Im Mittelpunkt des Forschungsinstitutes Point Alpha e.V. stehen drei Themenfelder:

  • Der Kalte Krieg und seine Bedeutung für die Gegenwart
  • Border Studies
  • Demokratie in der Globalen Ordnung

Grundsätzliches

Das Forschungsinstitut möchte einen Beitrag zur Überwindung der in der Forschung häufig eng gezogenen disziplinären Grenzen zwischen den beteiligten Wissenschaften leisten. Forschung wird meist innerhalb eines bestimmten Fachkontextes evaluiert, was eine fächerübergreifende Zusammenarbeit erschwert. Als eine aus mehreren Disziplinen zusammengesetzte Forschungseinrichtung steuert das Forschungsinstitut Point Alpha dem überragenden Trend einer wachsenden Spezialisierung in Zeitgeschichte, Politikwissenschaft sowie Sozial- und Kulturwissenschaften entgegen. Das Institut möchte ein Forum der Reflexion über die Möglichkeiten der Synthese und für alle Seiten fruchtbaren Zusammenarbeit der im weitesten Sinne am Verständnis der Gesellschaft interessierten Fächer sein.

Auf der empirischen Ebene ist dies konkret im Bereich der Border Studies oder der Demokratieforschung vorgesehen. Aber auch die Geschichte des Kalten Krieges wird als Vorgeschichte der Gegenwart gelesen und in ihrer Bedeutung für aktuelle und Zukunftsfragen multidisziplinär erforscht. Es soll darum gehen, einen systematischen Austausch zwischen verschiedenen disziplinären Vertreter*innen voranzutreiben und das eingeschlafene Gespräch vor allem zwischen den historischen Wissenschaften und den politik- und sozialwissenschaftlichen Fächern programmatisch zu erneuern. Zugleich soll ein fruchtbarer Austausch über Theorie- und Methodenfragen etwa im Bereich der Erforschung von Erinnerungskultur, der Arbeit mit Zeitzeug*innen sowie einer transdisziplinären Demokratie- und Politikforschung entstehen.

Erinnern und Vergessen sind dabei keine Prozesse, die allein in den Köpfen von Individuen ablaufen, sondern stets an kollektive Bezugsrahmen gebunden sind. Die Sozial- und Kulturwissenschaften ebenso wie die Geschichtswissenschaften gehen von der Grundannahme aus, dass Erinnern als ein sozialer Prozess zu verstehen ist, bei dem Menschen gemeinschaftlich Erlebtes teilweise bewahren und weitererzählen, teilweise vergessen. Auf diese Weise wird das kollektive Gedächtnis gemeinschaftlich und kommunikativ erzeugt, tradiert und durchaus – etwa während politischer Transformationen oder gesellschaftlicher Krisen – maßgeblich umgedeutet. Diese Grundannahmen teilend setzt sich die hochschulübergreifende Zusammenarbeit das gemeinsame Ziel interdisziplinär zu fragen, wie aus Geschichten Geschichte wird und welche grundlegende Bedeutung diese für Gegenwart und Zukunft hat. Auf diese Weise soll das Institut Beiträge zum Verstehen des Zusammenhangs von erlebter Gesellschaftsgeschichte, alltäglichen Erinnerungspraktiken sowie gegenwärtigen kollektiven Diskursbezügen zum Kalten Krieg und zu sozialen, politischen und alltäglich-regionalen Grenzerfahrungen leisten.

Die Forschungsfelder

Forschungsfeld 1: Der Kalte Krieg und seine Bedeutung für die Gegenwart

Der Kalte Krieg trennte Europa in Ost und West, doch zugleich war er ein globaler Konflikt, der die Welt in zwei ideologische Lager spaltete, die in Point Alpha unmittelbar aneinandergrenzten („heißester Punkt des Kalten Kriegs“). In der sogenannten Dritten Welt verbanden sich mit den beiden Lagern des Kalten Krieges konkurrierende Visionen einer durch die Dekolonisierung ermöglichten jeweils eigenen Moderne, auch in Abgrenzung von den Supermächten („Blockfreiheit“). In dieser weit über Europa hinausgreifenden Sicht erscheint der Kalte Krieg zunehmend als ein polyzentrischer Konflikt, in dem freilich der lokale Alltag – wie im Grenzgebiet in der Rhön um Point Alpha – von den politischen Antagonismen und Systemkonkurrenzen getragen sein konnte.

Eine besondere Rolle kam hier den amerikanischen Verbündeten bzw. zunächst Besatzern zu, die vor Ort agierten und Point Alpha zum Beobachtungsstützpunkt ausbauten. Im westlichen Teil Europas begann nach dem Zweiten Weltkrieg mit amerikanischer Unterstützung der supranationale europäische Einigungsprozess, der ab dem Ende des Kalten Krieges auch die Staaten Mittel- und Osteuropas einbezog. Zugleich standen die 1950er bis 1980er Jahre im Zeichen der „Amerikanisierung“ des Westens, der starken kulturellen, auch wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Einflüsse der USA auf das westliche Deutschland und Europa. Das Gebiet östlich der Grenze wiederum wurde von der Interaktion mit der sowjetischen Macht geprägt. Diese unterschiedlichen „Besatzungsgeschichten“ haben tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis, bis hinein in die Alltagspraxis hinterlassen.

Das Forschungsinstitut setzt sich zum Ziel, die Dynamik zwischen globalen und lokalen Konfliktkonstellationen zu erforschen. Überdies interessieren das Handeln und die Erfahrungen jener Akteure, die die multiplen Grenzen des Kalten Kriegs auf vielfältige Art und Weise zu unterlaufen, wenn nicht gar zu überwinden versuchten. Hinzu kommt die Frage, wie der Kalte Krieg die deutsche und europäische Gegenwart bis heute prägt. Mit diesem Ansatz wird das geplante Institut neue Perspektiven auf die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die europäische Einigung und auf die Nachwirkungen des Kalten Krieges seit dem Ende des Staatsozialismus eröffnen.

Themen:

Transdisziplinäre Forschung zur Geschichte der Teilung und des Kalten Krieges; Auswirkungen globaler Konstellationen auf lokale Räume und Regionen; gesellschaftliche, kulturelle und politische Nachwirkungen des Kalten Krieges; Forschungen zur Wiedervereinigung und der Zeit danach und ihrer Bedeutung für die Region in Europa und der Welt (u.a. auch Verschränkung der Perspektivachsen Ost-West und Nord-Süd).

Forschungsfeld 2: Border Studies

Point Alpha symbolisiert die Spaltung Deutschlands und Europas, aber auch die Geschichte der Wiedervereinigung. Grenzen, und hier insbesondere die befestigte Grenze zwischen Ost und West, verhinderten im Kalten Krieg – wie auch heute – Mobilität. Dennoch können sie in systematischer Hinsicht als Katalysatoren für die Entwicklung lokaler Praktiken, Kulturen und Identitäten angesehen werden: Grenzen in Form von Linien auf einer Landkarte verdeutlichen die Vorstellung politischer Räume; aus alltagsgeschichtlicher Perspektive markieren politische Grenzen jedoch auch spezifische Erfahrungsräume, da sie nicht nur trennen, sondern potentiell auch verbinden. In ihrer politischen Funktion sollten Grenzen Städte, Regionen und Nationen auf dem Papier ebenso wie im Alltag spalten, doch, nahezu paradoxerweise können und konnten sie ebenso zu verdichteter Kommunikation führen.

Das Forschungsinstitut wird die politischen, sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Grenzregionen erforschen und Grenzräume zugleich als Räume intensiver (transnationaler) Kommunikation untersuchen. Was bedeutet(e) es, an einer Grenze zu leben, die sich mit einem globalen Konflikt verknüpfte? Wie wurden die dazugehörigen Einschränkungen im Grenzgebiet verhandelt? Wie wurden sie eingeführt, respektive Gewalthaft umgesetzt? Wie wurde die Grenze in der Öffentlichkeit dargestellt? Und wie kontrastierte dies mit den Erfahrungen der Grenze im Alltag? Grenzen sind nicht statisch, sondern werden gemacht, indem sie gezogen, markiert und befestigt werden: Was aber bleibt von einer Grenze, wenn sie ihre Bedeutung und Macht verliert? In dieser Hinsicht interessiert die ehemalige politische Grenze zwischen Ost und West auch in der Erinnerung.

Themen:

Dynamiken und Praktiken der Grenzerfahrungen und Grenzüberwindungen (räumlich und sozial, formal und informell, border-making/border-breaking); Bedeutungen und Narrative politischer Räume und Grenzen, interkultureller Begegnung(en) und transnationaler Migration; Staatenbündnisse, Konventionen, Kriminalität.

Forschungsfeld 3: Demokratie in der globalen Ordnung

Historisch war die Grenze an Point Alpha eine weltpolitische Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Konsequenzen, die aus der Aufklärung gezogen wurden (Liberalismus vs. Sozialismus), und in der Folge zwischen der westlichen liberalen Demokratie und einem realsozialistischen Autoritarismus. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde das liberale Modell westlicher Demokratie sehr bald zum „Sieger der Geschichte“ ausgerufen (Fukuyama), und zunächst schien diese Diagnose – angesichts der dritten Welle der Demokratisierung – auch zutreffend zu sein. Demokratie ist dabei nicht statisch, sondern lebendig und in Bewegung – sie lebt von demokratischen Institutionen und demokratischer Praxis, und sie beruht auf einer grundsätzlichen Unterstützung der Bürger*innen für Demokratie sowie einem Glauben an die Demokratie. Demokratische Institutionen werden durch demokratische Praxis geformt, demokratische Praxis kann von Institutionen eingeengt oder unterdrückt werden, aber sie kann umgekehrt auch Institutionen demokratisieren. Jedes einzelne dieser Elemente ist veränderbar und eingebettet in, oder Ergebnis von, gesellschaftlichen Dialogen und Konflikten.

Seit der Jahrtausendwende sieht sich das westliche liberale Demokratiemodell mit zahlreichen Herausforderungen weltweit konfrontiert: Es ist eine Stärkung illiberaler und/oder populistischer Ideen, Akteure, Parteien und Regierungen zu konstatieren; die Unterstützung der Bürger*innen für Demokratie sinkt in einigen Staaten signifikant; Technokratie und Digitalisierung verändern Grundlagen demokratischen Handelns; und Gesellschaften differenzieren und spalten sich zunehmend, und zwar einerseits in unterschiedliche Interessensgruppen, andererseits auch entlang von Einkommen und Bildung. Dabei erleben wir gegenläufige Dynamiken: einerseits entwickeln sich demokratische Praktiken weiter und es bilden sich neue Beteiligungsformen (z.B. Bürgerforen), andererseits werden weltweit demokratische Institutionen untergraben oder in Zweifel gezogen, und demokratische Praxis selbst (z.B. Proteste, Demonstrationen) trägt dazu bei. Demokratiekritik ist dabei mitunter von historischen Traditionen informiert und/oder schreibt die historische Spaltung in neuen Konflikten fort. Oftmals ist Demokratiekritik mit Kritik an der europäischen Einigung verbunden.

Dabei wirken die ideologischen, politischen, gesellschaftlichen und territorialen Spaltungslinien des Kalten Krieges fort und beeinflussen aktuelle Spaltungslinien und Konflikte, sowohl innerhalb der Europäischen Union als auch global. Grenzen strukturieren nicht nur Territorien, Staatsgebiete, sondern auch Macht- und Einflussbereiche. Aktuelle weltweite Herausforderungen an Demokratie gehen so mit ideologischen und politischen Differenzen unterschiedlicher Machtsphären einher – so wird von Seiten (rechts)populistischer und autoritärer Regime (z.B. Ungarn, Russland, China) das westliche liberale Demokratiemodell aktiv untergraben. Dies geht oftmals mit wirtschaftspolitischen Dominanzstrategien einher, in denen nicht-demokratische Staaten ihre Wirtschaftskraft nutzen, um neue Dependenzen zu schaffen (z.B. China, Belt and Road Initiative), weltweite Kräfteverhältnisse anders zu strukturieren, und dabei auch das westlich-liberale Demokratiemodell in Frage zu stellen. Das Forschungsinstitut setzt sich zum Ziel, solche Mechanismen regional, national und global zu untersuchen, um ihnen entgegen zu wirken und zur Stärkung demokratischer Praxis beizutragen.

Themen:

Globale Herausforderungen der Demokratie in vergleichender Perspektive und lokaler, regionaler und nationaler Ausprägung; Demokratie und die europäische Einigung; der Übergang zur Demokratie in der ehemaligen DDR und aktuelle Konflikte zwischen west- und ostdeutschen Bundesländern und demokratischen Kulturen; Möglichkeiten der Revitalisierung und Stabilisierung von Demokratie; das Imaginäre der Demokratie; weltpolitische Konfliktlinien und Demokratie.