr: Was ist für wen unter welchen Bedingungen mit welcher Unterstützung machbar? Und was ist hinderlich bzw. förderlich für eine dauerhafte und optimale Nutzung?  

Für die Therapeutinnen und Therapeuten sei die wichtigste Untersuchungsmethode, zu fragen und zuzuhören. Es gehe auch darum, das Erleben des Patienten zu erfassen und zu berücksichtigen, dass Diabetes-Technologie zu einer kognitiven Belastung führen könne, weil die Betroffenen sich viel mehr mit der Erkrankung beschäftigen müssten. Für eine optimale Nutzung gelte es, die Einstellungen entsprechend anzupassen.  

Zum Abschluss der Tagung gab es noch einen Vorschmack, was die sich rasant entwickelnde KI-Technologie mit ihren selbstständig agierenden Agenten künftig möglich machen wird. Zweifelsohne wird das auch die Diabetes-Technologie ein weiteres Mal verändern. Für den Moment aber, da herrschte Einigkeit, geht kein Weg an der Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal und an einer verbesserten Selbstregulation der Patienten vorbei, zumindest, wenn man die Potenziale der heutigen Diabetes-Technologie optimal nutzen will.