„Eine Stadt der Reichen kann nicht funktionieren“

15.11.2015
Noch gibt es im Frankfurter Ostend soziale Projekte wie den Bücherschrank. Aber wie lange noch? Denn über kurz oder lang werden die sozialen Einrichtungen den benachteiligten Menschen hinterher ziehen.
Der Umzug der EZB ins Frankfurter Ostend wandelt sich der gesamte Stadtteil. Das Viertel wird für die wohlhabenderen Schichten hergerichtet.
Bezahlbare Wohnungen gibt es im Frankfurter Ostend immer weniger. Die Altbauten werden saniert und anschließend zu deutlich höheren Preisen vermietet.
Am Mainufer, direkt neben der EZB, sind neue Appartementhäuser entstanden - für die ärmeren Schichten unbezahlbar.

Ärmere Schichten werden aus ihrem Stadtviertel verdrängt. Stadtsoziologin Prof. Heike Herrmann hat dies am Beispiel des Frankfurter Ostends untersucht.

Ob Frankfurt, Hamburg, Berlin oder London – die Verdrängung ärmerer Schichten aus ihren Stadtteilen nimmt zu. Damit einher geht eine Aufwertung der Wohnviertel durch Sanierung, in denen sich Wohlhabende ansiedeln, während die Einkommensschwächeren keinen billigen Wohnraum mehr finden. Doch wo bleiben die Ärmeren? Die Stadtsoziologin Prof. Heike Herrmann vom Fachbereich „Sozialwesen“ an der Hochschule Fulda hat sich mit solchen Prozessen im Frankfurter Ostend beschäftigt.

Statt Kioske schicke Lokale

Wo einst die Arbeiter am Kiosk ihre Currywurst verzehrten, haben schicke Lokale und Cafés im Frankfurter Ostend für eine finanzkräftige Kundschaft eröffnet. Die verwitterte Bausubstanz ist neu-sanierten Häuser gewichen. „Das Frankfurter Ostend hat seine Atmosphäre völlig verändert“, sagt Prof. Herrmann. Früher waren rund um die Großmarkthalle Tagelöhner auf der Suche nach Kurzzeitjobs, heute stehen dort neue Apartmenthäuser für Beschäftigte aus aller Welt.

„Das Frankfurter Ostend durchläuft zwei Prozesse der ökonomischen Aufwertung“, sagt die Fuldaer Stadtsoziologin. „Einmal geht es um einen typischen Gentrificaton-Prozess, der schleichenden Neustrukturierung und Mietpreissteigerung vor allem im nördlichen Ostend. Darüber hinaus kommt es durch die Niederlassung der EZB zu einer Umgestaltung und Beschleunigung der Verdrängung der ursprünglichen Bewohner des Stadtteils innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums, vor allem im südlichen Ostend.“ Die Wissenschaftlerin hat diese Entwicklungen im Ostend mit Hilfe einer Befragung, von Analysen des Sozialraums, Sozialdaten und Medienberichten untersucht.

Beschleunigter Veränderungsprozess

Die soziale Ungleichheit nimmt zu und völlig neue „Raumbilder“ entstehen: Frauen im Pelzmantel halten sich hier ebenso auf, wie Menschen, die nach Flaschen in den Papierkörben wühlen, so ergaben die Raumbeobachtungen der Studierenden während der Untersuchung. Investoren bieten sogar einkommensschwächeren Menschen, wie Älteren oder Alleinerziehenden Prämien, damit sie wegziehen. „Der Verdrängungsprozess hat sich durch den Neubau der EZB beschleunigt. Eingesetzt hat er aber schon vorher“, betont Prof. Heike Herrmann.

Anfang 2015 wurde der Neubau der EZB im Ostend eingeweiht. Auf neun Stockwerken sind dort zirka 1100 Mitarbeiter beschäftigt. Für die wohlhabendere Schicht wird ein ganzes Viertel hergerichtet.

Arme ziehen an die Stadtränder

Den Ärmeren bleibt nur übrig, an die preisgünstigere Peripherie der Stadt zu ziehen. „Sie verlieren ihr soziales Umfeld und Unterstützungsstrukturen wie Freunde, Nachbarn oder Nachbarschaftstreffs, die durch die Soziale Arbeit angeboten wurden.“ Über kurz oder lang werden die sozialen Einrichtungen den benachteiligten Menschen hinterher ziehen. Noch gibt es für Sozialarbeiter einiges zu tun, zum Beispiel Mietberatungen und dabei zu helfen, neuen preisgünstigen Wohnraum zu finden.

„Was im Ostend passiert ist, ist symptomatisch für wachsende Städte in Deutschland und internationale Metropolen“, analysiert Prof. Heike Herrmann, die auch Sprecherin der Sektion Stadtsoziologie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) ist. Der Trend: Wachsende Städte befinden sich im Wettbewerb um internationale Investoren, die Grundstücke als Kapitalanlagen nutzen, Stadtteile sanieren und so Wohnraum aufwerten. Wenn allerdings das Kapital und nicht mehr die Städteplanung über die Zukunft entscheidet, bringt dies auch große Nachteile mit sich. „Eine Stadt allein aus Reichen kann nicht funktionieren“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Städte werden langweilig, sie verlieren ihre Vielfalt. Wenn alles genormt und auf eine Gruppe zugeschnitten wird, macht sich Eintönigkeit breit.

Nicht nur das „Kapital“ planen lassen

Zunehmend überlassen Städte aufgrund ihrer leeren Kassen die Stadtplanung finanzkräftigen Investoren. „Natürlich ist jede Stadt froh, wenn Investoren ihr Kapital bei ihr anlegen und Stadtteile attraktiver gestalten“, sagt Prof. Herrmann. Auch im Ostend werden viele Entwicklungen als positiv angesehen, zum Beispiel die bessere Verkehrsanbindung nach Offenbach. Die Frankfurter begrüßen es außerdem, dass einst schmuddelige Ecken wieder hergerichtet werden, ein „schönes“ Mainufer entstanden ist – auch wenn sie die kleinen netten Dinge, die hier vorher waren, vermissen. „Die Städte laufen Gefahr, sich wichtige Steuerungs- und Planungsinstrumente aus der Hand nehmen zu lassen“, kritisiert die Fuldaer Stadtsoziologin. Das Risiko: „Wenn allein das Kapital bestimmt, was mit dem Wohnraum geschieht, verschwinden der sozialer Wohnungsbau und preisgünstige Mieten.“

Paris als mahnendes Beispiel

Außerdem entstehe durch die Polarisierung in den Städten ein sozialer Sprengstoff. Noch geht es in deutschen Großstädten relativ ruhig zu - im Vergleich zu den internationalen Metropolen, so Prof. Herrmann. Dies liegt nicht zuletzt an der deutschen Gesetzgebung. Der Blick etwa auf die Vorstädte von Paris mit den sozialen Unruhen, an denen auch viele Jugendliche beteiligt sind, zeigt jedoch, was passieren kann, wenn es nicht mehr gelingt, benachteiligte Schichten zu integrieren.

Dabei könnten Städte wahre „Integrationsmaschinen“ sein, die ein Nebeneinander – vielleicht sogar ein Miteinander von verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglichen können, meint Prof. Herrmann. Eine ganz neue Herausforderung entstehe auch durch die vermehrte Ansiedlung von Flüchtlingen, die ebenfalls auf preiswertem Wohnraum angewiesen sind.

Integration durch Bildungsangebote

Doch was können die Städte tun? „Zur gelungenen integrativen Städtepolitik gehört es, Prozesse zu begleiten und Integrations- und Teilhabemöglichkeiten zu schaffen“, betont die Stadtsoziologin. Ein wichtiges Feld sei es, etwa durch Bildungsangebote, Kinder aus benachteiligten Familien zu integrieren. „Gerade die Schulen in ihren Wohngebieten müssten besser ausgestattet werden als Schulen jener Kinder, bei denen von Haus aus schon alles vorhanden ist“, fordert sie. Dazu gehört das schuleigene Angebot an PCs oder zusätzlicher Raum, um in Ruhe die Hausaufgaben machen zu können. Das Programm „Soziale Stadt“ und das so genannte Quartiersmanagement, das auch in Fulda angeboten wird, wo viele Studierende der Sozialen Arbeit ihr Praxissemester absolvieren, seien gute Wege, um Benachteiligte zu unterstützen.

Das Ideal: Alle Schichten können teilhaben

Auch in den Schulen selbst gibt es die Möglichkeit, über Schulsozialarbeit auf die besondere Lebenslage der benachteiligten Familien einzugehen. „In den Schulen werden besondere Projekte initiieren, kann über die Zusammenarbeit von Lehrerschaft und Schulsozialarbeit mehr auf die Lebenswelt der Kinder eingegangen werden. „Verrückter Weise werden diese Schulen zum Teil dann auch plötzlich wieder attraktiv für die Mittelschicht“, erklärt Herrmann. Solche Entwicklungen konnte die Wissenschaftlerin an Schulen in Kassel und in Hamburg im Rahmen einer Untersuchung zu „Bildungsräumen“ beobachten.

„Eine Idealvorstellung der Stadtsoziologie ist es, dass alle Schichten am Leben in den Städten teilhaben können. Ich habe dies „Integrierende Stadtentwicklung“ genannt.“ so Herrmann. Es gibt bereits zahlreiche kleine stadtteilbezogene Projekte, die in diese Richtung gehen.

Köln-Ehrenfeld – ein gelungenes Projekt

Der Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist für Herrmann ein Best-Practise-Beispiel dafür, wie Prozesse sozial durch die Städte begleitet werden können. Hier haben sich die Bewohner des Viertels mit seinen Szenenkneipen und alternativ-kreativem Publikum gegen den Bau eines Einkaufszentrums erfolgreich gewehrt. Statt einer „Shopping Mall“ sind auf dem Gelände eine Schule, neue Wohnungen und eine Heimat für Kunst- und Kultureinrichtungen entstanden – als Produkt von Aushandlungsprozessen mit der Stadt und Investoren. Wachsende Städte seien künftig mehr als bisher dazu aufgefordert, Stadtentwicklungsprozesse sozial mitzugestalten und Einfluss zu nehmen, damit die Ungleichheit in den Städten nicht noch weiter voranschreitet, so die Stadtsoziologin.

Gentrification
Der Begriff „Gentrification“, eingedeutscht "Gentrifizierung", wurde in den 1960er Jahren von einer britischen Soziologin geprägt, als sie im Londoner Stadtteil Islington einen Zuzug Wohlhabender aus der mittleren Schicht und einen Wegzug der einkommensschwächeren Arbeiterschichten verbunden mit steigenden Wohnungspreisen beobachtete. Das Wort leitet sich von "gentry", dem niederer Adel ab, der im 18. Jahrhundert ebenfalls an die Peripherie Londons zog, wo das Leben billiger war. In der Sozialwissenschaft meint Gentrifizierung unter anderem eine allmählich, durch Sanierung und Wechsel des Eigentümers entstehende Dominanz einkommensstarker Haushalte in attraktiven urbanen Wohnlagen zu Lasten von weniger verdienenden Bevölkerungsgruppen.


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Heike Herrmann

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Zur Person

Prof. Dr. Heike Herrmann lehrt Stadt- und Raumsoziologie, Forschungsmethoden und Sozialmanagement und forscht zur Stadtentwicklung, Wahrnehmung und Gestaltung von (Sozial-) Räumen sowie sozialen Ungleichheit.

Sie ist Sprecherin der Sektion Stadt- und Regionalsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und Initiatorin des Netzwerks Stadtforschung in Hessen (NeSTH).

Am Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) in Düsseldorf leitet sie die Arbeitsgruppe „Integrierende Stadtentwicklung“.

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