Fuldaer Feldarbeitstage 2017

Herumschnüffeln – aufspüren – einfühlen
Ethnographie als ‘hemdsärmelige’ und reflexive Praxis

6. Fuldaer Feldarbeitstage am 23./24. Juni 2017

Organisator/innen: Ronald Hitzler, Matthias Klemm, Simone Kreher, Angelika Poferl und Norbert Schröer

Das erste, was Studierende der Soziologie lernen müssen, ist das Beobachten und das Aufzeichnen ihrer Beobachtungen: das Lesen und dann die Auswahl und das Aufzeichnen der Daten, die als Erträge aus ihrer Lesetätigkeit hervorgehen; kurzum: die Organisation und den Gebrauch ihrer eigenen Erfahrungen.

(Robert Park)

Feldforschung und insbesondere teilnehmende Beobachtung als basales Verfahren der Entdeckung der (Un-)Ordnung sozialer Welten wurden bekanntlich schon in der ersten Phase der Chicago School of Sociology etabliert. Dort wurden Anfang des 20. Jahrhunderts auch bereits Erfahrungen im Umgang mit Interviews, mit dem Mapping und mit der Analyse von Dokumenten gemacht. Und dort liegen auch die Anfänge der biographischen Methode und der Fallstudienorientierung. Insbesondere Robert E. Park hielt seine Studierenden an, im Feld herumzuflanieren, sich überraschen zu lassen, bereit zu sein, Vororientierungen aufzugeben; kurz: herumzuschnüffeln („nosing around“). Dementsprechend hat er auch kaum vorbereitende Methodenveranstaltungen durchgeführt, sondern seine ‚Leute‘ als experimentelle „marginal men“ ins Feld geschickt, sie bei ihrer Feldarbeit beraten und die Durchführung ihrer Untersuchungen sowie die erzielten Ergebnisse begleitend mit ihnen besprochen.

Es ging Park damals und es geht uns heute beim ethnographischen Herumschnüffeln um das Aufspüren bislang übersehener, unentdeckt gebliebener oder schlicht noch unbekannter oder entstehender sozialer Ordnungen und Unordnungen. Es geht um die Einleitung entsprechender Entdeckungszusammenhänge. Methodologisch betrachtet steht dabei nicht die Kontrolle der Datenkonstruktion im Mittelpunkt. Vielmehr dient die subjektive Einbeziehung durch eine praktische, kontextsensitive, existentielle und reflexive Teilnahme der einfühlenden Erfahrungsbildung, über die der Zugang zur sozialen Wirklichkeit erreicht werden kann. Die konzeptionelle Kontrolle (oder theoretische Integration) der entdeckten Zusammenhänge wird im begleitenden oder im anschließenden Dialog mit den sozialwissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen geleistet. Diese vertreten den sozialwissenschaftlichen Fragen- und Wissenshorizont der Feldforschung, der zugleich durch die erhobene, in Daten gefasste und reflektierte Erfahrungsbildung der Ethnographin irritiert werden kann und soll.   

Die 6. Fuldaer Feldarbeitstage orientieren sich an dieser Idee des Primats einer soziologisch „vorinformierten“ Neugier und des Staunenkönnens in der Ethnographie. Das Prinzip des „nosing around“ erinnert daran, dass das dialogisch-interpretative Verfahren zuvörderst die Einnahme einer nicht standardisierenden (und nicht-normativen) Haltung fordert, über die in allen Phasen der Untersuchung – reflexiv, dialogisch und kenntnisorientiert – Rechenschaft abzulegen ist. Die Wissenschaftlichkeit ethnographischen Forschens besteht, so gesehen, nicht in ‚abgeklärter‘ Methodengeleitetheit, sondern in der erfahrungsbezogenen Reflexivität sowie in der praktisch-diskursiven Kontrolliertheit des wissenschaftlichen Dialogs. Erst als dialogisch-reflexive ist sozialwissenschaftliche Ethnographie seriöse wissenschaftliche Rekonstruktion gesellschaftlicher Konstruktionen. Erst so liefert sie Konstruktionen „zweiter Ordnung“ im Sinne von Alfred Schütz.

Auf den 6. Fuldaer Feldarbeitstagen soll im Hinblick auf aktuelle Forschungsinteressen der Teilnehmenden das dialogisch reflexive Herumschnüffeln, Aufspüren und Einfühlen hin zu einer erfahrungsgetränkten Theoriebildung an ethnographischen Studien aufgezeigt und in seinen methodischen und methodologischen Konsequenzen diskutiert werden. Zu klären wäre etwa, welchen Nutzen die ‚bewährten‘ und in Handbüchern zusammengefassten ‚methodischen Empfehlungen’ ohne Bezug zu Forschungsfragen und Wissensständen für nicht-standardisierte Verfahren überhaupt (noch) haben und welche Folgen das Postulat des Herumschnüffelns für das Postulat der Adäquanz hat.

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