Globale Gesundheit ist mehr als Gefahrenabwehr, Quarantäne und Ausgangssperre

18.03.2020

Urheber: Levi Kollwitz

Verantwortungsvolle globale Gesundheitspolitik muss über den Tellerrand hinausschauen und viel stärker als bisher die sozialen, politischen und ökonomischen Determinanten berücksichtigen.

Das Corona-Virus hält die Welt in Atem. Die rasante Ausbreitung des Erregers unterstreicht eindrucksvoll die globale Dimension von Gesundheit. Das Virus, das zunächst in der chinesischen Stadt Wuhan auftauchte, hat sich über die etablierten Kanäle der globalisierten Wirtschaft in kürzester Zeit über den gesamten Globus verbreitet. Nun ist die Aufregung groß, die Regierungen aller betroffenen Länder greifen zu ähnlich drastischen Maßnahmen, die sie noch vor kurzem in China kritisiert hatten, schließen ihre Grenzen und greifen teilweise massiv in das gesellschaftliche Leben und die bürgerlichen Freiheiten ein. Es ist wieder die Stunde der Virolog*innen, die zu Höchstform auflaufen und sich in dramatischen Seuchenszenarien überbieten. Die politische und gesellschaftliche Debatte über die Corona-Pandemie dreht sich allein um die Abwehr der Pandemiegefahren und steht ganz im Zeichen einer rein biomedizinischen und biotechnologischen Perspektive.

„Aus gesundheitswissenschaftlicher und -politischer Sicht erweist sich eine derart beschränkte Sicht auf die Dinge als überaus problematisch“, weist Professor Dr. Dr. Jens Holst vom Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda. “Viel besorgniserregender als der aktuelle Ausbruch ist die anhaltende Weigerung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entscheidungsträger, zwischen den Epi- oder Pandemien mit derselben Konsequenz gegen die die Ursachen vorzugehen, mit der sie im Krisenfall das gesellschaftliche Leben einschränken.“ Dabei sei hinlänglich bekannt, dass schon die Ebola-Ausbrüche 2013 und 2014 in Westafrika eine unmittelbare Folge der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen waren: Die intensive Befischung der Meere treibt die küstennah lebende Bevölkerung im westlichen Afrika zur Sicherung ihrer Proteinversorgung immer tiefer in Regenwälder, wo sie mit dem Ebola-Erreger in Kontakt kommen. Gleichzeitig bieten die riesigen Palmölplantagen den Ebola übertragenden Flughunden ideale Lebensbedingungen.

Noch ist die genaue Entstehung der Coronavirus-Pandemie nicht vollständig geklärt. Prof. Holst, der den Bachelorstudiengang „Internationale Gesundheitswissenschaften / International Health Sciences“ an der Hochschule Fulda leitet, lenkt die Aufmerksamkeit auf den Ursprungsort der Corona-Pandemie, einen Fleischmarkt in Wuhan, der tote und lebendige exotische Tiere feilbietet. Das deute darauf hin, dass der aktuelle Seuchenausbruch mit der globalisierten, auf Gewinnmaximierung orientierten Ernährungswirtschaft zu tun hat. Die Expansion des von den reichen Ländern dieser Erde dominierten Agrobusiness führt vor allem im globalen Süden zu betriebswirtschaftlich optimierten Monokulturen, zu Landraub und zunehmendem Verdrängungsdruck. Die industrielle Schweine-, Rinder- und Geflügelmast treibt Holzfäller und Wildtierjäger immer tiefer in die Primärwälder und bringt Sie damit in Kontakt mit bisher unbekannten virulenten und infektiösen Krankheitserregern.

„Verantwortungsvolle Gesundheits- und Sicherheitspolitik darf sich nicht auf Quarantäne- und Notfallmaßnahmen beschränken, sondern muss diesen Zusammenhängen Rechnung tragen,“ fordert Professor Holst. Aber ist es offenbar einfacher, die Bewegungsfreiheit der Menschen einzuschränken als die kapitalorientierte Landwirtschaft, deren Gewinnabsichten die Entwicklung besonders virulenter und infektiöser Krankheitserreger fördert, in die Schranken zu weisen. Dies gilt umso mehr, als sie gleichzeitig erhebliche Umweltbelastungen durch Ackerbau, Viehzucht und Transport verursacht und durch ihre vielfach schädlichen Produkte der Gesundheit der Menschen unmittelbaren Schaden zufügt. Es ist zu hoffen, dass die aktuelle Corona-Panik genügend Druck zum Umdenken erzeugt.

Auf diese und ähnliche Zusammenhänge und die große Bedeutung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Einflüsse auf die Gesundheit der Menschen verweist ein Kommentar von Professor Holst in der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 17. März 2020. Zudem äußerte sich Studiengangsleiter Holst wiederholt im spanischsprachigen Programm der Deutschen Welle (DW TV), so am 6. März in der Nachrichtensendung DW NOTICIAS ¿Está justificada la alarma mundial por el coronavirus? und der Talkrunde A Fondo zum Thema ¿cómo prevenir el pánico? am 11. März dieses Jahres.

Der Studiengang "Internationale Gesundheitswissenschaften / International Health Sciences" am Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda bereitet interessierte Studierenden auf die komplexen Zusammenhänge von öffentlicher und globaler Gesundheit vor.

Kontaktdaten

Prof. Dr. Dr.

Jens Holst

Medizin mit Schwerpunkt Global Health

Gebäude 31 , Raum 104
Prof. Dr. Dr.Jens Holst+49 661 9640-6403
Sprechzeiten
Mittwoch, 10:30 – 12:00 Uhr
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