Diversity-Tag 2020

Diversität in Zeiten von COVID-19

Auch dieses Jahr, am 26. Mai, findet der Diversity-Tag wieder statt -  wenn auch in einer anderen Form als gewohnt. Ungewissheit und vielleicht auch Mehrdeutigkeit begleiten uns in dieser Zeit der Corona-Pandemie. Die Welt erscheint chaotischer und überwältigender als zuvor. Bei vielen Menschen löst die Pandemie verschiedenste Arten von Sorgen und Ängsten aus. Es lohnt sich daher auch einen Blick auf unseren Hochschulalltag zu werfen und zu schauen, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf das Hochschulleben und ihre Angehörigen und Mitglieder hat. Doch nicht auf alle Personen wirken sich die Ausbreitung des Corona-Virus und die damit einhergehenden Einschränkungen gleichermaßen aus. Betrachtet man die aktuelle Situation aus einer Diversity-Perspektive, wird deutlich, dass das Thema gerade in dieser Krisenzeit eine essentielle Bedeutung hat.

Im Folgenden möchten wir deshalb für die unterschiedlichen Lebenssituationen und Auswirkungen der Corona-Pandemie sensibilisieren und haben eine Auswahl an Informationen und Angeboten zusammengestellt.

Corona und Gleichstellung

Nach wie vor wird der weitaus größere Teil der unbezahlten Erziehungsarbeit von Frauen geleistet1. Die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen trifft Frauen deshalb in besonderem Maße. Dies bedeutet vor allem eine Mehrbelastung für Frauen mit (kleinen) Kindern, die die Sorgearbeit nun, durch den Wegfall der externen Betreuung, zusätzlich bewältigen müssen. Zudem stellt die Vereinbarung der zeitintensiven Betreuungsarbeit mit der Arbeit aus dem Home Office eine große Herausforderung dar, was schließlich dazu führt, dass Frauen häufig ihre Karriere hinter häusliche Aufgaben zurückstellen2. Im Endeffekt kann dies zu einer Rückkehr traditioneller Rollenmodelle sowie zur Verschärfung bestehender Ungleichheiten führen.

Eine Benachteiligung bedeutet dies vor allem auch für Frauen im Forschungssektor, wenn Abgabefristen durch diese Mehrbelastung nicht eingehalten werden können, aber die Karrierechancen sowie die Förderung durch Drittmittel von der Anzahl eingereichter Forschungsarbeiten abhängt. Unter dem Titel „Mehrfachbelastungen für Wissenschaftler*innen mit Care-Verpflichtungen dürfen nicht ignoriert werden!“ wurde deshalb eine kritische Stellungnahme zur Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) aufgrund der Covid-19-Pandemie vom 22.04.2020 verfasst und an die Bundesregierung gesandt3.

Neben der Mehrbelastung durch Sorgearbeit trifft die Corona-Pandemie Frauen in höherem Maße als Männer, da der Frauenanteil in einem maßgeblichen Teil der systemrelevanten Berufe bei über 70 % liegt. “Die Herausforderungen der aktuellen Situation werden somit zu einem erheblichen Teil von Frauen getragen."4 Zudem besitze gerade diese große Mehrheit der derzeit sehr geforderten Berufe außerhalb von Krisenzeiten ein geringes gesellschaftliches Ansehen und weise eine unterdurchschnittliche Bezahlung auf.

Dennoch wird die Corona-Pandemie auch als Chance für Frauen gesehen, da die häufig unbezahlte Sorgearbeit von Frauen sowie die Bedeutung dieser systemrelevanten Berufe derzeit deutlich sichtbarer werden. Zudem bedeutet die Organisation von Arbeit im Home Office für viele zusätzliche Flexibilität, die auch nach der Corona-Pandemie zum Teil bestehen bleiben könnte. Wissenschaftler*innen hoffen deshalb auf einen kulturellen Wandel, von dem Frauen profitieren könnten5.

Quellen:

1 Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2019

2 Wissenschaftler kritisieren Benachteiligung in Corona-Pandemie

3 #mehrbelastung

4  Systemrelevant und dennoch kaum anerkannt: Das Lohn-und Prestigeniveau unverzichtbarer Berufe in Zeiten von Corona

5 Die aktuelle Krise verschärft die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt - kurzfristig

Weiterführende Informationen und Angebote:

Rassismus und Interkulturalität in Zeiten von Corona

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berichtet, vor allem seitdem sich das Virus auch in Deutschland verbreitet hat und der Lockdown zu gravierenden Einschnitten im Alltag aller geführt hat, von einer erhöhten Zahl an Beratungsanfragen aufgrund rassistischer Vorfälle. Vermehrt melden sich Menschen, die als asiatisch wahrgenommen werden. Sie berichten von Anfeindungen am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum und auch durch staatliche Stellen. Unter dem Hashtag #ichbinkeinvirus wehren sich auf Twitter seit Anfang Februar zahlreiche Betroffene gegen Anfeindungen und Beleidigungen aufgrund des Virus. „Du bist Corona“- Zurufe, aber auch Sätze, wie „Dich sollten sie mit Sagrotan einsprühen“1 sind Beispiele für Beleidigungen gegen als asiatisch wahrgenommene Menschen. Erschreckend ist auch das Ausmaß: in einer Onlineumfrage des Vereins chinesischer Studierender und Wissenschaftler*innen in Tübingen berichteten 52 Personen der 400 angeschriebenen Personen nach fünf Tagen von zum Teil mehrfachen Diskriminierungserfahrungen aufgrund des Corona-Virus2.

Vorfälle dieser Art geschehen derzeit überall - auch in Fulda. Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen, denen ein ‚asiatischer Hintergrund‘ zugeschrieben wird, beleidigt, gedemütigt und wegen der Ausbreitung des Virus beschuldigt werden. Daher gilt es, sich gegen den latenten und offensichtlichen Rassismus dieser Art, der sich in der Coronakrise stark verbreitet hat, aktiv zu positionieren.

Wissenschaftler*innen mehrerer europäischer Hochschulen berichteten in dem im März erschienenen Aufsatz „The pandemic of social media panic travels faster than the COVID-19 outbreak“3, wie vor allem in den „sozialen“ Medien Panik geschürt wurde, die den Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen potenziert hat. Aber auch traditionelle Medien haben dazu beigetragen, uralte Ressentiments aufleben zu lassen und Ängste zu verstärken, wie die Juniorprofessorin Dr. Lena Henningsen vom Institut für Sinologie der Universität Freiburg in einem Interview beschreibt4. Sie problematisiert zum Beispiel das Titelblatt eines bekannten Magazins, auf dem das Foto eines Mannes in Schutzanzug und mit Atemmaske mit der Überschrift „Made in China – wie die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird“ zu sehen sind. Dr. Henningsen verweist darauf, dass hiermit die Bevölkerung eines Landes pauschal diffamiert wird, während wir die Vorteile der Globalisierung gern mitnehmen und günstige Waren aus China in großen Mengen konsumieren. Es ist fraglich, ob diese Art der Medienberichterstattung auch zu beobachten gewesen wäre, wenn der Virus in einem anderen Land seinen Ursprung gehabt hätte. Die Fachstelle zum Thema Diskriminierung in Baden-Württemberg Adis e.V. bezweifelt dies5.

Die Fachstelle zum Thema Diskriminierung in Baden-Württemberg weist darauf hin, dass „[d]ie meisten Institutionen und Behörden […] so mit dem Corona-Virus selbst beschäftigt [waren], dass dieses Thema kaum Beachtung fand.“6 Daher ist es umso wichtiger, dass Einzelpersonen nicht wegsehen, sondern Betroffenen Unterstützung anbieten oder diskriminierende Menschen auf ihr Verhalten ansprechen.

Internationale Studierende

Weg von zu Hause, Kulturschock – und jetzt Corona. Für viele internationale Studierende ist die Coronakrise eine zusätzliche Belastung, die den Alltagskampf und den Umgang mit Lebens-, Studien- und Arbeitsbedingungen in einer neuen Kultur erheblich erschwert. Zudem ist durch den Lockdown der Rückweg ins Heimatland durch stornierte Flüge und geschlossene Grenzen häufig nicht möglich7. Die aktuellen Vorschriften zu Social Distancing führen zudem zu vermehrter Isolation und verhindern eine Integration in die deutsche Hochschulkultur und das Kennenlernen des Hochschulsystems. Somit stehen internationale Studierende vor neuen und gravierenden Herausforderungen.

Quellen:

1"Dich sollte man mit Sagrotan einsprühen"

2, 5, 6 Social Distancing vor dem Hintergrund sozialer Ausgrenzung - Diskriminierungskritische Fragen und Quergedanken zum Umgang mit der Corona-Krise

3The pandemic of social media panic travels faster than the COVID-19 outbreak

4Ein Volk unter Verdacht

7 Hilfe für ausländische Studierende

Weiterführende Informationen und Beratungsangebote:

Studienfinanzierung

Die ökonomischen Auswirkungen des Corona-Virus sind weltweit spürbar und betreffen einen Großteil der Menschen. Trotzdem sind gerade diejenigen, die bereits vor seiner Verbreitung  unter vulnerablen Situationen gearbeitet und gelebt haben, besonders betroffen. Menschen mit unsicheren und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen leiden unter Existenzängsten im Zuge der Pandemie. Auch Studierende sind überdurchschnittlich stark betroffen. Vor allem für diejenigen, die ihr Studium selbstständig finanzieren müssen und die nicht selbstverständlich auf finanzielle Rücklagen oder die Unterstützung der Eltern zurückgreifen können, bedeutet der Verlust der Einkünfte existenzielle Sorgen.

Informations- und Unterstützungsangebote für Studierende:

Menschen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung

Menschen mit Behinderung sind von der Corona-Pandemie in besonderem Maße betroffen. So ist das Risiko eines kritischen Verlaufs einer COVID-19-Erkrankung generell höher als bei Menschen ohne Vorerkrankung. Die Lockerungen der aktuellen Beschränkungen stellen somit gerade für Menschen mit Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko dar, an COVID-19 zu erkranken, weshalb Betroffene häufig dazu gezwungen sind, die eigenen Kontakte noch weiter einzuschränken. Dazu zählen häufig ebenfalls Unterstützungsstrukturen, die nun wegfallen und selbstorganisiert werden müssen1. Auch können die Sorge vor einer Erkrankung sowie die Einschränkung der sozialen Kontakte psychische Probleme mit sich bringen.

Zudem wird kritisiert, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen bei den Verordnungen zur Eindämmung des Corona-Virus häufig nicht mitgedacht wurden. So stellt das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen, Atemwegserkrankungen oder einer Hörbeeinträchtigung eine besondere Herausforderung dar oder ist unter Umständen gar nicht möglich. Gerade für Menschen mit Hörbeeinträchtigung kommt hinzu, dass aktuelle Informationen zum Corona-Virus häufig nicht barrierefrei für alle zugänglich sind2.

Quellen:

1 Was die Corona-Pandemie für Menschen  mit Behinderung bedeutet

2 Sonderausgabe Newsletter der Bundesfachstelle Barrierefreiheit

Weiterführende Links und Beratungsangebote:

 

Diese Aufzählung ist keine abschließende Darstellung der Verschärfungen von Ungleichheiten durch die COVID-19 Pandemie. Falls Sie noch Wünsche für Themen haben, die aufgenommen werden sollten, melden Sie sich gerne. Wir freuen uns außerdem, wenn Sie Ihre persönlichen Erfahrungen in Form von Erfahrungsberichten, Videos, Audiopodcasts, Fotos oder auch Gedichten und kleineren Texten mit uns teilen möchten. Dies können negative Erfahrungen oder auch aufmunternde und positive Beiträge, die bspw. beschreiben, wie durch Unterstützung anderer diese Auswirkungen gemeistert worden sind, sein. Als Beispiel gibt es hier einen Erfahrungsbericht einer Studentin, die sich derzeit in Nigeria bei ihrer Familie befindet.

Der Charta der Vielfalt e. V. hat zum 8. Deutschen Diversity-Tag ein Online-Wissenspiel veröffentlicht. Hier geht's zum Diversity-Quiz.