„Ethisches Finanzsystem immun gegen Krisen“

23.01.2018
Foto: A. Stickel

Interview mit DAAD Gastdozent Professor Ahmad M. Abu-Alkheil, MBA und Finanzexperte

Bereits im Sommersemester 2016 unterrichtete Prof. Abu-Alkheil von der Deutsch-Jordanischen Hochschule, Madaba, Jordanien im Rahmen eines Train the Trainer Stipendiums am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Fulda. Damals entstand die Idee für einen weiteren, längeren Aufenthalt. Dank einer Gastdozentur des Deutschen Akademischen Austauschdienstes wird Prof. Abu-Alkheil ein Jahr lang in Fulda lehren und forschen. Seine Expertise im Bereich Finanzierung und Kostenrechnung lässt er in den Unterricht einfließen. Einer seiner Schwerpunkte ist das islamische Finanzsystem. Was es damit auf sich hat, erklärt er im Interview.

Was ist das Besondere am islamischen Finanz- und Bankwesen?
Abu-Alkheil: Das islamische Finanzwesen ist einer der am schnellsten wachsenden Sektoren der Finanzbranche. Es basiert auf islamischen Rechtsgrundsätzen – der Scharia. Finanzierungen, Investitionen und Versicherungen müssen Scharia-konform sein. Damit sind moralische, ethische und soziale Rahmenbedingungen vorgegeben. Die wichtigsten Prinzipien sind: Gewinn- und Verlustteilung, das Verbot des Glücksspiels, arabisch „maysir“, das Verbot der Spekulation „gharar“ das Verbot unethischer Geschäfte, die z.B. Waffen- und Drogenhandel zum Inhalt haben, sowie das allgemeine Zinsverbot „riba“.

Sind Darlehen in diesem System möglich?
Schulden werden nur gewährt, wenn ein realer Vermögenswert dahintersteht. So gibt es die herkömmliche Hypothek im islamischen Finanzsystem nicht. Lassen Sie es mich am konkreten Beispiel erklären: Möchte ein Kunde ein Haus kaufen, schließt er einen Vertrag mit seiner Bank ab. Diese erwirbt das Haus und verkauft es an den Kunden weiter, der wiederum den gestundeten Kaufpreis in Raten abzahlt. Vorab wird auf den ursprünglichen Kaufpreis vertraglich ein Aufschlag festgelegt, von dem die Bank profitiert. Ein solches Darlehensgeschäft nennt man „murabaha“.

Wie weit verbreitet ist das islamische Finanzwesen?
Abu-Alkheil: Es wird zunehmend zu einem globalen Phänomen und beschränkt sich nicht nur auf Länder mit muslimischer Mehrheit. Grob gesprochen ist der islamische Finanzmarkt im Iran, Malaysia und auf der Arabischen Halbinsel am stärksten entwickelt. Doch Großbritannien ist eins der größten und am schnellsten wachsenden Zentren für islamische Finanzprodukte in Europa.

In Deutschland scheint das Interesse an islamischen Finanzdienstleistungen geringer …
Abu-Alkheil: Das stimmt so nicht. Es gibt zwar erst eine Bank in Deutschland, die ausschließlich Scharia-konforme Anlagen anbietet: Die KT Bank mit Niederlassungen in Berlin, Frankfurt, Mannheim und Köln wurde 2015 gegründet. Doch das Bundesland Sachsen-Anhalt war in Europa bereits im Jahr 2004 der erste nicht-muslimische Emittent von Scharia-konformen Anleihen ohne Zinszahlungen, sogenannten Sukuk, im Wert von über 100 Millionen Euro. Statt Zinsen kassierten die Zeichner der Papiere Leasingraten.

Richten sich islamische Finanzprodukte nur an Muslime?
Abu-Alkheil: Nein, sie richten sich keinesfalls nur an muslimische Kunden. Sie sind für alle interessant, die ihr Geld ethisch und sozial verantwortlich investieren möchten. Deshalb bevorzuge ich statt islamisches Finanzwesen den Begriff des ethischen Finanzwesens. Im Übrigen findet man das Zinsverbot auch im Alten Testament der Bibel und es galt lange Zeit im Christentum. Der Islam hat eben als erstes Zinsen durch etwas anderes ersetzt.

Ihre Promotion an der Universität Hohenheim beurteilt die Leistungsfähigkeit der in Europa tätigen islamischen Banken im Vergleich zu konventionellen und islamischen Banken in Ländern mit muslimischer Mehrheit. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Abu-Alkheil: Die Analyse umfasste hauptsächlich den Zeitraum von 2005 bis 2008. Dadurch konnten wir die Auswirkungen der Finanzkrise 2007 untersuchen. Die Ergebnisse zeigen, dass islamische Banken in Europa vor der Krise relativ ineffizient waren. Im Vergleich mit konventionellen Banken waren sie jedoch weniger anfällig und zeigten während der Krise einen positiven Trend in Bezug auf Effizienz, Produktivitätsentwicklung und finanzieller Rentabilität. Das kann mehrere Gründe haben: Denkbar wären die religiös bedingten finanziellen Zwänge oder auch die geringen Größen. Insgesamt sehe ich großes Potenzial in den noch recht jungen und kleinen islamischen Banken in Europa.

Hätte sich die globale Finanzkrise aus Ihrer Sicht mit einem islamischen Finanzsystem verhindern lassen?
Abu-Alkheil: Ich bin überzeugt, dass ein ethisches Finanzsystem immun gegenüber jeglicher Art Krise ist. Aus meiner Sicht wäre es möglich, mit der entsprechenden strategischen Planung innerhalb von 10 bis 15 Jahren unser jetziges System zu verändern – natürlich müssten sämtliche Zentralbanken mitziehen.

Zur Person
Prof. Dr. Ahmad M. Abu-Alkheil lehrt im Rahmen einer vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Gastdozentur am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Fulda. In seinem Heimatland Jordanien ist er an der Deutsch-Jordanischen Hochschule als Assistent-Professor im Bereich Finanzierung und Kostenrechnung tätig. Darüber hinaus ist er zertifizierter Unternehmensberater, Vermögensmanager und Finanzierungsplaner. Prof. Abu-Alkheil forscht insbesondere zum Thema Islamisches Finanz- und Bankwesen.

Die Gastdozentur wird gefördert vom DAAD aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

 

zurück