Nachruf Prof. Dr. Erich Ott
06.12.2025
Erich Ott hat den Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften und seine Entwicklung in den 90er-Jahren maßgeblich mitgeprägt. Nach dem Abschluss eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre mit dem Diplom studierte er in Marburg Soziologie, Politikwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und promovierte zum Dr. phil.. Es schlossen sich Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziologie in Bielefeld, als Projektleiter am Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut in Kiel und Forschungstätigkeiten am Zentrum für Wissenschaft und Praxis der Universität Bielefeld an. Dann folgten genau 25 Jahre im Dienst der Hochschule Fulda – rein quantitativ schon eine lange Zeit, aber viel wichtiger: Erich Ott hat seine Position als Hochschullehrer auch qualitativ herausragend ausgefüllt.
Worin bestand die Ausfüllung der Position? Für die damalige Kernaufgabe an Fachhochschulen, der Lehre, galt: Wer von den Studierenden durch die „Schule Ott“ gegangen ist, wird sich in der Regel daran erinnern. Nicht weil Prof. Ott sie als „Kunden“ wahrgenommen hätte, sondern weil sie einfach professionell gebildet wurden – als Menschen respektiert, in ihrer Kompetenzentwicklung gefördert, in die wissenschaftlichen Gepflogenheiten eingeführt und auf eine verantwortungsbewusst gestaltete berufliche Praxis vorbereitet. Erich Ott war eine hervorragende Persönlichkeit der Lehre – höchst engagiert, mit klaren Zielsetzungen, außerordentlich gut vorbereiteten Veranstaltungen, präzisen Vorgaben für Seminarpläne und Prüfungen.
Darin drückte sich das stete Ringen aus, dem besonderen Charakter von Hochschulbildung – im Gegensatz zur rein beruflichen Bildung – gerecht zu werden. Auch, aber nicht nur, die Produktion verwertbarer beruflicher Kompetenzen war Erich Otts Bildungsziel. Darüber hinaus umfasste dieses Ziel immer auch die Fähigkeit der Studierenden zur kritischen Auseinandersetzung mit ihrer beruflichen Arbeit und zum verantwortungsbewussten Handeln. Es umfasste die Fähigkeit zur Reflexion und die Fähigkeit zur Gestaltung persönlicher und gesellschaftlicher Praxis. Von den Studierenden wurde diese Haltung immer außerordentlich gewürdigt. Ein beredtes Zeugnis dafür waren die studentischen Beiträge anlässlich seiner Verabschiedung in den Ruhestand im Jahre 2010.
Voraussetzung für solchermaßen verstandene „gute Lehre“ ist Professionalität in dem Sinne, dass Wissenschaftlichkeit als methodisch angeleitetes Ringen um universelle Gültigkeit sich paart mit Persönlichkeit, mit der „Haltung“ als Mensch. Wissenschaft alleine liefert nur bedingt Orientierung. Bereits in der Wahl von Fragestellungen für wissenschaftliche Untersuchungen wird dies deutlich. Erich Otts wissenschaftliche Karriere war stets organisiert um humanistische Zielsetzungen. Seine Fragestellungen folgten dem Bemühen, gesellschaftliche Problembereiche zu identifizieren, wissenschaftlich zu untersuchen und daraus Schlussfolgerungen zur Gestaltung besserer Lebensbedingungen zu ziehen. Dies belegen seine frühen Arbeiten zur Humanisierung des Arbeitslebens, zur Pendlergesellschaft und seine Hinwendung zu Fragen der Globalisierung und Nachhaltigkeit. Sichtbar wird dies speziell auch in der konkreten wissenschaftlichen Arbeit zum UNESCO-Biosphärenreservat Rhön. Mit über 60 Veröffentlichungen hat Erich Ott seine Vita als Wissenschaftler eindrucksvoll dokumentiert. Die Hochschule verdankt ihm die in die Hochschul- und Landesbibliothek integrierte Wissenschaftliche Sammlung UNESCO-Biosphärenreservat – eine in dieser Form einzigartige wissenschaftliche Sammlung.
Eine ganze Reihe von Veröffentlichungen wendet sich dabei nicht ausschließlich an die wissenschaftliche Community. Prof. Otts Bemühen bestand immer darin, die Ergebnisse seiner Forschung in die gesellschaftliche Praxis einfließen zu lassen, auch politisch wirksam werden zu lassen. Wissenschaft war für ihn nie eine Veranstaltung innerhalb eines Elfenbeinturms, l’art pour l’art, sondern – kompatibel mit seinem Bildungsziel – Bestandteil seines Bemühens um Humanität. In diesem Bemühen hat Erich Ott auch selbst Verantwortung übernommen, sich eingemischt, an den Grenzen von Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis Positionen übernommen. Daran erinnern seine langjährige Tätigkeit als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Landesbibliothek, seine Beteiligung beim Bemühen um eine Integration von Hessischer Landesbibliothek und Fachhochschul-Bibliothek. Erinnert sei auch daran, dass Erich Ott zu den Gründungsmitgliedern des regionalen Wissenschaftszentrums RWZ zählte und jahrelang als Beauftragter der Hochschule für Wissenstransfer als einer der ersten die Anstrengungen beförderte, den Wissenstransfer der Hochschule in die Region zu etablieren. In diesem Sinne hat die Arbeit von Erich Ott weit in die Region Fulda ausgestrahlt.
Besondere Gestaltungsverantwortung hat Erich Ott aber natürlich auch im Inneren der Hochschule Fulda übernommen – in vielen Funktionen: Hervorzuheben ist seine langjährige Mitgliedschaft in den früheren zentralen Gremien der Hochschule: Rat, Konvent, Senat, in denen auch leidenschaftlich gerungen wurde um die Ausbauperspektiven der Hochschule, um die Wege, die dabei eingeschlagen werden sollten. Erich Ott zählte dabei prominent zu jenen, die darauf achteten, dass die Hochschule ihre Autonomie gegen Zumutungen von Außen und Innen verteidigte. Dies hat er auch als sehr aktives Mitglied einer der großen „Professorenlisten“, der Liste „Autonomie / Demokratische Hochschule“ in der ganzen Zeit seiner Arbeit an der Hochschule getan. Die akademische Selbstverwaltung war für Prof. Ott immer ein herausragendes Recht der Hochschule, gleichzeitig dann aber auch eine Pflicht, der nachzukommen er mit höchstem Einsatz bereit war.
Ausdruck dieser Selbstverpflichtung waren auch seine Mitgliedschaft im Gründungsfachbereichsrat des FB Lebensmitteltechnologie und natürlich seine Tätigkeit als Prodekan und Dekan des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften. Gerade in den Zeiten seines Dekanats wurden wichtige Weichenstellungen vorbereitet, die den Fachbereich zu dem machten, was er wurde. Nicht zuletzt die jährlichen wunderbaren Sommerfeste bei Elisabeth und Erich Ott trugen dazu bei, dass im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften ein Klima produktiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit entstand und gepflegt wurde, das seine Entwicklung förderte. Erich Ott verstand es, gleichermaßen gute Lehre und innovative Forschung, kritische Hochschulpolitik und verlässliche Kollegialität zu vereinen.
Er war ein für Studierende, Kolleginnen und Kollegen, für Hochschule und Region Fulda bedeutender Mensch.
Wir gedenken seiner in Ehren.