Gesundheitsversorgung für Frauen nach häuslicher und sexueller Gewalt im Land Hessen: Bestandsaufnahme und Möglichkeiten der Umsetzung der Istanbul-Konvention

gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Projektleitung:Prof. Dr. Daphne Hahn

Wissenschaftliche Mitarbeiterin:Stefanie Haneck (M. Sc. Public Health)

Laufzeit: 01.09.2020 – 28.02.2022

Projektbeschreibung FraGiL

Hintergrund

Gewalt gegenüber Frauen stellt eine erhebliche Bedrohung für die Gesundheit der Betroffenen dar und ist eine große Herausforderung der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Eine repräsentative Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aus dem Jahre 2003 zeigte auf, dass in Deutschland 40 % der befragten Frauen (n=10.264) seit ihrem 16. Lebensjahr Erfahrungen mit sexueller und/oder körperlicher Gewalt gemacht haben (Müller/Schröttle 2004). Die Ergebnisse der Studie bestätigen vorherige Schätzungen, dass etwa jeder zweiten bis dritten Frau körperliche und jeder siebten Frau sexuelle Gewalt in Deutschland im Erwachsenenalter widerfährt. Dabei sind Mädchen und Frauen mit einer Behinderung zwei- bis dreimal häufiger von sexueller Gewalt betroffen als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland (Müller/Schröttle 2004; Schröttle et al. 2013). Die physischen und psychischen Folgen von Gewalt umfassen u. a. Verletzungen, Depressionen, Angststörungen, Suchtmittelmissbrauch, Einschränkungen in der perinatalen und mütterlichen Gesundheit wie Frühgeburtlichkeit, niedriges Geburtsgewicht, Fehlgeburten, Einschränkungen in der sexuellen und reproduktiven Gesundheit wie ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbruch, gynäkologische Probleme oder sexuell übertragbare Erkrankungen (WHO 2013a).

Seit der Übereinkunft des Europarats vom 11. Mai 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt (Istanbul-Konvention) 2017 in Deutschland ratifiziert wurde, gibt es auch für die gesundheitliche Versorgung in Deutschland neue Anforderungen an Prävention und Intervention. Gewaltbetroffene Frauen nehmen durchaus häufig Angebote der Gesundheitsversorgung in Anspruch, wobei die Gewalterfahrungen oftmals nicht erkannt werden (Ansara/Hindin 2010; Black 2011). Dabei könnten Gesundheitsfachkräfte in ihrer besonderen Position durch vertrauensbildende Maßnahmen zu ersten Ansprechpartner*innen für die betroffenen Frauen werden. Neben einer ersten adäquaten Behandlung wären die Krisenintervention, gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen, Weitervermittlung und Nachsorge wichtige Aufgaben der gesundheitlichen Versorgung (WHO 2013b).

Projektziel und Fragestellung

Im Gesundheitsbereich besteht noch grundlegender Handlungsbedarf, um die in der Istanbul- Konvention formulierten Ziele umzusetzen (S.I.G.N.A.L. e.V. 2017). Derzeit können keine Aussagen zu den an Interventionsmaßnahmen im Gesundheitsbereich beteiligten Akteur*innen, deren Aufgaben und Ziele, Art und Umfang konkreter Angebote getroffen werden. Im Rahmen des Forschungsprojektes sind Interviews mit Expert*innen mit folgenden Zielen und Fragestellungen vorgesehen:

1. Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt in Hessen: es soll ein Überblick über bestehende Angebote der gesundheitlichen Versorgung nach häuslicher und sexueller Gewalt gewonnen werden und inwiefern diese untereinander koordiniert werden bzw. kooperieren.

2. Gesundheitsfachpersonal in Kliniken und anderen Einrichtungen im Gesundheitswesen: es sollen Erkenntnisse über die Durchführung der gesundheitlichen Versorgung nach Gewalterfahrungen gewonnen werden. Dabei ist folgendes von Interesse:

  • Auf welcher fachlichen Grundlage basieren die bestehenden Angebote?
  • Inwiefern werden Dokumentationsbögen für Verletzungen angewendet?
  • Wer ist an der gesundheitlichen Versorgung bei häuslicher und sexueller Gewalt beteiligt?
  • Bestehen Kooperationen mit anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens?
  • Wie wird auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen mit Beeinträchtigungen eingegangen?

3. Mitarbeiter*innen in Schutzambulanzen in Hessen: es sollen nähere Informationen über die gesundheitliche Versorgung bei Gewalt in einem Versorgungsangebot liefern, das spezifisch zur Dokumentation und Spurensicherung etabliert wurde. Folgende Fragestellungen sollen beantwortet werden:

  • Wie unterscheidet sich das Versorgungsangebot der Schutzambulanz von einer Behandlung im Krankenhaus?
  • Bestehen Kooperationen mit anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens?
  • Welche Personen nehmen das Angebot in Anspruch?

4. Koordinierungsstellen anderer Bundesländer, die sich ausschließlich mit der gesundheitlichen Versorgung nach Gewalt befassen. Dabei interessiert:

  • Welche Vorteile bietet eine solche Koordinierungsstelle?
  • Welche   Voraussetzungen    sind    notwendig,    um   ein    solches    Vorhaben umzusetzen?
  • Welche Schwierigkeiten, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten bestehen?

Darüber hinaus sind teilnehmende Beobachtungen bei Sitzungen der regionalen Runden Tische gegen häusliche Gewalt vorgesehen sowie Interviews mit relevanten Akteur*innen in diesem Zusammenhang.

Durch das Forschungsprojekt soll eine systematische Übersicht über bestehende gesundheitliche Versorgungsangebote sowie bestehende Kooperationen im Zusammenhang mit Gewalt in Hessen gewonnen werden. Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse werden Empfehlungen für die Einrichtung einer Koordinierungsstelle der gesundheitlichen Versorgungsangebote bei Gewalt formuliert. Längerfristig sollen die Folgen nach Gewalterfahrungen reduziert werden.

Literatur

  • Ansara, D. L.; Hindin, M. J. (2010): Formal and informal help-seeking associated with women’s and men’s experiences of intimate partner violence in Canada. Social Science and Medicine 70(7):1011–1018.
  • Black, C. M. (2011): Intimate partner violence and adverse health consequences: implications for clinicians. American Journal of Lifestyle Medicine 5(5): 428–439.
  • Müller, U.; Schröttle, M. (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Bielefeld.
  • Schröttle, M.; Hornberg, C.; Glammeier, S.; Sellach, B.; Kavemann, B.; Puhe, H.; Hinsmeister, J. (2013): Lebenssituationen und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hg). Berlin. 2.Aufl.
  • S.I.G.N.A.L. e.V. (2017): Stellungnahme des S.I.G.N.A.L. e.V. zum Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Übereinkommen des Europarats vom 11. Mai 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt (Drucksache 18/12037 vom              24.4.2017).       Online       verfügbar       unter:       www.frauengesundheit- berlin.de/fileadmin/user_upload/MAIN- dateien/Netzwerk_Frauengesundheit/Texte/SIGNAL_Stellungnahme_Istanbul_Konventio n_30_5_2017.pdf (abgerufen am: 23.09.2020).
  • World Health Organization (WHO) (2013a): Global and regional estimates of violence against women. Prevalence and health effects of intimate partner violence and non-partner sexual violence.  Online verfügbar unter: apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/85239/9789241564625_eng.pdf;jsession id=331DCA781D37DA5EFF2BE512BAFDD5F3?sequence=1 (abgerufen am: 23.09.2020).
  • World Health Organization (WHO) (2013b): Umgang mit Gewalt in Paarbeziehungen und mit sexueller Gewalt gegen Frauen. Leitlinien der WHO für Gesundheitsversorgung und Gesundheitspolitik. Hrsg. und deutsche Übersetzung S.I.G.N.A.L. e.V. Berlin. Online verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/blob/84612/6914801e1d81730e0e58ed7d9c8b32b6/who-leitlinien- data.pdf (abgerufen am: 23.09.2020).

Kontaktdaten

Stefanie Haneck

wissenschaftliche Mitarbeiterin, Promotion

Gebäude 25 , Raum 104
Stefanie Haneck+49 661 9640-6028