Gewaltwiderfahrnisse bei der Geburtshilfe

Projektform: Dissertationsvorhaben

Projektdurchführende: Alexandra Roth

Projektleitung: Prof. Dr. Beate BlättnerProf. Dr. Melita Grieshop (Evangelische Hochschule Berlin)

Laufzeit: 2019 bis 2022

Hintergrund

Die Geburt stellt ein bedeutendes Ereignis im Leben von Mutter und Kind dar, das für beide Personen weitreichende gesundheitliche Folgen haben kann (Elmir et al. 2010; Forssén 2012; Thomson und Downe 2008). Ob die Geburtserfahrung für Mutter und Kind im weiteren Lebensverlauf zur Ressource oder zum Risikofaktor wird, hängt stark mit der Qualität der geburtshilflichen Betreuung zusammen (Bailham und Joseph 2003; Elmir et al. 2010; Grieshop 2013; Grieshop und Schücking 2012). Die Verabschiedung des Nationalen Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt“ im Jahr 2017 unterstreicht die Bedeutung, die diesem Thema zukommt. Darin verankert ist auch das Ziel einer interventionsarmen, physiologischen Geburt und die damit verbundene Weiterentwicklung der frauzentrierten Betreuung durch alle beteiligten Berufsgruppen (BMG und Kooperationsverbund Gesundheitsziele.de 2017).

Widerfahrnisse unter der Geburt, die von den Gebärenden als Gewalt erlebt werden, können posttraumatische Belastungsstörungen nach sich ziehen und sich negativ auf die Mutter-Kind-Bindung auswirken (Kukura 2018). Erste Erhebungen aus den 1990er und 2000er Jahren weisen darauf hin, dass Schwangeren und Gebärenden weltweit Entwürdigung und Gewalt durch Personal in geburtshilflichen Einrichtungen widerfahren (Bowser und Hill 2010; d'Oliveira et al. 2002; Freedman und Kruk 2014). Dies veranlasste die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2014 zu einer Stellungnahme, in der sie alle Mitgliedsstaaten dazu auffordert, die Situation durch wissenschaftliche Untersuchungen zu erfassen (WHO 2014). In den Folgejahren wurden einige Studien zu diesem Thema publiziert, in Deutschland besteht jedoch nach wie vor ein erheblicher Forschungsbedarf.

In einer Analyse von 65 Studien aus 34 Ländern wurden die weltweit berichteten geburtshilflichen Gewaltwiderfahrnisse in folgenden Kategorien zusammengefasst: Physische Gewalt, sexualisierte Gewalt, verbale Gewalt, Stigmatisierung und Diskriminierung, Behandlung unterhalb des professionellen Standards, mangelhafte Beziehungsgestaltung der Professionellen zu den Gebärenden sowie strukturelle Gegebenheiten und Zwänge des Gesundheitssystems (Bohren et al. 2015). Diese Form der Kategorisierung gibt allerdings noch nicht unbedingt eine Antwort auf die u. a. für die Entwicklung von Präventionsansätzen relevante Frage nach dem Was und dem Wie, nach Häufigkeit, Schwere und Dynamik.

Für Partnergewalt hat Johnson (2006, 2011) deshalb eine Ausdifferenzierung von Gewaltformen jenseits einzelner Gewalthandlungen in zunächst vier Gewalttypologien entwickelt, die in späteren Analysen auf zwei Typen reduziert wurde. Mit diesem Ansatz ließ sich Partnergewalt analytisch besser verstehen und Präventionskonzepte besser theoretisch fundieren.

Zielstellung

Es interessieren die Erfahrungen von Frauen, die in den letzten zwei Jahren in Deutschland ein Kind geboren haben, und denen dabei nach ihrer Wahrnehmung in der professionellen Geburtsbegleitung Gewalt widerfahren ist. Dabei soll anhand der Fragen nach dem Was und dem Wie, der Schwere und Dynamik eine Typologie des Gewaltgeschehens während Geburtsereignissen versucht werden. Sekundär interessiert, inwieweit die Kategorisierung von Bohren et al. (2015) zutreffend ist oder weiterentwickelt werden kann und was daraus über Risikofaktoren und protektive Faktoren gelernt werden kann.

Vorgehen

Mit betroffenen Frauen werden narrative Interviews nach Schütze (1983) durchgeführt. Die Auswertung des Datenmaterials erfolgt nach Kelle und Kluge (2010), da das Ziel ist, Typologien zu entwickeln. Dabei gilt als „Fall“ jedes von den Frauen geschilderte Ereignis, das von Ihnen als Gewaltwiderfahrnis beschrieben wird.

Die Interviews werden nach einem entsprechenden Votum der Ethikkommission und unter Berücksichtigung sämtlicher ethischer Standards und Regeln des Datenschutzes durchgeführt. In der Interviewdurchführung wird streng darauf geachtet, Retraumatisierungen bei den Frauen zu vermeiden. Den Frauen wird zusätzlich im Bedarfsfall der Kontakt zu einer entsprechenden Beratungsstelle angeboten.

Literatur

  • Bailham, D. & Joseph, S. (2003). Post-traumatic stress following childbirth: A review of the emerging literature and directions for research and practice. Psychology, Health & Medicine 8 (2), 159–168. doi:10.1080/1354850031000087537
  • BMG & Kooperationsverbund Gesundheitsziele.de. (2017). Nationales Gesundheitsziel. Gesundheit rund um die Geburt (Bundesministerium für Gesundheit, Hrsg.), Berlin.
  • Bohren, M. A., Vogel, J. P., Hunter, E. C., Lutsiv, O., Makh, S. K., Souza, J. P., Aguiar, C., Saraiva Coneglian, F., Diniz, A. L. A., Tunçalp, Ö., Javadi, D., Oladapo, O. T., Khosla, R., Hindin, M. J. & Gülmezoglu, A. M. (2015). The Mistreatment of Women during Childbirth in Health Facilities Globally: A Mixed-Methods Systematic Review. PLoS medicine 12 (6), e1001847; discussion e1001847. doi:10.1371/journal.pmed.1001847
  • Bowser, D. & Hill, K. (2010). Exploring Evidence for Disrespect and Abuse in Facility-Based Childbirth. Report of a Landscape Analysis. Projektbericht.
  • d'Oliveira, A. F. P. L., Diniz, S. G. & Schraiber, L. B. (2002). Violence against women in health-care institutions: an emerging problem. Lancet (London, England) 359 (9318), 1681–1685. doi:10.1016/S0140-6736(02)08592-6
  • Elmir, R., Schmied, V., Wilkes, L. & Jackson, D. (2010). Women's perceptions and experiences of a traumatic birth: a meta-ethnography. Journal of advanced nursing 66 (10), 2142–2153. doi:10.1111/j.1365-2648.2010.05391.x
  • Forssén, A. S. K. (2012). Lifelong significance of disempowering experiences in prenatal and maternity care: interviews with elderly Swedish women. Qualitative health research 22 (11), 1535–1546. doi:10.1177/1049732312449212
  • Freedman, L. P. & Kruk, M. E. (2014). Disrespect and abuse of women in childbirth: challenging the global quality and accountability agendas. The Lancet 384 (9948), e42-e44. doi:10.1016/S0140-6736(14)60859-X
  • Grieshop, M. & Schücking, B. (2012). Stress nach der Geburt - Bedeutung für das Gesundheitsverhalten von Müttern. Gesundheitswesen (Bundesverband der Arzte des Offentlichen Gesundheitsdienstes (Germany)) 74 (4), 236–237. doi:10.1055/s-0031-1299780
  • Grieshop, M. (2013). Gesundheitsverhalten von Müttern nach der Geburt. Eine quantitative Studie zur Gesundheitsförderung durch Hebammen. Osnabrück (Dissertation.).
  • Johnson, M.P. (2006): Conflict and Control: Gender Symmetry and Asymmetry in Domestic Violence. In: Violence Against Women, 12. Jg., H. 11, S. 1003-1018.
  • Johnson, M.P. (2011): Gender and types of intimate partner violence: A response to an anti-feminist literature review. In: Aggression and Violent Behavior, 16. Jg., S. 289-296.
  • Kelle, U. & Kluge, S. (2010): Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung, Wiesbaden.
  • Kukura, E. (2018). Obstetric Violence. The Georgetown Law Journal 106, 721–801.
  • Schütze, F. (1983). Biographieforschung und narratives Interview. Neue Praxis 13 (3), 283–293.
  • Thomson, G. & Downe, S. (2008). Widening the trauma discourse: the link between childbirth and experiences of abuse. Journal of psychosomatic obstetrics and gynaecology 29 (4), 268–273. doi:10.1080/01674820802545453
  • WHO. (2014). The prevention and elimination of disrespect and abuse during facility-based childbirth, Genf”

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Alexandra Roth

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