Erfahrungen aus Nigeria

Ich befinde mich seit dem weltweiten Ausbruch der Pandemie in Nigeria. Nigeria ist ein Land, welches mir nicht fremd ist. Hier wurde ich geboren und hier durfte ich einen Teil meiner Kindheit verbringen. Eine Rückkehr seit einer wirklich langen Zeit war ein verborgener Wunsch von mir. Erfreut war ich natürlich als mein Fuß am heiligsten Morgen den heißen Boden Nigerias betrat. Es war wirklich heiß. Es waren bereits 30°. Dabei war es nur 8 Uhr. Ein Traum würde jeder denken, ja, es war traumhaft. Hm.

Vor meiner Reise nach Nigeria verspürte ich die aktuelle Sorge der Welt, oder sollte ich lieber sagen, "des Westens und Chinas": Das Coronavirus war nämlich schon aus China nach Europa gekommen. Im Flugzeug las ich, dass das Virus wohl nicht in Afrika überleben könnte - aufgrund des heißen Wetters. Zwei Wochen nach meiner Ankunft wurden die ersten Fälle in Nigeria gemeldet. Schnell wurden krasse Maßnahmen getroffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Im Fernsehen hielt der Präsident seine erste Rede über die aktuelle Situation und teilte jedem mit, dass das Land sich in einem Lockdown für eine unbestimmte Zeit befinden wird. Märkte sollten geschlossen bleiben. Es sei denn, es werden Lebensmittel verkauft. Mehr als 80% der nigerianischen Bevölkerung, die arbeitsfähig ist, ist auf ihre Märkte angewiesen. Wo soll nun die Einkunft zum Überleben herkommen?

Am nächsten Morgen wurde die vom Präsidenten gehaltene Rede langsam wirksam. Aus dem Fenster beobachtete ich Kinder auf der Straße laufen. Sie schienen von der Schule zu kommen. Dabei war es erst 9 Uhr. Kurios fragte ich, ob sie nicht zur Schule gingen. Sie entgegneten mir, dass sie auf Grund eines "Toyotavirus" nach Hause geschickt wurden. Es war natürlich witzig zu hören, wie Kinder das Virus benannten. Mir war aber bewusst, dass sie nicht viel über die aktuelle Lage wussten. Zu Hause sei sicherer, sagte man ihnen.

Schule, Universitäten und Märkte sowie Läden mussten geschlossen werden. Die SchülerInnen sollten bis auf unbestimmte Zeit zu Hause bleiben. Studierende bleiben ebenfalls ohne Zugriff auf Materialien auf unbestimmte Zeit zu Hause. Frauen und Männer müssen auf unbestimmte Zeit zu Hause bleiben. Natürlich ist die Frustration in der Luft zu riechen. Aus der Frustration entwickelt sich ein Misstrauen zur Regierung. Die NigerianerInnen glauben, das Virus befände sich nicht im Land. Es sei eine Masche der Politik, um das Land lahm zu legen. Einige Fälle wurden berichtet. Jedoch waren sie stets inkohärent mit den Zahlen von Betroffenen. Ist nun das Virus im Land oder nicht? Auch ich wollte der nigerianischen Regierung kein Vertrauen mehr schenken.

Die nächste Regelung wurde sichtbar. Die ersten Menschen trugen bereits ihre Masken in sogenannten "Kekes", kleine gelbe motorradartige Busse. Ich war natürlich über die Gehorsamkeit der Leute verblüfft. Sie glaubten zwar das Virus sei nicht im Land, dennoch zogen sie ihre Masken an. Es muss doch irgendwie einen Grund dafür geben, dachte ich mir. Tatsächlich, es gab einen. Jeder, der vom Polizisten ohne Maske erwischt wird, wird festgenommen. Glaubt mir, man möchte keine Nacht in einem nigerianischen Gefängnis verbringen. Die Wahrheit war, die Maßnahmen werden zwangsweise durchgesetzt, dienen aber alle dem Schutz der Menschen.

Mehrere Billionen Nairas wurden von Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen und Privatleuten an die Regierung gespendet. Zwei Wochen lang erhielt ich täglich eine SMS, die mir sagte, ich sollte zu Hause bleiben, um sicher und gesund zu sein. Die SMS erhielt jeder Telefonbesitzer im Land. Werbungen zur Unterrichtung über das Virus wurden jede Minute ausgestrahlt. Zu Hause bleiben war nun das Motto. Oder besser gesagt, zu Hause bleiben und hungern. Wohin nun mit den Billionen Nairas? 1 Billion Nairas seien auf SMS gegangen. 700 Billionen Nairas Scheck seien durch einen Brand im Büro des Finanzministers verbrannt. Wie glaubhaft ist diese Aussage?

Das Volk fühlt sich von der Regierung belogen. Es glaubt nun, dass das Coronavirus die neue Politik im Land sei.

Die noch vorhandene Hoffnung soll nun auch geschlossen werden. Sonntag war der Tag, wo das Leid und die Not der Menschen vor Gott gebracht wurden. Gemeinsam mit anderen tanzten sie und lobten Gott. Sie vergaßen für einen kurzen Moment ihre Sorgen. Wohin nun mit den alltäglichen Sorgen des Coronavirus?

Ich hatte Pläne. Zugleich schaute ich aber zu, wie mich ein Lockdown planlos an einer Stelle  hielt. Ich wusste, ich wollte nur ein Monat im Land bleiben. Als die erste nationale Grenzschließung nun auch noch vollzogen wurde, war mir klar, es wird kein ein Monat mehr werden. Natürlich wollte ich das schöne Wetter weiterhin genießen. Natürlich gefiel mir die Freundlichkeit und Leichtigkeit der Menschen, die auf den ersten Blick die schwierige Lebenslage der Menschen verbarg. Aber die Gefahr, dass der Ausbruch sich verstärkt, schwebt in der Luft.

Auswirkung auf das Studium an der Hochschule Fulda:

Dieses Semester ist mein letztes Semester an unserer Hochschule Fulda. Gerne wollte ich es mit meinen FreundInnen verbringen, um die letzten Monate zu genießen. Jedoch wird es aufgrund des Coronavirus schwierig. Selbst Gremienarbeit wurde auf Online-Formate verlagert. Dies hat natürlich nicht mehr denselben Effekt wie zuvor. Ich freue mich daher umso mehr, wenn alles wieder normalisiert wird.

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