Schreibwettbewerb: Lust & Frust des Schreibens

Marcus Abé

Bildungsbiografie eines einfachen Arbeiterkindes

Weshalb das Leben Mentor_innen braucht

Als Kind einer ganz klassischen Arbeiterfamilie wurde ich Mitte der 1970er Jahre in Osthessen geboren. Mein Vater hat sein miserables Abschlusszeugnis der Volksschule vor seinem Klassenlehrer wutentbrannt zerrissen. Nichtsdestotrotz absolvierte er erfolgreich eine Lehre zum Maurer und hat viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Ein exzellenter Alleskönner, mit einem unglaublichen handwerklichen Geschick, vielen Talenten und sogenannten ausgestattet. Meine Mutter, eine Schülerin mit immer sehr guten Noten, durfte ihre Berufsausbildung zur Verkäuferin nicht beginnen. Ihr Vater war gerade zu dieser Zeit wegen eines Oberschenkelhalsbruches für einen längeren Zeitraum an ein (damals sogenanntes) Gipsbett gefesselt. Sie musste aus diesem Grund zu Hause bleiben und half in der Küche, im Garten und in der kleinen Landwirtschaft meiner Großeltern mit. Meine Eltern lernten sich Ende der 1950er Jahre kennen und verliebten sich ineinander. Eine sehr große und innige Liebe, welche sechs Kinder hervorbrachte. In einem kleinen Rhöner Weiler namens Habelgraben1 verlebte ich eine glückliche Kindheit2 mit einem stetigen Gefühl von tiefer Geborgenheit.

Diese endete jedoch abrupt im Alter von zehn, als mein Vater plötzlich mit 48 Jahren an einer Gehirnblutung verstarb. Das war im Jahr 1986 - kurz nach der Silberhochzeit meiner Eltern. Meine Mutter (in den Mittvierzigern) war von heute auf morgen völlig auf sich allein gestellt: Als Witwe mit sechs Kindern, einem Haus, einer an Alzheimer erkrankten und dadurch pflegebedürftigen Schwiegermutter, keiner Berufsausbildung, keinem Führerschein und keinem fahrbaren Untersatz. Anders als vielleicht heute fiel sie in kein soziales Netz und bestritt mit einer kleinen Witwen- und Waisenrente plus Kindergeld unser aller Leben. Auf die Frage, wie sie das alles hat schaffen können, kann meine Mutter heute darauf keine Antwort geben. Sie musste in dieser schweren Zeit wohl einfach funktionieren. Wahrscheinlich war sie traumatisiert und - aus heutiger Sicht - geplagt von großen Existenzängsten, gepaart mit einer unbehandelten hochgradigen Depression. Ausgerechnet in dieser Zeit wurde der Grundstein für meinen fortführenden Bildungsweg gelegt. Ich war in der vierten Grundschulklasse und meine Noten waren gut. Mit fünf Jahren hatte ich bereits Lesen gelernt3, weil ich einfach und ganz profan wissen wollte, was in Büchern steht. Der Besuch des Gymnasiums oder wenigstens der Realschule wären sicherlich eine Option und "drin" gewesen…

Ich ging aber - wie alle meine fünf Geschwister - "nur" auf die Hauptschule, die sich ganz in der Nähe meines Wohnortes befand. Die Wahl einer anderen Schulform stand völlig außer Frage. Wie hätte ich da auch hinkommen sollen? Passende Busverbindungen? Fehlanzeige! Ein höheres Bildungsziel war für mich so weit weg und unerreichbar wie New York. Selbstverständlich mache ich heute niemandem irgendwelche Vorwürfe deswegen und es ist alles gut so wie es ist. Denn diese Verläufe und Unwägbarkeiten haben mich letztendlich zu dem Menschen geformt, der ich heute bin. Und dieser hatte damals schon einen Traum: "Irgendwann einmal werde ich studieren!"

Wir waren eine sehr starke Hauptschulklasse mit insgesamt 32 (!) Schüler*innen. Nach dem achten Schuljahr konnte ich, wegen sehr guter Noten, vorzeitig abgehen und meine Mittlere Reife auf einer Berufsfachschule - mit der Fachrichtung Wirtschaft & Verwaltung - machen. Anfang der 1990er bekam ich die Möglichkeit - direkt im Anschluss an die Schulzeit - eine Berufsausbildung zum Bankkaufmann bei einer regionalen und damals noch sehr kleinen Volksbank zu beginnen. In einer Zeit, in der Ausbildungsplätze dünn gesät waren, durfte ich also meinen Traumjob "Banker" erlernen. Doch nichts ist beständiger als der Wandel. Kurz gesagt: Der Beruf unterlag einer starken Veränderung und entwickelte sich von einer beratenden Tätigkeit hin zu einem ausschließlich verkäuferischen Wirken. In dieser Zeit bemerkte ich schmerzlich, dass mit meinen erlangten Schul- und Berufsabschlüssen in Bezug auf eine persönliche Weiterentwicklung klare Grenzen gesetzt wurden und ein jobtechnischer Aufstieg - theoretisch wie praktisch - unmöglich war.

Nach der Kündigung meines Bankjobs - und rückblickend durch großes Glück - habe ich 2010 als Quereinsteiger in den sozialen Arbeitssektor eine Anstellung bei einem Wohlfahrtsverband in der Schuldner- und Insolvenzberatung gefunden. In meinem erlernten Beruf waren Formulare, Zahlen und Umsatzdruck der hauptsächliche Inhalt meiner Tätigkeit. Nun stand endlich wieder der Mensch im Mittelpunkt meiner täglichen Arbeit. Wegen einer Weiterqualifizierung zum Schuldnerberater (FH) war es dann erforderlich die Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen. Beim ersten Versuch fiel ich sang- und klanglos durch die mündliche Klausur. Angeblich hätte ich das Thema in der Prüfungsleistung völlig verfehlt - und damit war meine generelle Studierfähigkeit nicht gegeben ... Zum ersten Mal in meinem Leben war ich gescheitert! Das nagte sehr an meinem Selbstwertgefühl und allgemeine Zweifel überkamen mich. Ich ging die Fehlerdiagnose an und hegte nach vielen schlaflosen Nächten den Verdacht, dass die verantwortliche Hochschule RheinMain die Fragestellungen - aus meiner Sicht und Meinung - missverständlich ausformuliert hatte. Die Gegenseite sah das natürlich ganz anders und es kam zu einem Rechtsstreit, der vor dem Verwaltungsgericht in Wiesbaden verhandelt wurde. Mit dem Ergebnis eines außergerichtlichen Vergleichs. Der Prüfungsausschuss der Hochschule ruderte zurück, musste alle Fragen des Prüfungskataloges neu überarbeiten und ich durfte kurz darauf den Leistungstest wiederholen. Im zweiten Anlauf bestand ich diesen mit Bravour. Seit 2015 studiere ich an der Hochschule Fulda - auf dem dritten Bildungsweg - Soziale Arbeit und werde seit Beginn von der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung in Bonn durch ein Aufstiegsstipendium (finanziell wie ideell) gefördert.

Aufgrund meiner persönlichen Biografie, dem kräftezehrenden Kampf gegen Windmühlen, den vielen Hürden, unzähligen Steinen und Schwierigkeiten auf meinem (Bildungs-)Weg weiß ich ganz genau wie wichtig es ist, verlässliche Mentor*innen und unterstützende Mutmacher*innen an seiner Seite zu wissen. In der Fuldaer Regionalgruppe von ArbeiterKind.de durfte ich Kontakte knüpfen, meine Fragen stellen und zu jeder Zeit Orientierungshilfen einfordern. Auch zukünftig wird diese Mut machende Initiative ein wichtiger und unerlässlicher Baustein und Bestandteil unserer Wissens- und Bildungsgesellschaft sein - und das nicht nur wegen des in Deutschland vorherrschenden Fachkräftemangels. Vorrangig geht es um das Aufzeigen von individuellen Bildungsmöglichkeiten bzw. -optionen - und der von allen Seiten geforderten Annäherung in Richtung der Chancengleichheit und -gerechtigkeit.

Meine Zeilen sollen denjenigen Kraft geben, die sich (wie ich damals) in einer ähnlichen Situation befinden und mit dem Gedanken spielen, ihr Leben einschneidend zu verändern. Aus meiner Erfahrung lohnt es sich persönlich wie beruflich neue bzw. ergänzende Bildungswege zu beschreiten. Die dazugehörigen und nachvollziehbaren Ängste vor einer unbekannten Zukunft sollen durch meine - sehr persönlich erzählte - und detailliert geschilderte Geschichte abgemildert werden.

1 Damaliges Zonengrenzgebiet - insgesamt 30 Einwohner verteilten sich auf acht Wohneinheiten.

2 Vier Fernsehprogramme (ARD, ZDF, der hessische und der bayerische Rundfunk) waren damals mein Tor zur Bildungswelt.

3 Meine liebe Großmutter Ida - selbst von einer Lese- und Rechtschreibschwäche betroffen - war meine erste Lehrerin, Förderin und Mentorin.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

"Schon der Titel lässt alle, deren Eltern selbst keine Akademiker_innen waren, aufhorchen und ahnen, dass sich dahinter eine sehr persönliche Geschichte verbirgt. Meine eigene Bildungsbiografie läuft im Schnelldurchlauf vor meinem inneren Auge ab, auch sie begleitet von Menschen, die mich unterstützten, an mich glaubten und mir Chancen gaben, wo eigentlich keine vorgesehen waren."