Die Bundesregierung stellt akademische Pflegeausbildung auf neue Grundlage
04.07.2023
Am vergangenen Mittwoch fand am Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Hochschule Fulda eine gut besuchte Pflegefachtagung statt. Akademiker*innen und Praxispartner*innen diskutierten über die geplante Reform der akademischen Pflegeausbildung.
Zunächst ging der Gesundheitsökonom und Dekan des Fachbereichs, Prof. Dr. Stefan Greß, auf das am 1. Juli in Kraft getretene Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG) ein und kam dabei zu einer ernüchternden Analyse: der absehbare weitere Anstieg der Eigenanteile für die stationäre werde das ursprüngliche Leistungsversprechen der Pflegeversicherung weiter aushöhlen. Auch in der ambulanten Pflege könnten sich Pflegebedürftige wegen steigender Kosten immer weniger professionelle Pflege leisten. Das PUEG werde Pflegebedürftige keineswegs entlasten, so Greß, noch dauerhaft die Finanzierung der Pflegeversicherung sichern. Dies gelinge nur durch einen Austausch der abgesicherten und selbst zu tragenden Kostenanteile und letztlich nur durch die Einführung einer Pflegebürgerversicherung.
Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Benjamin Ewert befasste sich mit der gesundheitspolitischen Interessenvertretung und -durchsetzung der Pflege und ging dabei auf Pflegekammern und deren mögliche Rolle im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ein. Die "Kammerisierung" der Pflege hat sich bisher allerdings als äußert schleppend erwiesen. Nun wolle Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach der organisierten Pflege zumindest ein Antrags- und Mitberatungsrecht im G-BA geben - jedoch kein Stimmrecht. Ewert ermutigte die Pflege daher, verstärkt alternative Beteiligungsformen wie Petitionen, Demonstrationen und Streiks zu nutzen, um ihren politischer Vorderungen Nachdruck zu verleihen: Die Pflege müsse ein lauter und unbequemer Akteur in der Gesundheitspolitik werden!
Abschließend stellte der Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Michael Klingenberg das Pflegestudiumstärkungsgesetz vor und lieferte empirische Belege für das große Potenzial und den Erhalt akademisch qualifizierter Pflegekräfte zur Verbesserung von Gesundheitsversorgung, Pflegequalität und Patient*innensicherheit. Er verglich den bisherigen mit dem zukünftigen Verlauf des Akademisierungs- und Professionaliserungsprozesses der Pflege in Deutschland und analysierte zu erwartende Spannungen mit nicht-akademischen Pflegekräften und anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens. Die Auflösung dieser Spannungen bedarf laut Klingenberg einer deutlich verbesserten Zusammenarbeit, um die bestmögliche Versorgung von Patient*innen zu gewährleisten, und der Integration akademisch ausgebildeter Pflegekräfte in vorhandene Strukturen und neue Einsatzgebiete.
In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die hohen Eigenanteile und die unzureichenden Bemühungen der Regierung, mit einer solidarischeren Finanzierung die stationäre Pflege auf feste Beine zu stellen. Außerdem ging es um Teilhabe und Beteiligung der Berufsgruppe Pflege in den Institutionen des deutschen Gesundheitswesens. Die Teilnehmer*innen waren sich einig, dass es neben „Köpfchen“ auch Macht und Durchsetzungsvermögen braucht. Die Pflege müsse lauter, unbequemer und politischer werden, wenn sie etwas erreichen will. Gleichzeitig interessierten sich Vertreter*innen der Praxis für mögliche Aufgabenfelder akademisierter Pflegekräfte und erfolgreiche Pionierprojekte in Deutschland. Die Tagung schloss mit der einheitlichen Erkenntnis, ein engmaschiger Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis sei unerlässlich.
Sie haben die Pflegetagung 2023 verpasst? Kein Problem! Die Aufzeichnung der Tagung finden Sie unter: Pflegetagung 2023
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