Forschungsschwerpunkt

 

Im Fokus des Forschungsimpulses „Shaping Future Society“ (SaFe) steht die Frage, wie Gemeinschaften sich mithilfe von Alltagspraktiken, die sich an alternativen Zukunftsvorstellungen ausrichten, auf Krisen einstellen. Dazu richtet SaFe den Blick auf etablierte und neue Vergemeinschaftungen, die schon jetzt krisenresiliente Zukunftsentwürfe umsetzen. Ziel ist es, den Zusammenhang von Vergemeinschaftung und zukunftsorientierten Praktiken besser zu verstehen.

Spätmoderne Gesellschaften sind von vielfältigen Unsicherheiten geprägt, die häufig als Krisen wahrgenommen werden. SaFe nimmt diese gesellschaftliche Volatilität als Ausgangspunkt und untersucht unterschiedliche soziale Akteur*innen, die auf diese Krisen mit alternativen Zukunftsvorstellungen und mit zukunftsgerichteten Praktiken reagieren.

Gemeinschaften gelten dabei als konstitutives Element sozialer Ordnung, das Handlungsmöglichkeiten strukturiert und zugleich als Katalysator für die Entwicklung und Stabilisierung zukunftsgerichteter Praktiken fungiert.

SaFe verfolgt einen empirisch fundierten Zugang zur grundlagentheoretischen Erforschung aktueller, zukunftsorientierter und präfigurativer Ansätze. In methodischer Hinsicht werden sowohl ethnografische Ansätze als auch standardisierte Verfahren genutzt. SaFe integriert zudem Grundlagen- und anwendungsbezogene Forschung in einem transformativen und transdisziplinären Rahmen.

Soziologische Gesamtkonzeption

In der klassischen soziologischen Auffassung wurde Gemeinschaft der Gesellschaft gegenübergestellt. Tönnies verstand Gemeinschaft als natürlich, traditionell verankert, emotional und von fürsorglichen Beziehungen geprägt. Er sah diese Lebensform als bedroht durch die kalte, zweckrationale und künstliche „moderne“ Gesellschaft, die auf einem gesellschaftlichen Vertrag basiert. Zeitgenössische Ansätze, insbesondere in der amerikanischen Debatte über Gerechtigkeitstheorien, hinterfragen diese klare Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. In Anlehnung an Rawls werden die Rechte und Pflichten von Menschen in verschiedenen Gemeinschaften als Bedingungen für moderne, gerechte Gesellschaften betrachtet.

Mit einem Fokus auf die Bedeutung von Gemeinschaften und auf Entscheidungsprozesse selbst in modernen liberalen Gesellschaften erweitert eine neue Perspektive auf das deutsche Gegensatzpaar „Gesellschaft vs. Gemeinschaft“ die Verbindung zwischen beiden durch die sozialen Praktiken der Subjekte. So werden moderne Formen von Gemeinschaft als Säulen (Rosa et al. 2010: 52) moderner demokratischer Gesellschaften verstanden. Gemeinschaft basiert nicht mehr auf gemeinsamer Abstammung oder ausschließendem Territorium, sondern auf einem intersubjektiv geteilten Werthorizont, der Solidarität und Verbundenheit ermöglicht. Diese „gemeinschaftlichen“ Beziehungsformen sind zusammen mit den auf abstraktem Respekt und Anerkennung basierenden gesellschaftlichen Beziehungsformen notwendige Typen sozialer Beziehungen.

Aufbauend auf diesen Überlegungen entwickelte Honneth ein „Minimalverständnis“ von Gemeinschaft (1995: 262), das in eine normative Theorie der Demokratie eingebettet ist. Seine „post-traditionalen Gemeinschaften“ beruhen nicht auf traditionellen Bräuchen, tiefen emotionalen Bindungen, geteilten Werten, gemeinsamen Lebenspraktiken, Abstammung oder territorialer Abgrenzung. Vielmehr sind post-traditionale oder liberale Gemeinschaften (Honneth 1995: 260) durch wandelnde kollektive Bindungen, gegenseitige Unterstützung in oft temporären, themenspezifischen Netzwerken oder sogar durch gegenseitige Sympathie als Teil selektiver, gelegentlicher oder mehr oder weniger dauerhafter Verbindungen gekennzeichnet, die durch wertschätzende Anerkennung statt durch distanzierte Toleranz gegenüber anderen Individuen gestärkt werden.

Hitzler, Honer und Pfadenhauer (2008) entwickeln das Konzept post-traditioneller Gemeinschaften weiter, indem sie die freiwillige, individuelle Beteiligung an temporären Gemeinschaften betonen. Sie stellen zudem die Möglichkeit von Gemeinschaften in den Raum, die sich in autoritärer Weise definieren, wobei soziale Integration als verbindende Kraft fungiert. Darüber hinaus zeigen Forschungen zu Zugehörigkeit (Pfaff-Czarnecka 2012; Gerharz 2014) und Ethnizität (Brubaker 2002), dass vermeintlich urtümliche Bindungen weiterhin in relationalen und reziproken Beziehungen konstruiert werden. Gemeinschaften müssen demnach aktiv hergestellt und gepflegt werden, selbst wenn sie sich auf scheinbar gegebene oder natürliche Traditionen berufen. Sie versprechen den Individuen, die aus verbindlichen und verlässlichen Denk- und Handlungsmustern entlassen wurden, zumindest eine temporäre und relative Sicherheit sowie Unhinterfragbarkeit (Hitzler et al. 2008: 30).

Die aktuelle Gemeinschaftsforschung umfasst daher eine konstruktivistische Perspektive, die sich auf Prozesse der Grenzziehung konzentriert (Rosa et al. 2010: 173), sowie eine kommunitaristische Perspektive, die Gemeinschaft und Vergemeinschaftung als alltäglichen Prozess gesellschaftlicher Teilhabe analysiert. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen konzeptualisiert SaFe Gemeinschaften als konkrete Orte, an denen sich Sozialität entfaltet – ein Prozess, den wir als Vergemeinschaftung bezeichnen.

Zukunftsorientierte Praktiken und Vergemeinschaftung sind sich gegenseitig konstituierende Ergebnisse politischer, sozialer und kultureller Diskurse, die in der Gegenwart auf einer alltäglichen Ebene mit unterschiedlichen Graden an Formalisierung und Explizierung stattfinden. SaFe profitiert von bestehender Forschung zu „intentionalen Gemeinschaften“ (Kunze 2020), also Formen experimentellen kollektiven Zusammenlebens auf Basis geteilter Interessen und Prinzipien, denen sich Individuen freiwillig verpflichten (Grundmann/Kunze 2012). Intentionale Gemeinschaften dienen als Räume, in denen Zukunftsvisionen in die Praxis umgesetzt (Krämer 2019) oder vorweggenommen werden (Monticelli 2021). Alternative Lebensweisen sind eine konstitutive Dimension dieser Gemeinschaften, wobei Gemeinsamkeit und Gegenseitigkeit als Kernelemente von Zugehörigkeit verstanden werden (Pfaff-Czarnecka 2012). Intentionalen Gemeinschaften geht es zudem häufig darum, sozialen Wandel gezielt zu erproben und zu praktizieren. Sie verstehen sich als Reallabore oder Experimentierräume (Schneidewind/Scheck 2013).

Da intentionalen Gemeinschaften insbesondere ein gemeinschaftlicher Ansatz zur Vorstellung und Praxis einer spezifischen, anderen Lebensweise eigen ist, die oft auf einer alternativen Zukunftsvorstellung basiert, steht diese besondere Form im Zentrum des Interesses von SaFe. Gleichzeitig beschränkt sich unsere Analyse nicht ausschließlich auf Vergemeinschaftung, die aus zukunftsimaginierten Praktiken hervorgeht, sondern untersucht auch, wie bestehende Gemeinschaften neue Formen der Vergemeinschaftung aus der Logik ihrer alltäglichen Bedürfnisse heraus entwickeln.

Brubaker, R. (2002): Ethnicity Without Groups.European Journal of Sociology, 43(2), 163–189.

Gerharz, E. (2014): Indigenous Activism in Bangladesh: Translocal Spaces and Shifting Constellations of Belonging.Asian Ethnicity, 15(4), 552–570.

Grundmann, M. & Kunze, I. (2012): Transnationale Vergemeinschaftungen: Interkulturelle Formen der sozialökologischen Gemeinschaftsbildung als Globalisierung von unten? In: Soeffner, H.-G. (Hrsg.), Transnationale Vergesellschaftungen, S. 357–369. Wiesbaden: Springer.

Hitzler, R., Honer, A. & Pfadenhauer, M. (2008): Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und ethnografische Erkundungen. Wiesbaden: VS.

Krämer, H. (2019): Zukunftspraktiken. Praxeologische Formanalysen des Kommenden. In: Alkemeyer, T., Buschmann, N. & Etzemüller, T. (Hrsg.), Gegenwartsdiagnosen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung in der Moderne, S. 81–102. Bielefeld: transcript.

Monticelli, L. (2021): On the Necessity of Prefigurative Politics.Thesis Eleven, 167(1), 99–118.

Pfaff-Czarnecka, J. (2012): Zugehörigkeit in der mobilen Welt. Politiken der Verortung. Göttingen: Wallstein.

Rosa, H., Gertenbach, L. & Laux, H. (2010): Theorien der Gemeinschaft zur Einführung. Hamburg: Junius.

Schneidewind, U. & Scheck, H. (2013): Die Stadt als „Reallabor“ für Systeminnovationen. In: Rückert-John, J. (Hrsg.), Soziale Innovation und Nachhaltigkeit. Perspektiven sozialen Wandels, S. 229–248. Wiesbaden: Springer.