Demokratie und Wissenschaftsfreiheit:
„Es ist noch nichts verloren“

11.07.2025

Das Expertenpodium: Dr. Rainer Gruhlich (HMWK), Professor Dr. Mathias Risse (Harvard University) sowie Professorin Dr. Claudia Wiesner, Christina Fischer und Professor Dr. Matthias Klemm von der Hochschule Fulda (beide Fotos: Muriel Wenzel)

Das Jean Monnet Centre of Excellence „Europe in the World“ hatte zum Auftakt im Juni Professor Dr. Mathias Risse von der Harvard University eingeladen.

Wie steht es um Demokratie und Wissenschaftsfreiheit in den USA? Ist auch dort der Autoritarismus auf dem Vormarsch? 

Die vorerst erleichternde Antwort: Das ist noch keineswegs sicher. Professor Dr. Mathias Risse, der in Harvard lehrt und im Juni zur Eröffnung des Jean Monnet Centre of Excellence (CoE) „Europe in the World“ an der Hochschule Fulda sprach, beschrieb eindrücklich di Erfolge sowohl des Widerstandes seiner Universität gegen die Eingriffe der US-Regierung als auch der US-Bürgerinnen und Bürger bei aktuellen Protesten. 

Die US-Regierung versuche durchaus politisch Einfluss auf die Wissenschaft zu nehmen. Die Lage sei ernst, doch die aktuellen Dynamiken würden Hoffnung geben. Seine Universität wehre sich rechtlich. Auch von der Gesellschaft komme Gegendruck. Rund sieben Millionen Menschen hätten an den Demonstrationen der „No Kings-Bewegung teilgenommen – das zeige die Stärke der amerikanischen Zivilgesellschaft. 

Risse stellte fest: „Aktuell befinden wir uns in einer dialektischen Phase. Es ist noch nichts verloren.“ Die Regierung lote ihre Möglichkeiten aus. Umso wichtiger sei es, jetzt Widerstand zu leisten. 

Was heißt das für Europa? Zu Beginn der Veranstaltung erläuterten die vier Masterstudierenden Frederiki Eracleous, Benedetta Favotto,  Saodat Gazieva und Mahammad Samadov aus dem Programm „Human Rights in Law, Politics and Society“, was Europa für sie bedeutet: Freiheit und Demokratie standen an vorderster Stelle.

Die vier Studierenden sitzen im Halbkreis. Eine Studentin hält das Mikrofon und spricht.

Im abschließenden Expertenpodium ging es dann um die Wissenschaftsfreiheit. Diese stehe auch in Europa unter Druck, stellte Professorin Dr. Claudia Wiesner, Leiterin des CoE, fest. „Wissenschaftsfreiheit bedeutet, auch diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die nicht die eigene Sichtweise vertreten. Doch auch in Deutschland und in Fulda gibt es heute regelmäßig Debatten darüber, was Wissenschaft sagen darf“.

Dr. Rainer Gruhlich vom Hessischen Wissenschaftsministerium betonte: „Wir sind überzeugt, dass ein offener Dialog essentiell ist für gute Wissenschaft“, wobei die Wissenschaft definiere, was „gut“ bedeute, nicht die Politik. Risse verwies darauf, wie wichtig es sei, immer wieder klarzumachen, dass Werte wie Wissenschaftsfreiheit nicht leicht zu erringen seien und verteidigt werden müssten.

Dass damit keineswegs gemeint ist, Wissenschaft solle aktivistisch werden, zeigte die weitere Diskussion. Professor Dr. Matthias Klemm stellte klar: „Aufgabe der Wissenschaft ist es, Wissen zu produzieren, nicht Politik zu machen“, und Doktorandin Christina Fischer gab zu bedenken: „Wenn Wissenschaft zu emotional wird, dann wird sie verletzlich.“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten sich als Bürgerinnen und Bürger selbstverständlich politisch positionieren, sollten aber Wissenschaft und persönliche Perspektive klar voneinander trennen. Gruhlich brachte es schließlich auf den Punkt: „Um die Wissenschaftsfreiheit zu erhalten, brauchen wir mündige Bürger.“

 

Über das Jean Monnet Centre of Excellence (CoE) “Europe in the World”
Das Jean Monnet Centre of Excellence (CoE) “Europe in the World” versteht sich als Nexus der wissenschaftlichen Debatte über die Rolle Europas und der EU in einem komplexen globalen Kontext. Das CoE verfolgt das Ziel, diese Rolle kritisch und aus vielen verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.
 

Mehr Infos zum CoE „Europe in the World“ 

Die Keynote zum Nachhören

Hinweis: Der Text erschien in leicht gekürzter Form gedruckt am 12. Juli 2025 auf der regionalen Wissenschaftsseite und ist hier abrufbar.
 

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