Schreibwettbewerb: Lust & Frust des Schreibens

Lara Rutenberg

Die Kunst der Gruppenhausarbeiten

Es gibt doch nichts schöneres als das gemeinsame Schreiben einer Hausarbeit. (Wahrscheinlich fallen jedem sofort spontan mindestens zehn Dinge ein, die man lieber machen würde wie beispielsweise: schlafen, Netflixen, essen, schlafen, FarmVille spielen, das Zimmer aufräumen, noch mehr essen, den Bachelor schauen, einfach nur rumliegen und nichts tun, irgendwo anders rumliegen und nichts tun und dann wäre da ja auch noch schlafen.) Aber mal angenommen, der Abgabetermin rückt langsam näher und außerdem sind die anderen Gruppenmitglieder doch irgendwie motiviert (oder geben es zumindest glaubwürdig vor zu sein), dann wird auch jeder gute Student und jede gute Studentin nicht drumherum kommen, Kontakt zu diesen anderen Menschen aufzunehmen und gemeinsam ein Meisterwerk an Hausarbeit zu produzieren. Ausgehend vom Idealfall - nicht unbedingt aus pädagogischer Sicht und wie die Lehrenden es sich wohl erhoffen - wird es möglich sein, die Arbeit untereinander klar aufzuteilen, so dass man sich nicht wiedersehen muss, sondern fortan per Whatsapp, Email, Facebook, Brieftaube, Kik, Instagram, Skype, das Darknet, SMS, Tinder oder wie auch immer kommunizieren kann, ohne sich aus dem Haus bewegen zu müssen. Doch auch in diesem Idealfall kommen die fleißigen Studierenden wohl nicht drumherum, sich gegenseitig Updates zuzuschicken und spätestens bei der Frage, wie denn das Titelblatt aussehen soll (Den Titel doch lieber fett und größer? Sieht es zentriert vielleicht besser aus oder lieber alles linksbündig? Und soll zuerst der Name des Moduls nach ganz oben oder doch der Name des Lehrenden?), sich noch einmal abzusprechen. (Die größeren Herausforderungen, wo Absätze hin sollen und wie Schaubilder am besten platziert werden, ob dort nun ein Komma hingehört oder nicht, geschweige denn, welche Schriftart gewählt wird, können via Schere-Stein-Papier oder alternativ mit Kämpfen auf Leben und Tod besonders gut gelöst werden). Aber wir gehen davon aus, dass sich hier die zivilisierten Studierenden schnell einig sind und die Datei die hin- und hergeschickt wurde, mittlerweile einen Namen wie 'Hausarbeit_FinaleVersion5_fertig_FERTIG2.doc' hat und am letzen Tag der Abgabefrist schließlich vorbildlich sowohl ästhetisch als auch inhaltlich top ist (zumindest sollte man davon überzeugt sein, dass dies auf den eigenen Teil zutrifft) und nun abgegeben werden kann. Auch hierbei sollten sich gut organisierte Studierende noch einmal vergewissern, wie die Lehrenden das Meisterwerk erhalten wollen (zum Beispiel: ausgedruckt, in einem Ordner abgeheftet, ohne Ordner, gelocht, ungelocht, auf Diddel-Briefpapier, digital, per Mail, als pdf, als doc, als gif, hochgeladen auf der Hochschulplattform, bei myspace oder per Flaschenpost). Sollte auch diese Hürde überwunden worden sein, so haben sich die Gruppenmitglieder ein gemeinsames kaltes Erfrischungsgetränk auf dem Campus redlich verdient oder zumindest ein gegenseitiges Daumen-Hoch-Emoji und Bekundungen, wie toll die Zusammenarbeit doch war, wobei jeder sich insgeheim erhofft, nie wieder mit anderen eine Gruppen-Hausarbeit schreiben zu müssen und sich vielleicht sogar ein bisschen auf die nächste Klausur oder mündliche Prüfung freut, vielleicht aber auch einfach nur auf die nächste Episode bei Netflix…

Atemloser Parforceritt auf dem Weg zur Deadline

"Dabei treibt der Text die Widersprüche der erzwungenen Zusammenarbeit bei Gruppenhausarbeiten auf die Spitze: Man trifft sich und spricht sich vor allem deshalb gut ab, um möglichst viel wieder ganz allein erledigen zu können."

"Der den Text beherrschende Ton changiert zwischen Larmoyanz, der immer wieder obsiegenden gute Laune und effizienzorientiertem Tatendrang  - und porträtiert damit auch die widerstreitenden Gefühlslagen der in einer Hausarbeitsgruppe zusammengekommenen Studis. Einerseits muss die unvermeidliche Situation zähneknirschend akzeptiert werden - andererseits will man das Beste daraus machen, vor den anderen nicht doof dastehen, die Anforderungen gut erfüllen und nicht zu viel Arbeit haben."