Damit nicht nur die Gans gelingt

12.12.2016
Grafik: Ingmar Süß

Was für ein schönes Weihnachtsfest wichtig ist. Tipps von Prof. Dr. Christoph Klotter vom Fachbereich Oecotrophologie

Jedes Jahr der gleiche Stress: Plätzchen backen, Weihnachtsgans braten, Baum schmücken – und dann hoffen, dass alles harmonisch und perfekt wird. Das klappt aber oft nicht. Der Ernährungspsychologe und Psychotherapeut Christoph Klotter vom Fachbereich Oecotrophologie erklärt, wie das „Ritual“ Weihnachten gelingen kann.

Ein Wir-Gefühl entsteht

„Das Besondere an Weihnachten ist, dass es unveränderlich ist. Das ist ja auch etwas Schönes. Sicherlich ändern sich immer wieder mal die Accessoires, aber die Struktur bleibt gleich. Traditionen bewahren unsere Identität. Entscheidend ist: Die Familie isst gemeinsam: Das stiftet Gemeinsinn. Schlecht ist natürlich, dass gerade zu Weihnachten Konflikte im wahrsten Sinn des Wortes ‚hochkochen‘.“

Familie als System

Denn Weihnachten gilt als das konfliktträchtigste Ereignis des Jahres. Wer „Streitklippen“ umschiffen will, indem er Weihnachten diesmal aber ganz anders macht, erleide oft Schiffbruch. „Eine Familie ist ein System. Und Systeme sind resistent gegen Änderungen. Das System Familie duldet keine Änderung. Modifikationen gibt es, aber die Struktur bleibt gleich“, sagt Klotter. Im Ritual „Weihnachten“ definiere sich die Familie als soziale Einheit, ein ‚Wir-Gefühl‘ entstehe. Unbewusst grenze sich der Mensch durch Rituale vom Tier ab, „Rituale sind gesetzte Regeln, nicht instinktgebunden. Wir erweisen uns als Menschen im Ritual: Wir formen uns unsere eigenen Gesetze.“

„Wir essen tagelang besonders viel“

Und so essen die meisten von uns während des Rituals Weihnachten viel mehr, als wir eigentlich wollten. Klotter: „Wir überschreiten kollektiv unser normales Essverhalten. Wir essen tagelang besonders viel. Diese Überschreitung ist sozial erlaubt.“ Und das Menü ist Tradition:  Was in der Familie üblich ist, wird gegessen. Denn Traditionen gehören zur Geschichte; und Menschen seien geschichtsverbunden, sie lebten immer in Bezug auf Geschichte erläutert Klotter: „Beim Essen finden wir zusammen: im Guten wie im Schlechten.“
Denn so ein Festessen kann stressig sein. Das liege auch daran, dass wir es mitunter verlernt hätten, eine gepflegte Tischkultur zu führen. „Eine ungestresste Unterhaltung beim Weihnachtsessen ist deshalb manchmal schwierig. Wie gehe ich mit Verwandten um, die ich eigentlich nicht so leiden kann?“

Zeit der Entschleunigung

Die Gans ist verspeist, der Baum nicht abgebrannt, die Verwandten sind gegangen. Und dann? Christoph Klotter erlebt häufig, dass Menschen mit dem abrupten Wechsel von der Schnelligkeit des Alltags zur Ruhe nicht zurechtkommen. „Das gibt einen Bruch in der Zeit. Die flexibilisierte Arbeit hat alles umzingelt und  die Zeit zwischen den Jahren ist wie ein Zeitloch, die Geschäfte haben geschlossen. Es ist gleichsam eine ‚Überlebensprobe: Was mache ich mit der Zeit, die ich auf einmal habe? Was habe ich, wenn ich meine Arbeit nicht habe?“ Muße könnte man sagen.

Tipps für ein gelingendes Fest von Prof. Dr. Christoph Klotter:

  • Machen Sie kein zu aufwendiges Essen, bei dessen Zubereitung Sie ewig in der Küche stehen müssen, aber trotzdem etwas Schönes
  • Stehen Sie nicht alleine in der Küche, sondern kochen Sie gemeinsam
  • Überall, wo es Menschen gibt, gibt es auch Konflikte; die müssen aber nicht gerade zu Weihnachten ausgetragen werden. Definieren Sie gemeinsam in Ihrer Familie, dass das Austragen der Konflikte vertagt wird
  • Schlagen Sie nicht allzu sehr über die Stränge: Es ist ok, zu Weihnachten mehr zu essen und zu trinken, aber nicht bis zum Erbrechen
  • Spekulatius und Co – na klar; aber auch hier sollte es nicht bis zur Übelkeit gehen
  • Machen Sie etwas zusammen. Zum Beispiel Singen. Lassen Sie sich nicht von den perfekten Weihnachts-CDs entmutigen
  • Ein längerer gemeinsamer Weihnachtsspaziergang kann für Sie und Ihre Familie zu einer schönen Erfahrung werden
  • Haben Sie den Mut, zur Ruhe zu kommen. Entkommen Sie den üblichen (Arbeits-) Rhythmen: Wie geht es mir, wenn ich nichts tun muss? So könnte Weihnachten auch zu einem Experiment werden, einem Zeitexperiment werden und nicht zum Freizeitstress


Prof. Dr. habil.

Johann Christoph Klotter

Gesundheitspsychologie • Ernährungspsychologie

Gebäude 40 , Raum 215
Prof. Dr. habil.Johann Christoph Klotter+49 661 9640-372
Sprechzeiten
Mi 10:30 - 11:30 Uhr

Es muss nicht immer Gans sein

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