Hallo, mein Name ist Julia. Ich studiere Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen (BASIB) an der Hochschule Fulda.

WER IST MEIN FÖRDERER?
Ich bin Stipendiatin des Cusanuswerks.
Das Cusanuswerk ist ein Förderwerk des deutschen Staates. Die Förderwerke sollen die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln und so gibt es 13 Förderwerke mit Anbindung an unterschiedliche gesellschaftliche Institutionen, z. B. an politische Parteien, an Wirtschaft oder Gewerkschaften, oder an Religionsgemeinschaften. Unter den vier Förderwerken mit Anbindung an Religionsgemeinschaften (jüdisch, muslimisch, evangelisch, katholisch) ist das Cusanuswerk die bischöfliche Studienförderung und ist damit angebunden an die katholische Kirche in Deutschland.

WAS ZEICHNET MEINEN FÖRDERER AUS?
Unter den vier religiös angebundenen Förderwerken legt nur das Cusanuswerk eine bestimmte Religionszugehörigkeit als Zugangsvoraussetzung fest. Um also vom Cusanuswerk gefördert werden zu können, muss mensch katholisch getauft und damit Katholik_in sein.
Ein besonderes Merkmal im Cusanuswerk ist die Beteiligung der Stipendiat_innen an der Gestaltung des Cusanuswerks. Zum einen ist die Stipendiat_innenschaft in Hochschulgemeinden und Gremien demokratisch organisiert und die gewählte Vertretung vertritt die Stipendiat_innen bei der Geschäftsleitung. Zum anderen gibt es vielfältige sogenannte stipendiatische Initiativen (Inis). Z. B. gestaltet die Ini Internet in ehrenamtlicher Arbeit die internen Informations- und Vernetzungsseiten der Stipendiat_innenschaft. Die beiden interessantesten Inis sind für mich jedoch die Ini Psy und die Ini Homo-Cusanus. Die Ini Homo-Cusanus ist der Zusammenschluss von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Intersexuellen (LGBTI) im Cusanuswerk sowie allen anderen an LGBTI-Themen interessierten Cusaner_innen. Die Ini Psy engagiert sich für eine lebendige Auseinandersetzung mit Krisen, psychischen Erkrankungen und Unvollkommenheit. Der Inhalt der beiden Inis verhandelt an den Grenzen des Konzeptes „Bischöfliches Begabtenförderwerk“, indem die Thematisierung von LGBTI-Cusaner_innen die Definition von Katholisch-Sein herausfordert, genauso wie die Thematisierung von psychischen Erkrankungen die Definitionen von Leistung und Begabung herausfordert. Beide Inis schaffen also Weite und Platz für sehr unterschiedliche Geförderte.

Die Förderung in den 13 Förderwerken des deutschen Staates besteht immer aus den beiden Komponenten finanzielle Förderung und ideelle Förderung. Im Cusanuswerk ist die ideelle Förderung nochmal unterteilt in das Bildungsprogramm (das es in allen Förderwerken gibt) und das geistliche Programm. Das geistliche Programm kann freiwillig in Anspruch genommen werden und ist sehr vielfältig ausgerichtet. Es reicht vom gemeinsamen Begehen christlicher Hochfeste über Ausflüge und Pilgern bis zu Exerzitien (geistliche Übungen), einem theologischen Grundkurs und interreligiösen Tagungen mit Stipendiat_innen der drei weiteren religiös angebundenen Förderwerke.

Das Cusanuswerk versteht sich als Biographieförderung und zeichnet sich aus durch eine verständnisvolle, verantwortliche, partner_innenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Fördernden und Geförderten, die darum weiß, dass Biographien nicht nur planbar und geradlinig, sondern vor allem je einzigartig verlaufen. Die Begleitung durch meine Referent_innen war stets für mich parteilich, konstruktiv kritisch und stützend, auch in Krisenzeiten und bei Förderungs-Verlängerungsanträgen.

WARUM PASST MEIN FÖRDERER ZU MIR?
„Bischöfliches Begabtenförderwerk der katholischen Kirche in Deutschland“ – das klingt beim ersten Lesen erzkatholisch, erzkonservativ. Das geht vielen so. Das ging auch mir so. Ich war mir sehr unsicher, ob dieses Cusanuswerk als Förderer zu mir passen könnte. Besonders anstrengend in Bezug auf meine Kirche ist für mich die Auseinandersetzung mit der amtskirchlichen Sexualmoral und mit der damit zusammenhängenden abschätzigen Haltung gegenüber LGBTI+Meschen. Entgegen meiner Erwartungen wird im Cusamuswerk jedoch gerade kritische Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche erwünscht und gefördert. Der Raum für Auseinandersetzung, auch mit anderen Katholik_innen, bietet Rahmenmöglichkeiten, sich die Freiheit zu nehmen, sich selbst einen Platz in der kontroversen katholischen Kirche zu erarbeiten – zu lernen selbst Kirche zu sein. Vielleicht wäre ich ohne das theologische Fachwissen, ohne die interreligiösen Begegnungen, ohne die kritischen Debatten im Cusanuswerk schon aus der Kirche ausgetreten.

WAS HABE ICH IM LETZTEN JAHR SPANNENDES ERLEBT?
Ich habe eine Tagung der stipendiatischen Initiative Homo-Cusanus mitorganisiert und war für die Anleitung einer künstlerischen Reflexion der eigenen religiösen und sexuellen Biographie zuständig. Im Anschluss an die Tagung hat sich eine Person der Ini auf einen Platz im synodalen Weg beworben und ist nun stimmberechtigt. So bekomme ich viel mit von diesem spannenden Ereignis, bei dem die katholische Kirche in Deutschland Reformversuche startet.

Ich konnte für mein Studium am fünften deutschsprachigen interdisziplinären Workshop der Gesellschaft für „Sexarbeits- und Prostitutionsforschung“ in Graz, Österreich teilnehmen.

Und während dem Lockdown und möglichen Einkommenseinbußen bietet ein Stipendium ein kleines Backup und lässt unruhige Zeiten ruhiger durchstehen.

MEIN TIPP FÜR DICH
Wenn Du dich bewirbst, dann such dir einen Förderer heraus, mit dem Du dich auseinandersetzen willst. Das heißt, dass Du nicht alles abnicken und hinnehmen musst, was das vermeintliche Ideal des Förderers ist. Es ist aber sinnvoll, wenn die gesellschaftlichen Thematiken deines Förderers Anknüpfungspunkte mit deinem Leben, deinen Interessen, deinen Fragen haben. Wenn Du dir immer noch nicht sicher bist, ob der gewählte Förderer zu dir passt, dann prüfe deinen Förderer. Ich habe bei meiner Bewerbung meine erste Hausarbeit zusätzlich eingeschickt – eine Biographieforschung mit einem Mann, der hautamtlich bei der katholischen Kirche angestellt und schwul ist. Ich wollte, dass das Cusanuswerk meine Themen kennt und ich wollte prüfen, wie konservativ es ist, ob es mich so haben will, wie ich bin.

Bei den 13 Förderwerken des deutschen Staates ist ein Teil der Auswahlkriterien auch das gesellschaftliche oder soziale Engagement der Bewerber_innen. Mit diesem Kriterium hoffen die Förderer Menschen als Geförderte auszusuchen, die später durch Verantwortungsübernahme etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Bei deiner Bewerbung ist für die Förderer also weniger interessant, bei wie vielen Organisationen Du Mitglied bist oder wie viele Ehrenämter Du hast, sondern wie verantwortungsvoll und gemeinnützig deine Haltung ist. Ich konnte anhand meiner Rolle als ältestes Kind in einer Großfamilie darlegen, dass mir Verantwortung Freude bereitet, ganz ohne irgendwelche Zeugnisse.

Wenn Du dich bewirbst, dann halte dich sehr genau an alle formalen Vorgaben, wie z. B. Formatierung, Seitenzahl, zu bearbeitende Themen. Es bewerben sich mehr Leute auf eine Förderung als es Plätze gibt. Die Förderer machen es sich da einfach und sieben im ersten Durchgang alle Bewerbungen mit formalen Fehlern aus.

Alle Förderer wissen, dass sich Bewerber_innen im Rahmen ihrer Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten ihres Studiums nach Förderern umschauen und dass die erste Motivation finanzieller Natur ist. Das muss also nicht verheimlicht werden, falls eine Frage nach der Motivation der Bewerbung kommt. Allerdings will Dein Förderer sicher auch hören, warum Du gerade ihn ausgesucht hast. Darauf sollte Antwort gegeben werden können.

Da Du dich von einer Hochschule aus bewirbst, sind deine Aufnahmechancen gesteigert. Die Stipendien müssen auf ganz Deutschland verteilt vergeben werden und nicht nur an den großen Unis, wo sich natürlich viel mehr Studierende bewerben.

Ganz wichtig ist zu wissen, dass eine Zusage oder eine Absage keine Aussage über deine Begabung oder deine wissenschaftliche Leistung trifft. Ob eine Zusage erfolgt, liegt auch an ganz banalen Faktoren, z. B. wie viele Menschen sich in diesem Jahr generell bewerben und wie viele es in deinem Studienfach sind, mit wem Du das Bewerbungsgespräch hast, wie viel Geld dein Förderer dieses Jahr zur Verfügung stellt und wie viele Studierende dementsprechend gefördert werden können. Wenn es nicht funktioniert hat, versuche es einfach zur nächsten Frist noch einmal. Die Vorbereitung auf die Bewerbung und die Übung nimmt dir niemand, auch wenn es keine Zusage gibt. Es lohnt sich also in jedem Fall.

Zum Schluss: Viel Mut, eine interessante und gute Entscheidung Dir und natürlich viel Glück! Vielleicht sehen wir uns ja nächstes Semester im Cusanuswerk oder in der stipendienübergreifenden Stipendiat_innenschaft der Hochschule Fulda?
 

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