WesBe - Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt unter Einbeziehung der Betroffenenperspektive
Hintergrund
Gewalt stellt eine erhebliche Bedrohung für die Gesundheit dar und ist mit vielfältigen physischen und psychischen Folgen verbunden, darunter Verletzungen, Depressionen, Suchtmittelmissbrauch oder Beeinträchtigungen der reproduktiven Gesundheit. In Deutschland erleben etwa 25 % der Frauen seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche oder sexualisierte Gewalt durch einen (Ex-)Partner. Besonders betroffen sind Frauen mit Behinderungen, ältere Frauen, Migrantinnen sowie Personen in sozioökonomisch prekären Lebenslagen. Männer erleben ebenfalls zunehmend Partnergewalt, suchen jedoch seltener Hilfe.
Das Gesundheitswesen ist oft eine der ersten Anlaufstellen, sowohl in Notfallsituationen als auch im Rahmen von Routineuntersuchungen. Dennoch werden Gewalterfahrungen dort häufig nicht thematisiert. Damit bleibt eine Chance zur Früherkennung und zur Vernetzung mit spezialisierten Unterstützungsangeboten ungenutzt. Internationale Vorgaben wie die Istanbul-Konvention und WHO-Leitlinien fordern eine leicht zugängliche, bedarfsgerechte Versorgung, die über die akute Behandlung hinausgeht.
Aktuell bestehen jedoch große Unterschiede zwischen Bundesländern und Versorgungsstrukturen. Forschung zeigt, dass medizinische Angebote sich häufig an Symptomen orientieren und die Betroffenenperspektive zu wenig berücksichtigen. Insbesondere Frauen mit Behinderungen finden kaum adäquate Angebote. Eine systematische Übersicht der bestehenden Versorgungsangebote fehlt weitgehend, ebenso Studien, die geschlechts- und diversitätsbedingte Unterschiede berücksichtigen.
Das Projekt WesBe soll dazu beitragen, die gesundheitliche Versorgung von Betroffenen nach häuslicher und sexualisierter Gewalt bedarfsgerecht zu verbessern. Durch die Einbeziehung der Betroffenen sollen hinderliche und förderliche Faktoren für eine geschlechter- und diversitätssensible Versorgung identifiziert werden.
Methodik
Zur Untersuchung der gesundheitlichen Versorgung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt wird im Projekt WesBe ein qualitatives Studiendesign mit methodischer Triangulation eingesetzt. Grundlage ist die systematische Erhebung und Analyse von Strukturdaten aus allen 16 Bundesländern (z. B. Webseiten von Einrichtungen, amtliche Statistiken, Jahresberichte). Ergänzend werden Experteninterviews mit Vertreter*innen der zuständigen Ministerien geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet, um die Umsetzung gesetzlicher Regelungen und regionale Unterschiede abzubilden.
Im zweiten Schritt werden qualitative Interviews mit insgesamt ca. 48 Betroffenen in vier Bundesländern durchgeführt. Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgt unter Berücksichtigung diversitätsbezogener Kriterien (z. B. Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status, Behinderung, Migrationserfahrung), um unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Die Interviews werden nach dem Verfahren der problemzentrierten Interviews geführt und inhaltsanalytisch nach Kuckartz ausgewertet.
Darüber hinaus wird ein mehrstufiges Delphi-Verfahren mit ca. 15 Expert*innen (Betroffene, Fachkräfte aus Versorgung, Beratung, Politik, Krankenkassen) durchgeführt. Ziel ist die Entwicklung konsensbasierter, praxisnaher Handlungsempfehlungen.
Die Daten werden schließlich analytisch verknüpft: Strukturdaten, Interviewergebnisse und Delphi-Befunde werden miteinander in Bezug gesetzt, um Versorgungslücken und Verbesserungspotenziale systematisch zu identifizieren. Durch dieses triangulative Vorgehen wird gewährleistet, dass wissenschaftliche Evidenz, Betroffenenperspektiven und Praxisexpertise in die Empfehlungen einfließen.
Kontakt
E-Mail: wesbe(at)hs-fulda.de

Prof. Dr. Daphne Hahn
Gesundheitswissenschaften und empirische Sozialforschung

Stefanie Haneck
wissenschaftliche Mitarbeiterin, Promotion

Prof. Dr. Regina Brunnett
Professorin für Gesundheitsförderung und gesundheitliche Chancengleichheit

Dr. Anke Wyrobisch-Krüger
Wissenschaftliche Mitarbeiterin