Die Rolle von Sprach- und Integrationsmittler_innen in der peri-partalen Versorgung von Frauen mit Sprachbarrieren aufgrund von Migrations- oder Fluchthintergrund.

 

 

 

Projektform: Dissertationsvorhaben

Projektdurchführende:Angela Rocholl

Projektleitung: Prof_in Dr. Beate Blättner, Prof_in Dr. Ute Lange (Hochschule für Gesundheit Bochum)

Laufzeit: 2020 – 2023

Kontakt

Angela Rocholl

Promovendin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Gebäude 25 , Raum 101
Angela Rocholl+49 661 9640-6020
Sprechzeiten
nach Vereinbarung per E-Mail

Hintergrund

In Deutschland haben nahezu 31 % aller Kinder unter fünf Jahren Mütter mit einem Migrations- oder Fluchthintergrund (Bundeszentrale für politische Bildung 2018). Damit verbunden sind Sprachbarrieren, die den Zugang zur gesundheitlichen Regelversorgung erschweren (Razum und Spallek 2015: 54). Dies bedingt auch eine mangelnde Teilnahme an Unterstützungsleistungen (Eickhorst et al. 2015) . Um Menschen mit Sprachbarrieren zu unterstützen, hat sich seit den großen Migrationsbewegungen in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren die Landschaft der Dolmetscher- und Sprachmittlerdienste sehr ausgeweitet und bietet Übersetzungen mit persönlicher Beteiligung bis hin zum Internetchat an (Wächter und Vanheiden 2015) Jedoch haben sich trotz des großen Bedarfs an Übersetzungen in vielen Bereichen des Gesundheitswesens und einer gesetzlichen Verpflichtung zur Sicherstellung eines Verständnisses im medizinischen Rahmen (Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)) (§630 Patientenrechtegesetz) noch keine Regelungen zur Übernahme der Übersetzungskosten gefunden (Der Paritätische Gesamtverband 2018:3) . Auch eine Anerkennung der Sprach- und Integrationsmittlung als eigenständiges Berufsfeld steht noch aus. Die zu Terminen in der peripartalen Zeit hinzugezogenen Sprach- und Integrationsmittler_innen verfügen häufig über unterschiedliche Übersetzungskompetenzen in den Bereichen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, was die Effektivität der Übersetzung mindern kann. Sprach- und Integrationsmittler_innen agieren im triadischen Konzept der Sprachmittlung in den peripartalen Versorgungsstrukturen und den damit oft verbundenen hoch emotionalen Situationen je nach der persönlichen Auslegung ihres Tätigkeitbereiches als reine Übersetzer_innen oder als Lotsen_innen der Schwangeren/jungen Müttern durch das Gesundheits- und Sozialsystem.

Zielsetzung

Ziel der Arbeit ist es, einen Einblick in die Tätigkeit von Sprach- und Integrationsmittlerinnen während der Begleitung von Schwangeren/jungen Müttern innerhalb der Versorgungsstrukturen des Gesundheits- und Sozialwesens zu erhalten. Dabei liegt das Forschungsinteresse darin, Kontext –und Hintergrundwissen der Tätigkeit zu generieren (vgl. Breidenstein et. al 2015: 34) und Interaktionen mit den an der Tätigkeit teilnehmenden Akteuren zu beschreiben und zu analysieren. Es wird im Rahmen der Forschung von Interesse sein, herauszuarbeiten, in welchem Maße Sprach- und Integrationsmittlerinnen schon heute fester Bestandteil der Versorgungsstrukturen über ihre originale Tätigkeit hinaus sind und wo und mit welcher Qualifikation weitere Anbindungsmöglichkeiten von Sprach- und Integrationsmittlerinnen an Unterstützungsnetzwerke von Schwangeren und jungen Müttern denkbar sind.

Forschungsdesign

Auf Grund der explorativen Thematik wird ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Um auf Wissen aus erster Hand zugreifen zu können und eine möglichst direkte Form der Begegnung mit sozialer Wirklichkeit und eine Dauerhaftigkeit dieses Realitätskontaktes zu ermöglichen, wird das wissenschaftliche Format der Ethnographie gewählt (vgl. Breidenstein et. al 2015: 33). Hierbei werden sinnvolle Beobachtungseinheiten, Informantenauswahl und Datentypen nur zum Teil im Vorfeld geplant und müssen in Anpassung an die Eigenschaften des Feldes erst herausgefunden werden (vgl. Breidenstein et al. 2015.: 50). Die in Verbindung mit der Ethnografie häufig angewandte Methode der Grounded Theory (Strauss 1991), impliziert nicht nur eine mögliche Methodenpluralität, sondern auch damit verbunden einen im Forschungsprozess fortlaufenden Zyklus von Datengewinnung, Analyse, Reflexion, Anpassung. Eine mögliche Ausweitung der Methoden über die geplanten teilnehmenden Beobachtungen und expliziten Interviews (Breidenstein et al. 2015: 80) hinaus wird sich im Forschungsprozess manifestieren. Die Interviews lassen sich mit den Beobachtungen verbinden und bieten unmittelbare Ergänzungen (vgl. Breidenstein et al. 2015: 81). Gemäß der Grounded Theory werden die Daten kodiert, in analytische Ordnungen gebracht und zu Themenfamilien zusammengefasst (Breidenstein et al. 2015: 126). Zusätzlich werden beispielhafte Fallanalysen zur Kontrastierung durchgeführt. Zusammen mit zusätzlich erstellten Memos in der Empiriephase wird das erhobene Material, zu Konzepten und Hypothesen verdichtet und auf der Basis von Theorien klassifiziert und interpretiert (vgl. Friebertshäuser et al. 2013: 387). Dabei werden zur Reflexion des Materials und des Forschungsprozesses Peergroup Treffen initiiert. Die klassifizierten Theorien und theoretischen Konzepte müssen in Beziehung zum Forschungsthema stehen.

Vor Beginn der empirischen Phase des Forschungsprozesses ist ein Votum durch die Ethikkommission notwendig. Die Freiwilligkeit zur Teilnahme aller Beteiligten und die Anonymisierung der Daten liegen dabei im Fokus.

Literatur

  • Breidenstein, G.; Hirschauer, S. Kalthoff. H.; Nieswand, B. (2015): Ethnografie. Die Praxis der Feld-forschung. 2. Aufl. Konstanz/München, UVK Verlagsgesellschaft mbH; UVK/Lucius.
  • Bürgerliches Gesetzbuch (BGB). § 630e Aufklärungspflichten. Online verfügbar unter www.patienten-rechte-gesetz.de/bgb-sgbv/aufklaerungspflichten.html (abgerufen am 21.01.2020).
  • Der Paritätische Gesamtverband (2018): Positionspapier des Paritätischen Gesamtverbandes. Si-cherstellung der Sprachmittlung als Voraussetzung für Chancengleichheit beim Zugang zu Sozialleis-tungen: 3.
  • Eickhorst, A. et al. (2015): Die Prävalenzstudie „Kinder in Deutschland – KiD 0-3“ zur Erfassung von psychosozialen Belastungen und Frühen Hilfen in Familien mit 0-3-jährigen Kindern: Studiendesign und Analysepotential. Soziale Passagen 7 (2): 381-388.
  • Friebertshäuser, B.; Langer, A.: Prengel, A. (Hrsg.) (2013): Handbuch qualitative Forschungsmetho-den in der Erziehungswissenschaft. 4. Aufl. Weinheim/Basel, Beltz Juventa.
  • Razum, O.; Spallek, J. (2015): Migration und Gesundheit. Public Health Forum Band 23 (2): 54-56.
  • Strauss, AL (1991). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung: München
  • Wächter, M.; Vanheiden, T. (2015): Sprachmittlung im Gesundheitswesen. Erhebung und einheitli-che Beschreibung von Modellen der Sprachmittlung im Gesundheitswesen. Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V.