Teilprojekt 'Biographie'

Mit Blick auf globale Krisen fordern Zeitdiagnosen, dass Menschen die Beziehungen zu sich und ihrer Umwelt um ihrer Zukunft willen anders gestalten. Aber welche Zukünfte und Gemeinschaften sind für Menschen in gesellschaftlichen Krisen überhaupt relevant und möglich? – Wir gehen Erfahrungen und Hoffnungen von Menschen nach, die in Kontexten von Krieg, Verelendung und Umweltzerstörung leben, und untersuchen, welche biographischen Zukunfts- und Gemeinschaftsbezüge sie trotz solcher Krisen aufbauen.
Im Teilprojekt „Biographie“ untersuchen wir, welche Bedeutung Zukunft und Gemeinschaft für die Lebensgeschichten von Menschen haben, die existenzielle gesellschaftliche Krisen durchleben. Zu diesen Krisen zählen unter anderem Kriege, ökonomische Einbrüche und ökologische Zerstörungen und sie haben existenziellen Charakter, da mit ihnen lebensweltliche Gewissheiten, soziale Netzwerke und materielle Lebensgrundlagen prekär werden oder gar erodieren. Sie stellen Zugehörigkeiten zu und Grenzziehungen von Gemeinschaften in Frage, unterlaufen Hoffnungen und antizipierte Zukünfte und verlangen von Menschen, sich in ihrer persönlichen und sozialen Lebenspraxis neu zu orientieren. Die Erforschung dieser Krisen verspricht daher nicht nur Erkenntnisse über die Art und Weise, wie solche gesellschaftlichen Einbrüche bewältigt werden. Auch ermöglichen sie Einsichten in die grundlegenden Praktiken und Prozesse, durch die Menschen Zukunfts- und Gemeinschaftsbezüge aufbauen und den Vollzug ihrer persönlichen und kollektiven Lebensgeschichte gestalten.
Zur Erforschung dieser Fragen rekurrieren wir auf das sozialtheoretische und methodologische Konzept der „Biographie“. Als erlebte und erzählte Lebensgeschichten erfassen Biographien nicht nur gegenwärtige Orientierungen, sondern auch vergangene Erfahrungen und zukunftsgerichtete Selbstentwürfe. Zudem ermöglichen sie als soziale Konstruktionsleistungen eine Verortung der menschlichen Lebenspraxis in ihren sozialen und gesellschaftlichen Kontexten und geben somit einen Blick auf die Lebensgeschichte frei, der über das individuelle Schicksal hinausweist. Mit dem Konzept der Biographie können wir also die existenziellen Krisenerfahrungen und die darin erwachsenden Zukunfts- und Gemeinschaftsbezüge sowohl in ihrer sozio-historischen Genese als auch in ihrer gesellschaftlichen Konstitution erforschen. Das ermöglicht, ein möglichst ganzheitliches Bild der Menschen und ihrer Lebenslagen zu zeichnen und in aller Komplexität die Bedeutung von Zukunft und Gemeinschaft für ihre krisenbedingten Existenzweisen zu rekonstruieren.
Datengrundlage dieser Forschung sind lebensgeschichtliche Interviews, Netzwerkanalysen, Familiengenogramme, fokussierte Ethnographien und historische Recherchen. Diese Materialien erheben wir weltweit auf vier regionalen Feldern. Im Fokus stehen dabei Regionen, deren jüngste Geschichten von existenziellen gesellschaftlichen Krisen geprägt sind. In der Gegenüberstellung dieser Felder wollen wir unsere Forschungsfrage um einen globalen Kulturvergleich erweitern. So können wir sowohl die sozio-kulturellen Spezifik von Zukunfts- und Gemeinschaftsbezügen besser konturieren, als auch geteilte Erfahrungen und Praktiken zwischen den Fällen herausarbeiten.
Das erste regionale Feld unserer Untersuchung ist der Sudan, dessen Bevölkerung aktuell mit einer Vielzahl an gesellschaftlichen und ökologischen Krisen konfrontiert ist. Über einen prozessualen Samplingprozess werden wir im Verlauf der Forschung drei weitere Felder erschließen.



Prof. Dr. Rixta Wundrak
Empirische Sozialforschung mit Schwerpunkt Qualitative Methoden

Dr. Phil. Felix Roßmeißl
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Shaping Future Society