Wissenschaftliche Begleitung der Schutzambulanz Fulda

gefördert vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit

Projektleitung: Prof. Dr. Beate BlättnerProf. Dr. Annette Grewe

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: M.Sc. Kerstin Krüger
(Gesundheitsmanagement; Public Health)

Laufzeit: 01.08.2009 - 31.12.2012

Kooperationspartner: 
Hessisches Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit
Landkreis Fulda

Publikationen

Blättner B, Krüger K, Veith S, Grewe HA (2014): Kompetenzzentrum für Gewaltopfer im ÖGD - Analyse des Fallaufkommens der Schutzambulanz Fulda. Das Gesundheitswesen 76:317-324.

Blättner B, Krüger K, Grewe HA (2012): Ein Kompetenzzentrum für Gewaltopfer im öffentlichen Gesundheitsdienst. Erste Erfahrungen der „Schutzambulanz Fulda", pg-papers 01/2012, Fulda (ISBN 978-3-940713-03-2).

Hintergrund und Zielsetzung

Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für das Jahr 2008 in Osthessen 872 Fälle von Körperverletzung und 276 Straftatbestände gegen die sexuelle Selbstbestimmung aus, davon im Landkreis Fulda 434 bzw. 138 Fälle. In Hessen sind 2008 insgesamt 32.733 Anzeigen wegen Körperverletzung und 2.817 wegen sexualisierter Gewalt erfolgt (Hessisches Landeskriminalamt 2009). Die Jahresprävalenz für kriminalstatistisch erfasste interpersonelle Gewalt liegt in Hessen damit bei etwa 0,6 %, im Raum Fulda bei 0,3 % der Bevölkerung. Danach kann sehr grob geschätzt werden, dass in etwa jede fünfte Person im Raum Fulda irgendwann im Laufe ihres Lebens Opfer von interpersoneller Gewalt wird und dies zur Anzeige bringt.

Die Implementierung von Schutzambulanzen für Gewaltopfer in den sechs Versorgungsregionen Hessens könnte eine Strategie sein, patientenbeauftragte Dokumentationen und Asservierungen von Beweismitteln unabhängig vom Zeitpunkt einer Anzeige zu ermöglichen. Schutzambulanzen sollen primär die Gesundheitsversorgung bei ihren Aufgaben in der gerichtsverwertbaren Dokumentation, der Frage nach Schutzstrategien und Weiterleitung an das Hilfesystem entlasten und sie im Erkennen und Ansprechen sowie Dokumentieren von Gewaltformen schulen. Personen, denen Gewalt widerfahren ist, sollen damit einerseits ermutigt werden, sich juristisch zur Wehr zu setzen, andererseits nicht die Hoheit über die Entscheidung aufgeben müssen, wann der richtige Zeitpunkt für juristische Schritte gekommen ist. Diese Strategie könnte insbesondere für Opfer von familiärer Gewalt und Partnergewalt relevant sein. 

In Fulda wurde ein solches Modellprojekt am Fachbereich Gesundheit des Landkreises Fulda angesiedelt, das eine Versorgung für die Region Osthessen gewährleisten soll. Die wissenschaftliche Begleitung (Unterstützung bei der Konzeption und formative Evaluation) dieser Schutzambulanz erstreckt sich auf die Modellphase 2010-2012.

Zentrale Ergebnisse

Die Schutzambulanz Fulda erreichte in der Modellphase primär Frauen als Geschädigte von Partnergewalt und bot ihnen ein zusätzliches Versorgungsangebot. Die Daten der Falldokumentationen zeigen, dass die Möglichkeit einer patientenbeauftragten Dokumentation besonders bei Frauen, denen Gewalt durch den Partner widerfahren ist, Sinn macht, da sie die Möglichkeit bietet, eine Anzeige zu einem späteren Zeitpunkt (innerhalb der geltenden Fristen) zu erstatten. Es gibt in Fulda zudem offensichtlich einen Bedarf an Case Management für Geschädigte von interpersoneller Gewalt, insbesondere Partnergewalt, der über die Schutzambulanz mit abgedeckt wird, und der über die gerichtsverwertbare Dokumentation der Verletzungsfolgen hinausgeht.

Die Schutzambulanz Fulda erreichte in der Modellphase insgesamt nur einen geringen Anteil der Geschädigten von interpersoneller Gewalt, deren Verletzungsspuren dokumentiert werden sollen. Sie scheint nur eingeschränkt als Ort der gerichtsverwertbaren Dokumentation von Verletzungen im Kontext von Gewalt in der Gemeinschaft (Gewalt im öffentlichen Raum) wahrgenommen zu werden. Die Zielgruppe ältere, pflegebedürftige Menschen als Geschädigte von Gewalt wird derzeit nicht erreicht. Für Kinder existiert ein alternatives Versorgungsangebot. 

Es ist in der Modellphase nicht zufriedenstellend gelungen, die Gesundheitsversorgung für das Thema Gewalt zu sensibilisieren und die Entlastung der Gesundheitsversorgung in ihren Aufgaben im Kontext von Gewalt durch die Schutzambulanz zu optimieren. Anträge auf Opferentschädigung spielten in der Schutzambulanz nur eine untergeordnete Rolle. 

Die Daten der Schutzambulanz Fulda lassen keine Rückschlüsse auf das Gewaltgeschehen der Region zu, es können keine Schlussfolgerungen für bevölkerungsbezogene Interventionen zur Prävention von Gewalt aus den Daten gezogen werden. Dennoch sollte die Schutzambulanz eine standardisierte (jährliche) Auswertung ihrer Fälle vornehmen, die Auskunft über das Fallaufkommen, die Gewaltform und Gewaltkonstellation, die Form der Kontaktaufnahme mit der Schutzambulanz, die Leistungen der Schutzambulanz und Zusammenhänge zur Strafanzeige gibt.

Empfehlungen für die Übertragung des Modells

Aus den Erfahrungen der Modellphase lassen sich Empfehlungen für die Übertragung des Modells in andere Regionen ableiten. Grundsätzlich eignet sich der ÖGD als Träger für eine Schutzambulanz. Die damit verbundenen Nachteile (relative Ferne zur Versorgung und keine 24-Stunden-Rufbereitschaft) könnten durch institutionelle Kooperationen, z.B. mit Notaufnahmen, besser ausgeglichen werden. Bei der Entscheidung für eine Trägerschaft sollten Fragen nach vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen, nach dem Zugang zu Patientinnen und Patienten der Gesundheitsversorgung und nach den Finanzierungsoptionen ausschlaggebend sein.

Unter qualifikatorischen Aspekten handelt es sich in der Schutzambulanz um hybride Tätigkeiten, die einerseits bei keiner Berufsgruppe schon spezifisch ausgebildet sind, andererseits auch nicht die volle Breite vorhandener Kompetenzen einzelner Berufsgruppen erfordern. Eine stärkere Orientierung des Berufsspektrums an Gepflogenheiten der Gesundheitsversorgung könnte die dortige Akzeptanz u.U. verbessern helfen. In der notwendigen Weiterqualifikation stehen Hospitation und supervidierte Tätigkeit sowie systematisches Selbststudium im Vordergrund. Rechtliche Fragen sollten jeweils mit der regionalen Staatsanwaltschaft diskutiert werden.

Räumliche Voraussetzungen sind ein großer Untersuchungsraum, sanitäre Anlagen, kleiner Warteraum, Büros und eine Asservatenkammer hinter einer Sicherheitsschleuse. Anmeldung und ein zweiter Wartebereich, sowie ein Besprechungsraum können vor der Schleuse liegen. Eine angenehme und entspannende Atmosphäre sind wichtig.

Für ein standardisiertes Vorgehen konnten Handlungsabläufe entwickelt werden, die der Rechtslage entsprechen. Einem Entlastungsgespräch folgt, so keine Ausschlussgründe vorliegen, die körperliche Untersuchung, fotografische Dokumentation und später eine ausführliche Beschreibung. Hinweise auf unklare Befunde oder nicht hinreichend versorgte Verletzungen bedingen eine Kontaktaufnahme mit der Gesundheitsversorgung. Ergänzende Beweismittel erhalten werden archiviert und asserviert. Dem schließt sich eine Gefährdungsanalyse und die Weitervermittlung an das weitere Hilfesystem an. Abschließend wird besprochen, wie mit der Dokumentation verfahren werden soll. Besondere Vorgehensweisen sind bei sexualisierter Gewalt (fachärztliche Untersuchung), bei Kindern als Gewaltopfern (Feststellung des persönlichen Reifegrades, Einverständnis der Eltern, anonyme Beratung durch das Jugendamt, Beauftragung durch Jugendamt und Polizei) und bei nicht einwilligungsfähigen Pflegebedürftigen (Zustimmung Betreuung) notwendig.

Aktive, regionale Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit sind zentrale Voraussetzungen für einen Erfolg des Projektes.