Angekommen

23.10.2017
Programm "Pre-Study for Refugees" an der Hochschule Fulda
Bei der Abschlussfeier des Programms "Pre-Study for Refugees" im Oktober hielt Khujistah Sirat eine kurze Ansprache – in fließendem Deutsch. Foto: Hochschule Fulda

In ihren ersten Monaten in Deutschland machten Khujistah Sirat Einsamkeit, Ungewissheit und die Sprache zu schaffen. Jetzt sagt die junge Afghanin: „Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut."

Die Unterschiede zwischen ihrer Heimatstadt Kabul (Afghanistan) und ihrer neuen Heimat könnten für Khujistah Sirat kaum größer sein: Die Region Fulda zählt gut 220.000 Einwohner, sie gilt als ruhig und sicher. In der afghanischen Hauptstadt leben mehrere Millionen Menschen (die Schätzungen dazu variieren), die Geschäfte haben rund um die Uhr geöffnet, Anschläge und Überfälle kommen im ganzen Land häufig vor. „Wenn wir morgens unserer Familie ‚Tschüss‘ gesagt haben, wussten wir nicht, ob wir sie am Abend wiedersehen würden“, erzählt die junge Frau.

In Kabul hat sie Soziologe und Geschichte studiert. Seit Januar 2016 wohnt Khujistah Sirat in Fulda. Über ihre Flucht möchte sie nicht sprechen, nur so viel: Die Reise war lebensgefährlich, der Abschied von der Familie und ihrem Zuhause sehr schmerzhaft.

Die größten Herausforderungen für sie waren zunächst die deutsche Sprache, die Einsamkeit und die Ungewissheit. Erst im Mai 2017 bekam sie ihre Aufenthaltserlaubnis. Bis dahin schaute sie oft mehrmals am Tag in den Briefkasten ─ immer in der Hoffnung auf eine positive Nachricht. Als sie das ersehnte Dokument endlich in den Händen hielt, war das „wie eine Erlösung", sagt sie. „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, angekommen zu sein."

Bereits im Juni 2016 hatte sie im Programm "Pre-Study for Refugees" an der Hochschule Fulda begonnen, Deutsch zu lernen. Inzwischen hat sie die „Deutschprüfung für den Hochschulzugang“ (DSH2) bestanden. Damit darf sie ein Studium in Deutschland aufnehmen. Entschieden hat sie sich für den Master-Studiengang „Intercultural Communication and European Studies" (ICEUS) an der Hochschule Fulda.

Zwar fehlt ihr ihre Familie immer noch sehr, doch inzwischen hat Khujistah Sirat auch hier gute Freunde gefunden. „Am Anfang war es sehr schwierig für mich, in Fulda zu leben", sagt die junge Frau rückblickend. „Doch ich habe mir ein neues Leben aufgebaut.“

An das Gefühl der Sicherheit in der Öffentlichkeit hat sie sich schnell gewöhnt. Und auch an die Möglichkeiten, in anderen Bereichen zu lernen: Neben dem Pre-Study-Programm hat sie schwimmen gelernt und einen Malkurs besucht. Seit neun Monaten arbeitet sie außerdem am Wochenende in einem Seniorenheim in Fulda-Galerie.

Für die Zeit nach ihrem Abschluss könnte sie sich gut vorstellen, über eine deutsche Organisation nach Afghanistan zu gehen, um dort an gesellschaftlichen Problemen zu arbeiten. „So könnte ich der deutschen und der afghanischen Gesellschaft etwas zurückgeben."

Doch jetzt, pünktlich zu ihrem Geburtstag, beginnt erst einmal ihr ICEUS-Studium. „Das ist wie ein großes Geburtstagsgeschenk."

zurück