Teilprojekt 'Protest'

Wie entsteht eine wünschenswerte Zukunft inmitten der krisenbehafteten Gegenwart durch Prozesse der Vergemeinschaftung und Solidarisierung? Das Teilprojekt "Ökologische Solidarität – Lokale Artikulationen zukunftsorientierter Praktiken und Diskurse inmitten der Klimakrise” untersucht wie zeitgenössische ökologische Protestbewegungen durch zukunftsorientierte Praktiken die Utopie einer nachhaltigen und solidarischen Gesellschaft vorwegnehmen und umsetzen können.
Zukunftsgerichtete Praktiken sind in den ineinander verwobenen ökonomischen, politischen und ökologischen Dimensionen der Krisen der Gegenwart verankert. In diesem Kontext zeichnet der Begriff der Klimakrise ein Zukunftsszenario, in dem die kapitalistische globale Ökologie und die endlose Eroberung und Ausschöpfung der Erde und ihrer Ressourcen einen globalen Krisenzustand hervorgerufen haben, der für sozial-ökologische Regeneration und Reproduktion nichts mehr zur Verfügung stellt (Moore 2021: 749). Der Begriff der Krise kann jedoch auch den Moment des Übergangs zu etwas Anderem markieren (Vradis & Dalakoglou 2011: 15). Unter sich ständig verschlechternden Überlebensbedingungen in Zeiten der Transformation (Tsilimpounidi 2016), ist die Erkundung der „Möglichkeiten des Überlebens auf den Ruinen des Kapitalismus“ (Haraway 2016: 37) eine kollektive Notwendigkeit – auch um sich nicht aus der Verantwortung für die Effekte der Klimakrise in anderen Regionen zu ziehen. Das Zukunftsszenario der Klimakrise zwingt zur Überlebenskunst – „Die Kunst des Überlebens auf einem zerstörten Planeten“, wie die posthumanistische Theoretikerin Anna Tsing es beschreibt (Tsing u.a. 2017) - und wirft gleichzeitig die Frage nach Solidarität beim Überleben in der Zukunft auf, Fragen zur Vergemeinschaftung von verschwindenden Ressourcen und bewohnbarem Land, Fragen zur Mobilität weniger Privilegierter und zur Abschottung zukünftiger Gesellschaften.
Um sich, sowohl als Forschende als auch gesamtgesellschaftlich, solchen Fragen stellen zu können, verwendet und entwickelt dieses Teilprojekt Methoden, welche die Bildung einer kollektiven, fiktionalen, träumerischen, utopischen Vorstellungskraft in eine übertragbare Technik qualitativer Forschung verwandeln (Shukaitis und Graeber 2007: 32). Hierfür führen wir partizipative ethnographische Forschung in Waldbesetzungen und in europäischen ruralen (Grenz)regionen durch und bilden sowohl die hier entstehenden alternativen zwischenmenschlichen Beziehungen als auch neue Mensch-Umwelt Beziehungen ab, um die Begriffe der Vergemeinschaftung und der Grenzen-überwindenden Solidarität zu erweitern. Dabei werden auch solche zukunftsgerichteten Praktiken in den Vordergrund gerückt, die ohne das kontingente Aufleuchten einer Demonstration oder einer Protestaktion auskommen und im Alltag verankert sind. In Dialog mit posthumanistischen Theorien (Haraway 2016, Latour 2020), relationalen Ontologien indigener Gemeinschaften (Kohn 2013, de la Cadena/Blaser 2018), materialistischen Perspektivierungen auf die ökologische Krise (Saito 2023, Schaupp 2024, Brand/Wissen 2024) sowie mit einem Fokus auf Praktiken von care und caring in „einer mehr-als-menschlichen Welt“ (Puig de la Bellacasa 2017) möchten wir Zufluchtsorte für zukunftsgerichtete und solidarische Praktiken mit allen uns begleitenden Spezies, einer „multispezies Solidarität“ (Haraway 2016: 36), untersuchen.
Übertragen auf ein sozio-politisches Verständnis zukunftsgerichteter Praktiken gesellschaftlicher Akteure in ökologischen sozialen Bewegungen und „nicht-Bewegungen“ (Bayat 2013), können diese unter dem Begriff einer ökologischen Klasse zusammengefasst werden. Durch den Bezug die klassenpolitische Dimension ökologischer Fragen, wollen die Stichwortgeber Bruno Latour und Nikolaj Schultz „politische Dynamiken in der Begrifflichkeit sozialer Konflikte, der Herausbildung von Erfahrungen und kollektiver Horizonte“ (Latour & Schultz 2022: 13) hervorheben. Definiert durch die materiellen Bedingungen der Existenz in der Klimakrise (ebd.:19), knüpft der Begriff einer ökologischen Klasse an eine posthumanistische politische Ökologie an und führt zu Vergemeinschaftung im Sinne der Gemein-Werdung („making-kin“) in ökologischer Solidarität für ein kollektives Überleben. Die so theorisierten politischen Praktiken bilden die empirische Grundlage des Teilprojekts in den widerständigen Territorien besetzter Wälder und kollektiv verwalteter Landstriche.



Dr. Sebastian Garbe
Wissenschaftliche Koordination FGCSS & Teilprojektleiter im Forschungsimpuls Shaping Future Society (SaFe)
