GeWaGt - Gesundheitsversorgung für Frauen nach häuslicher und sexualisierter Gewalt im Land Hessen: Stand der Aus-, Fort- und Weiterbildung der primärversorgenden Gesundheitsberufe
gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst
Projektleitung: Prof. Dr. Daphne Hahn
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Stefanie Haneck (M. Sc. Public Health)
Laufzeit: 01.08.2024 – 31.01.2026
In Deutschland erlebt etwa jede dritte bis vierte Frau mindestens einmal im Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt (Müller/Schröttle 2004). 2023 wurden durch das Bundeskriminalamt insgesamt 256.276 Fälle von häuslicher Gewalt erfasst, was einem Anstieg von 6,5 % zum Vorjahr entspricht (BKA 2024). 70,5 % der Betroffenen waren weiblich. Gewalt wird von der Weltgesundheitsorganisation als „absichtlichen Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichen Zwang oder physischer Macht […] die entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentscheidungen oder Deprivation führt“ definiert (WHO 2003: 6). Häusliche Gewalt zieht oft gesundheitliche Folgen nach sich, die körperlich, psychosomatisch und psychisch sein sowie die reproduktive und sexuelle Gesundheit betreffen können (García-Moreno et al. 2005; Hellbernd/ Wieners 2002). Betroffene Frauen brauchen einen Zugang zu einer adäquaten gesundheitlichen Versorgung, um längerfristige Folgen zu verhindern. Auch nach der Istanbul-Konvention ist sicherzustellen, dass Betroffene einen Zugang zu Gesundheitsdiensten haben, die eine adäquate Behandlung durchführen können (Council of Europe 2011).
Die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt ist eine Übereinkunft des Europarates vom 11. Mai 2011, die 2018 in Deutschland in Kraft getreten ist. Eine Bestandsaufnahme der Umsetzung der Istanbul-Konvention im Bereich der gesundheitlichen Versorgung im Land Hessen erfolgte aus Sicht der Anbietenden im Rahmen des HMWK finanzierten Forschungsprojekts FraGiL und aus Sicht der Betroffenen im Projekt GeSicht (Haneck/Hahn 2022a; Haneck/Hahn 2022b). Eine adäquate Behandlung setzt voraus, dass die Gesundheitsfachkräfte eine entsprechende Aus- , Fort- und Weiterbildung erhalten haben, um die Betroffenen gut versorgen zu können. Bisher ist das Thema „Intervention bei Gewalt“ nur unzureichend in den Aus-, Fort- und Weiterbildungen der Gesundheitsberufe integriert (BIK 2021). Ein Gesamtüberblick über aktuell bestehende Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für Gesundheitsfachkräfte, deren Inhalte und Umfang fehlt in Deutschland bisher (BIK 2021; Wieners/Winterholler 2016). Im Gesundheitsbereich besteht noch grundlegender Handlungsbedarf, um die in der Istanbul-Konvention formulierten Ziele umzusetzen.
Ziel des Projektes GeWaGt ist, eine systematische Bestandsaufnahme zu den Aus-, Fort- und Weiterbildungsangeboten für Gesundheitsfachkräfte der primären gesundheitlichen Versorgung nach häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt für Hessen zu erhalten. Folgende Fragen sollen untersucht werden:
- Inwiefern ist das Thema gesundheitliche Versorgung nach häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt in die Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für Gesundheitsfachkräfte der primären Versorgung (Ärzt*innen und Pflegekräfte) in Hessen integriert?
- Welche curricularen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenregelungen und - bedingungen bestehen in Hessen?
- Welche Bedeutung messen Akteur*innen des Aus-, Fort- und Weiterbildungsbereiches dem Thema bei und welche fördernden und hemmenden Faktoren für die Integration in die Aus-, Fort- und Weiterbildung sehen sie?
Zur Untersuchung der Fragestellungen ist folgendes methodisches Vorgehen vorgesehen:
- Analyse der Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote zur gesundheitlichen Versorgung nach häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt in den für die primäre Versorgung relevanten Gesundheitsberufen (Ärzt*innen, Pflegekräfte) auf der Grundlage einer internetbasierten Recherche nach Konzepten, Curricula sowie weiteren Fortbildungen.
- Schriftliche Befragung von Bildungsträgern. Dabei sollen insbesondere spezifische Informationen zur Anzahl, zum Umfang und zu den Inhalten der Bildungsmaßnahmen gewonnen werden. Außerdem soll gefragt werden, inwiefern das Thema geprüft wird.
- Die Ergebnisse der internetbasierten Recherche und der schriftlichen Befragung der Bildungsträger werden durch Expert*inneninterviews mit relevanten Akteur*innen ergänzt.
Durch die gewonnenen Erkenntnisse im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzt*innen und Pflegekräften im Zusammenhang mit Gewalt können bestehende Lücken in der Qualifizierung von Gesundheitsfachkräften identifiziert und entsprechende Empfehlungen zur Verbesserung abgeleitet werden.
Kontaktdaten
Stefanie Haneck: stefanie.haneck(at)gw.hs-fulda.de oder 0661 9640-6028
- Bundeskriminalamt (BKA) (2024): Häusliche Gewalt. Lagebild zum Berichtsjahr 2023. Online verfügbar unter www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/HaeuslicheGewalt/HaeuslicheGewalt2023.html (abgerufen am: 11.08.24)
- Bündnis Istanbul-Konvention (BIK) (2021): Alternativbericht zur Umsetzung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Hg. v. Bündnis Istanbul-Konvention (BIK). Berlin. Online verfügbar unter www.buendnis-istanbul-konvention.de/wp-content/uploads/2021/03/Alternativbericht-BIK-2021.pdf (abgerufen am: 11.08.24)
- Council of Europe (2011): Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt und erläuternder Bericht. Istanbul. 11.5.2011.
- Garcia-Moreno, C.; Jansen, H.; Ellsberg, M.; Heise, L.; Watts, C. (2005): WHO Multi-country Study on Women’s Health and Domestic Violence against Women. Initial results on prevalence, health, outcomes and women’s responses. Geneva: World Health Organisation.
- Haneck, S.; Hahn, D. (2022a): Effekte von Kooperationen auf die gesundheitliche Versorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt in Hessen und deren Auswirkungen auf die Umsetzung der Istanbul-Konvention. In: Gesundheitswesen 84.
- Haneck, S.; Hahn, D. (2022b): Gesundheitsversorgung für Frauen nach häuslicher und sexualisierter Gewalt am Beispiel des Landes Hessen. In: Prävention und Gesundheitsförderung 18(4): 447-453.
- Hellbernd, H.; Wieners, K. (2002): Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich. Gesundheitliche Folgen, Versorgungssituation und Versorgungsbedarf. In: Gerlinger, T.; Heiskel, H.; Herrmann, M.; Hinricher, L.; Hungeling, G.; Lenhardt, U.; Seidler, A.; Simon, M.; Stegmüller, K.: Jahrbuch für kritische Medizin 36. Versorgungsbedarf und Versorgungsrealitäten. Hamburg: 135-148.
- Müller, U.; Schröttle, M. (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Bielefeld.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO) (Hg.) (2003): Weltbericht Gewalt und Gesundheit. Genf
- Wieners, K.; Winterholler, M. (2016): Häusliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen. Implikationen der WHO-Leitlinien für Deutschland. In: Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 59 (1): 73–80.

Prof. Dr. Daphne Hahn
Gesundheitswissenschaften und empirische Sozialforschung