Häufigkeit von Gewaltwiderfahrnissen, Gewaltbeobachtungen und Gewalthandlungen in Frankfurter Altenheimen

Projektleitung: Prof. Dr. Beate BlättnerProf. Dr. med. Henny Annette Grewe 

Mitarbeiterinnen:  Lieselotte Lieding , M.Sc.

Hilfskraft: Anja Bergmann, B.Sc. 

Gefördert von: Hessisches Ministerium für Soziales und Integration; Gesellschaft für Bürger und Polizei Frankfurt a.M. e.V. 

Laufzeit: 01.09.2017 – 31.08.2018

Kontakt

Lieselotte Lieding

Gebäude 25 , Raum 201
Lieselotte Lieding+49 661 9640-620
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per E-Mail und nach Vereinbarung.

Hintergrund

Es gibt bislang erst wenige Daten, die Auskunft über die Häufigkeit von Gewaltereignissen in stationären Einrichtungen der Altenpflege in Deutschland geben. Gewalt in der stationären Pflege umfasst emotionale, körperliche und sexualisierte Gewaltformen bzw. deren Kombination, die von Pflegebedürftigen, Beschäftigen oder Angehörige ausgehen kann und gegen Pflegebedürftige oder Beschäftigte gerichtet sein kann, absichtsvoll oder ohne Absicht, situativ oder situationsübergreifend. Mit Beschäftigen sind dabei alle Personen in der stationären Pflege gemeint, die im direkten Kontakt mit den Pflegebedürftigen stehen: Hilfskräfte, Pflegefachkräfte und soziale Betreuungskräfte.

Studien aus dem angloamerikanischen Raum und Europa kommen zum Ergebnis, dass zwischen 61 % und 90 % der Pflegekräfte in der Altenpflege innerhalb von zwölf Monaten verbal angegriffen werden und 36 % bis 84 % körperlicher Gewalt ausgesetzt sind (Zeh et al. 2009; Boldt et al. 2007). In Deutschland berichteten in einer Befragung von 1.973 Beschäftigten aus 6 Behinderteneinrichtungen, 6 allgemeinen Krankenhäusern und 27 ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen 78 % der Beschäftigten mit direktem Kontakt zu Patienten bzw. Klienten verbale und 56 % körperliche Gewalt in den letzten 12 Monaten. Am häufigsten kam körperliche Gewalt in der stationären Altenpflege vor; 63 % berichteten von solchen Widerfahrnissen, verbale Übergriffe gaben dort 71 % an. Sexuelle Belästigung wurde von 12,7 % der Beschäftigten in der Altenpflege berichtet (Schablon et al. 2012).

Castle et al. (2015) identifizierten in den Datenbanken MEDLINE und CINAHL 11 zwischen 2003 und 2012 publizierte Studien, die Angehörige oder Beschäftigte von Pflegebedürftigen in der stationären Pflege befragten, jeweils mit eher kleineren Sample von 49 bis zu 816 Teilnehmenden. Die Ergebnisse sind nicht vergleichbar. In der aktuellsten Studie berichteten in einer telefonischen Befragung in Michigan 24,3 % von 452 Angehörigen über mindestens einen Vorfall körperlicher Gewalt gegenüber ihrem in einer Einrichtung lebenden Familienmitglied (Schiamberg et al. 2012). In einer schriftlichen Befragung von 4.451 Pflegekräften in Pennsylvania gaben 28 % an, bei Kolleginnen und Kollegen in den letzten drei Monaten einschüchterndes Verhalten gegenüber Pflegebedürftigen in der stationären Pflege beobachtet zu haben; 27 % berichten von Anschreien und 4 % von vorsätzlichen körperlichen Verletzungen (Castle 2012a).

Daten zur Gewalt von Pflegebedürftige gegenüber anderen Pflegebedürftigen liegen international aus einer Befragung von Betreuungskräften in der Pflege vor. 94 % der Befragten gaben an, innerhalb von drei Monaten beobachtet zu haben, wie Bewohnende andere Bewohnende durch Verhaltensweisen wie Schubsen oder Kneifen körperlich attackierten, 97 % beobachteten Anschreien der Bewohner (Castle 2012b).

In einer älteren schriftlichen Befragung von 361 stationären Pflegekräften in Hessen (Rücklaufquote 36 %) gaben 23,5 % für die letzten 12 Monate mindestens einen Fall von selbst ausgeübter körperlicher Gewalt gegenüber Bewohnenden an. Überwiegend handelte es sich um grobes Anfassen während pflegerischer Tätigkeiten, selten um typische Formen interpersoneller Gewalt wie Schlagen oder Schubsen. Psychische Misshandlung oder verbale Aggressionen berichteten 53,7 % der Pflegekräfte über sich selbst, ebenso viele pflegerische Vernachlässigung. Mindestens eine Form von Gewalt gaben 71,5 % an. 71,2 % der Pflegekräfte berichteten davon, entsprechendes Verhalten von Kolleginnen beobachtet zu haben, darunter 34,9 % physische Misshandlung, 61,8 % psychische Misshandlung, 59,6 % pflegerische Vernachlässigung und 1,1 % sexuelle Belästigung (Görgen 2010).

Die Studie knüpft an die Studie von Thomas Görgen an, will aber auch die aktuelle Situation erfassen und ein vollständigeres Bild des Gewaltvorkommens zeichnen – aus der Sicht von Pflegekräften.

Ziel und Fragestellung

Das Frankfurter Forum für Altenhilfe, ein Zusammenschluss aus derzeit 42 Heimen, plant ein Gewaltpräventionskonzept zu entwickeln, das bedarfsgerecht gestaltet, auch als Argumentationshilfe dienen und evtl. später auch evaluierfähig sein soll. Ziel ist deshalb den aktuellen Ausgangspunkt zu erfassen.

Es interessiert wie viele, der seit mindestens 12 Monaten in Pflege und Betreuung tätigen Beschäftigen der beteiligten Einrichtungen angeben, innerhalb der letzten 12 Monate /14 Tage:

  • emotionale, körperliche, sexualisierte Gewalt oder Vernachlässigung durch Pflegebedürftige oder Angehörige erfahren zu haben
  • emotionale, körperliche sexualisierte Gewalt oder Vernachlässigung durch Pflegebedürftige gegenüber Pflegebedürftigen beobachtet zu haben
  • emotionale, körperliche, oder sexualisierte Gewalt gegenüber Pflegebedürftige ausgeübt oder Pflegebedürftige vernachlässigt zu haben
  • emotionale, körperliche, sexualisierte Gewalt oder Vernachlässigung durch Pflegekräfte gegenüber Pflegebedürftigen beobachtet zu haben.

Vorgehen

Studien zur Häufigkeit von Gewalt in der stationären Pflege haben aufgrund des Forschungsgegenstandes systematische Fehlerquellen: Mit Selbstangaben aus der Täterperspektive werden intendierte Formen von Gewalt eher nicht erfasst. Pflegebedürftige selbst können, aufgrund kognitiver Einschränkungen oder Erschöpfung bedingt durch ihre Multimorbidität, oft nicht direkt befragt werden oder scheuen sich, Gewaltwiderfahrnisse durch die Personen anzugeben, von denen sie abhängig sind. Angehörige oder Kollegen können nicht alle potentiell gewaltgeprägten Situationen beobachten. Deshalb haben wir uns entschlossen, konsequent die Erfahrungen der Beschäftigten zu betrachten, die diejenigen sind, die am ehesten Einfluss auf die Situation haben.

Durchgeführt wurde eine standardisierte schriftliche und anonymisierte Vollerhebung aller Pflege- und Betreuungskräfte der beteiligten Einrichtungen, die die Einschlusskriterien erfüllen. Verwendet wurde ein Instrument, das in Anlehnung an die Befragung von Thomas Görgen und mit seiner Unterstützung entwickelt und anschließend in einem zweistufigen Pretest getestet wurde.

Die Dateneingabe und Auswertung erfolgte in SPSS für die gesamte Studienpopulation, sowie pro Berufsgruppe und pro Einrichtung. Letztere erhalten nur die jeweiligen Einrichtungen, während die Gesamtauswertung und die Auswertung pro Berufsgruppe alle Einrichtungen erhalten. Aus den Ergebnissen sollen Handlungsempfehlungen für bedarfsgerechte Präventionskonzepte abgeleitet werden. 

Die Befragung wurde ergänzend in vier Einrichtungen in Köln und Aachen durchgeführt.

Ergebnisse

Die Ergebnisse können Sie hier in einer PDF Datei herunterladen.

Handlungsempfehlungen

  • Bewohner*innen benötigen besseren Schutz auch vor anderen Bewohner*innen, insbesondere in Gruppensituationen.
  • Körperliche und sexuelle Gewalt von Bewohnenden gegenüber Pflegekräften erfolgt oft während der Körperpflege und eher von Personen, die dies häufiger versuchen. In solchen Fällen sollte zu zweit gearbeitet werden, Körperpflege sollte von Pflegekräften des gleichen Geschlechts ausgeführt werden.
  • Schulungen zu lösungsorientierten Kommunikationsstrategien könnten hilfreich sein, um psychische Gewalt gegeüber Pflegekräften einzudämmen.
  • Zentrale Herausforderung der in Pflege- und Betreuungskräften in der Prävention von Gewalt könnte Personal- und damit Zeitmangel sein.