„Konflikte gehören zum Leben“

29.05.2026

Wie wir gut mit Konflikten umgehen und sogar daraus lernen können, erläutert Vizepräsidentin Professorin Dr. Martina Ritter im Interview.

Konflikte so anzusprechen, dass daraus Verständigung entsteht, braucht Übung, manchmal auch Unterstützung von außen. Professorin Dr. Martina Ritter ist Vizepräsidentin für Forschung und Transfer der Hochschule Fulda. Sie hat untersucht, wie wir Konflikte in einer vielfältigen Gesellschaft besser bearbeiten und Interessen aushandeln können. Im Gespräch liefert sie Denkanstöße für ein demokratischeres Handeln im Alltag.

 

Frau Professorin Ritter, viele denken bei Demokratie an Parteien und Wahlen. Sie sagen: Das greift zu kurz. Warum? 

Demokratie wird häufig sehr eng verstanden. Aber Demokratie spielt auch eine Rolle im Alltag: Wie werde ich an Entscheidungen beteiligt, die im Vorfeld konkreter politischer Tätigkeit liegen. Wer wird gehört? Welche Anliegen schaffen es in die politische Diskussion? Es braucht Räume, in denen wir grundlegende soziale Fragen miteinander aushandeln: Welche Art von Zusammenleben wollen wir? Wie wichtig ist uns Respekt, wie gehen wir mit der Frage von Zugehörigkeit um? Dazu forschen wir unter anderem an der Hochschule Fulda.

Der Schwerpunkt der Hochschule liegt doch auf Lebensqualität und Gesundheit. Wie passt das zusammen?  

Lebensqualität ist mehr als die Erfüllung von Grundbedürfnissen. Sie hängt auch davon ab, wie Menschen sozial eingebunden sind: ob sie sich an ihrem Ort zugehörig fühlen, ob sie sich beteiligen und mitbestimmen können. Und diese Fragen berühren unmittelbar auch Gesundheit. Es ist gut belegt, dass Armut krank macht. Hinzu kommt, dass Menschen, die von Armut oder sozialem Ausschluss betroffen sind, ihre demokratischen Rechte oft schlechter wahrnehmen können, weil sie entweder tatsächlich weniger Gelegenheiten haben, oder weil sie den Eindruck haben, ihre Stimme zählt nicht. Es hängt also alles zusammen.

In einem Projekt haben sie untersucht, wie Konflikte in der Migrationsgesellschaft bearbeitet werden können. Warum gibt es so viele Konflikte?

Konflikte entstehen nicht erst durch Migration. Sie gehören zum sozialen Leben grundsätzlich dazu, weil Menschen unterschiedlich sind. Selbst Menschen mit ähnlichem Hintergrund bringen unterschiedliche Erfahrungen, Werte, Interessen mit. Wenn Menschen aus anderen sozialen Welten kommen, sind die Unterschiede noch sichtbarer: wie man die Welt versteht, wie man spricht, sitzt, grüßt, was als respektvoll gilt. Daraus entwickeln sich nicht immer Konflikte, aber Differenzen. Und diese können zu Konflikten werden, wenn Ängste entstehen, etwas zu verlieren, oder wenn Menschen sich unverstanden fühlen. Demokratische Gesellschaften müssen deshalb Formen finden, Unterschiedlichkeit so zu verhandeln, dass Konflikte nicht eskalieren. Wenn das gelingt, dann können Konflikte sogar helfen, den eigenen Horizont zu erweitern, andere Perspektiven zu verstehen und sich zu entwickeln. Entscheidend ist also nicht, Konflikte zu vermeiden, sondern gut mit ihnen umzugehen. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle gleich denken. Das wäre nicht nur langweilig, sondern auch problematisch: Wir brauchen das Gegenüber, das Andere, um überhaupt ein „Ich“ zu sein.

Wir erleben gerade, dass sich viele Menschen in ihre „Bubble“ zurückziehen. Was passiert da?

Ein bisschen „Bubble“ brauchen wir alle. Menschen brauchen ein soziales Umfeld, in dem sie sich aufgehoben fühlen, Bestätigung und Zugehörigkeit erleben. Problematisch wird es, wenn die eigene Filterblase so tut, als sei sie die ganze Welt, wenn also nicht mehr gesehen wird, dass es außerhalb der eigenen Perspektive andere Lebenswelten gibt, die nicht weniger berechtigt oder wertvoll sind.

Die Sozialen Medien bergen hier ein besonderes Risiko: Sie locken Grobheit hervor. Wer einem Menschen gegenübersitzt, hat oft eine größere Hemmung, erniedrigende oder abwertende Sätze zu sagen, weil Scham und unmittelbare Rückmeldung wirken. Am Handy dagegen ist eine Beleidigung schnell getippt. Anonymität und Distanz schalten alle Hemmungen aus. Das verzerrt den Umgang mit Konflikten. 

Oft wird grobe oder verletzende Sprache als Meinungsfreiheit verteidigt.

Wenn ich einen anderen Menschen verbal erniedrige, dann ist das keine Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit bedeutet, dass ich meine Interessen äußern kann, aber immer so, dass ich einem anderen Menschen mit Respekt begegne, weil er oder sie ein Mensch ist. Wenn das verloren geht, dann begeben wir uns auf einen gefährlichen Weg.

Wie kann Konfliktlösung gelingen? 

Viele Menschen sind nicht geübt, Konflikte frühzeitig und offen anzusprechen oder überhaupt zu formulieren, was sie sich wünschen. Sicher kennen das viele: Wenn sich Lebenssituationen verändern, entstehen oft unausgesprochene Erwartungen. In Paarbeziehungen wird das beispielsweise nach der Geburt eines Kindes deutlich. Aufgabenverteilungen werden als unfair erlebt, aber meistens wurde vorher nicht besprochen, wie man Verantwortung teilen will. Gesprochen wir erst, wenn die Wut schon da ist. 

Aus meiner Forschung weiß ich, dass Eskalation häufig dort beginnt, wo keine Gesprächsform gefunden wird, Differenzen zu verhandeln. Beispiel: In einer ruhigen Straße wurde ein großes Haus für Geflüchtete gebaut. Unterschiedliche Lebensrhythmen prallten aufeinander – nächtliche Ramadan-Feiern hier, frühes Aufstehen dort. Statt rechtzeitig die jeweiligen Bedürfnisse zu formulieren, beschwerten sich beide Seiten übereinander und schrien sich an. Irgendwann war die Situation nicht mehr heilbar. 

In sicheren Beziehungen kann man mal ausprobieren, offener zu sprechen. Wichtig ist, das ausdrücklich als gemeinsames Vorhaben zu benennen. Also zu sagen: Ich möchte das anders machen, ich möchte üben, offener zu sprechen. Wollen wir das zusammen versuchen?

Und wie kommen Menschen auf gesellschaftlicher Ebene wieder miteinander ins Gespräch?

Manchmal schaffen es die Beteiligten nicht alleine. Dann braucht es aus der Kommune oder Stadt Personen, die den Prozess begleiten und eine Brücke bauen, das heißt, einen Rahmen schaffen, in dem man Fragen stellen und Unsicherheiten aussprechen kann, ohne dass die Situation sofort eskaliert. Denn ohne Klärung wächst schnell Misstrauen oder sogar Rassismus. Man muss versuchen, sich in die Rolle des anderen zu versetzen. In der Soziologie heißt das „taking the attitude of the other“. Das ist eine Kompetenz, die wir alle haben. Schließlich lernen wir Sprache, indem wir uns in andere hineinversetzen. 

Wie haben Sie das in Ihren Projekten konkret gemacht?  

Wir haben mit Menschen gesprochen, die geflüchtet sind; dann mit Engagierten, die Geflüchtete betreuen; und außerdem mit jenen, die eine ablehnende Haltung zur Migration haben. Mit dieser Gruppe war es schwer, überhaupt ins Gespräch zu kommen.

Von den Geflüchteten hörten wir, sie würden sich wünschen, mehr Deutsche kennenzulernen, wüssten aber nicht wie. Engagierte berichteten, dass sie wegen ihres Einsatzes angefeindet werden und nicht mehr so offen darüber sprechen. Wir haben im Team versucht, die Themen zu ordnen: Manche Konflikte drehten sich um Gepflogenheiten, andere um Normen oder Werte. Wenn man das unterscheidet, werden Einigungen leichter. Anschließend wurden alle zusammen eingeladen, um in Gesprächen weiterzuarbeiten.

Sind wir noch fähig, Konflikte friedlich zu lösen in Zeiten, in denen autoritäre Ideen an Anziehungskraft gewinnen?  

Demokratie ist komplex und verlangt Anerkennung und Beteiligung. Wenn Menschen verunsichert sind, können autoritäre Strukturen attraktiv werden. Aber man sollte sich bewusst machen: Sie betreffen nicht nur die anderen. Auch das eigene Leben würde an Freiheit verlieren. Und wer heute meint, er sei sicher, kann morgen selbst betroffen sein: durch Krankheit, Behinderung, Jobverlust. Dann braucht man genau die solidarischen Sicherungen, die in einer autoritären Politik schnell unter Druck geraten. Ich wünsche mir, dass die Menschen keine Angst mehr vor Konflikten haben und lernen, Differenzen zu bearbeiten und Konflikte aufzulösen. Und dass Gemeinden Ressourcen schaffen, um solche Prozesse begleiten zu können. 

 

Das Interview erschien zuerst auf der regionalen Wissensseite der Hochschule Fulda im Anzeigenblatt "Marktkorb" am 2. Mai 2026.

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