Für eine bessere Ernährungstherapie von chronisch kranken Patienten

21.11.2017

Fuldaer Wissenschaftlerinnen setzen Qualitätsstandards mit einem europäischen Projekt. Ihr Ziel: über einheitliche Qualitätsstandards in der Lehre ein einheitlich hohes Niveau in der Versorgung der Patientinnen und Patienten sicherzustellen.

Wenn Menschen chronisch erkranken, dann kann die Genesung auch davon abhängen, wie sie sich ernähren. Doch wie bekommen sie die bestmögliche Ernährungstherapie? Der Studiengang Diätetik an der Hochschule Fulda hat mit internationalen Partnern einen innovativen Online-Kurs für Studierende entwickelt. Das Ziel ist, die Qualität der Ausbildung in der Diätetik zu verbessern und damit auch die Ernährungstherapie der Patienten. Hochschulen aus Deutschland, Österreich, Belgien und den Niederlanden sind daran beteiligt.

„Eine qualitativ gute Ernährungstherapie setzt sich genau mit der jeweiligen Krankheit auseinander. Sie kann die Tage im Krankenhaus verringern und die Lebensqualität der Patienten verbessern“, sagt die Leiterin des Studiengangs Diätetik an der Hochschule Fulda, Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller. Zusammen mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Christina Gast und vier europäischen Partnerhochschulen wird sie bis 2018 das Projekt IMPECD vorantreiben (siehe Kasten).

Die Wissenschaftlerinnen haben einen Massive Open Online Course (MOOC) entwickelt, in dem die Studierenden anhand anschaulicher Fallbeispiele lernen können. Die Krankheitsgeschichten echter Patienten werden dargestellt, etwa bei Diabetes mellitus Typ 2, Adipositas, Koronarer Herzkrankheit, Zöliakie und Dickdarmkrebs. Die Gemeinsamkeit: Die Krankheiten können durch die Ernährung positiv beeinflusst werden.

Ein Prozessmodell für alle

Alle beteiligten Hochschulen haben sich bei der Entwicklung des Kurses auf ein gemeinsames Prozessmodell geeinigt, das heißt auf einzelne Schritte und Vorgehensweisen in der Ernährungstherapie - von der Erhebung der Ernährungsvorgeschichte des Patienten, über die Diagnose, bis hin zur Planung, Umsetzung und Auswertung von ernährungstherapeutischen Maßnahmen.

Beispiel Mangelernährung: Ein Patient ist an Krebs erkrankt und verliert enorm an Gewicht. Die Ursache kann der veränderte Stoffwechsel durch den Tumor sein oder die Übelkeit, die durch die Chemotherapie entsteht, oder beides. Die angehenden Therapeuten setzen sich im Online-Kurs damit auseinander, wie die Mangelernährung verhindert bzw. behandelt werden kann. Dabei sind viele Fragen mit dem Patienten zu klären: Wie viel und was kann der Patient noch essen? Welche Rolle spielt die Psyche bei der Appetitlosigkeit? Wie ist die Motivation des Patienten? Wie kann der Patient unterstützt werden?
„Dem Beratenden muss hier klar sein, dass die Krebserkrankung und auch die Behandlungen auf den Ernährungsstatus Auswirkungen haben“, betont Prof. Kohlenberg-Müller. Dann gilt es herauszufinden, welche Probleme akut vorliegen und über welche Ansätze die Ernährungsprobleme gelöst werden können. Dabei sollten auch die Vorlieben beim Essen berücksichtigt werden: Was mag der Patient essen und was gar nicht? Auch soziale Eigenschaften und das soziale Umfeld der Patienten spielen eine wichtige Rolle: Ob er sich selber versorgt oder in eine Familie lebt, ob er selber kocht oder bekocht wird.

Neuester wissenschaftlicher Stand

„Das Ziel des EU-Projekts ist, dass wir in Zukunft einheitliche Qualitätsstandards in der Lehre haben und damit ein einheitlich hohes Niveau in der Versorgung der Patientinnen und Patienten sicherstellen können“, sagt Prof. Kohlenberg-Müller. Und dies gilt über Ländergrenzen hinweg: So werden die Studierenden der Hochschulen Fulda, Antwerpen, Groningen und Neubrandenburg künftig mit demselben Online-Kurs und denselben Arbeitsmaterialen ausgebildet. Der Kurs ist daher in englischer Sprache.
Wer einen solchen Online-Kurs entwickelt, betreibt Pionierarbeit, weil vieles dokumentiert und systematisiert werden muss auf der Basis des aktuellen Wissensstandes. Die Wissenschaftlerinnen betreiben hierfür angewandte Forschung: Für die Entwicklung der Lehrmaterialen haben sie die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und medizinische Leitlinien zusammengetragen. Der Vorteil: Das Wissen ist gesichert und wird international vergleichbar. „Es ist uns auch ein Anliegen, international mit der Diätetik anschlussfähig zu bleiben, in der Forschung und Entwicklung und auf dem Arbeitsmarkt“, erklärt Prof. Kohlenberg-Müller. So müsse Deutschland, was die Akademisierung der Diätetik anbelangt, eher noch aufholen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, wo das Fach schon länger an den Hochschulen etabliert und damit akademisiert ist.

Obwohl die Ernährung unmittelbaren Einfluss auf den Zustand chronisch kranker Menschen habe, führe das Fach hierzulande zum Teil noch ein stiefmütterliches Dasein, so Prof. Kohlenberg-Müller. Die zunehmende Akademisierung und Professionalisierung werde jedoch das Fach in Lehre und Forschung vorantreiben. Durch eine intensivere Ausbildung und Herangehensweise werde es aufgewertet. „Langfristig können auch Kosten im Gesundheitssystem reduziert werden, indem Ernährungsprobleme nicht verschleppt und zu einem noch größeren Problem werden“, betont die Fuldaer Ernährungswissenschaftlerin.

Auch eine besondere Didaktik wurde für den Online-Kurs direkt mit Studierenden erprobt: „Das Innovative daran ist, dass unser Kurs von den Studierenden getestet wurde, so dass wir wissen, was gut angekommen ist und wo wir vielleicht noch etwas nachjustieren müssen“, erläutert Christina Gast. So hat der Kurs auch interaktive Elemente. Videos, Lerntexte und Tonaufnahmen wurden integriert sowie Plattformen, auf denen die Studierenden sich mit ihren Lehrkräften über den Lernfortschritt austauschen können.

Region wird von der Diätetik profitieren

Wenn 2018 in Fulda die ersten Diätetik-Absolventinnen und Absolventen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wird auch die Region von dem Knowhow profitieren. Sie werden dann in interdisziplinären Teams in den Krankenhäusern, im ambulanten Dienst und in Altenheimen arbeiten – auch angesichts einer älter werdenden Bevölkerung wird die Nachfrage nach solchen Fachkräften steigen.

Einheitliche Standards der Diätetik-Ausbildung für Europa
IMPECD steht für Improvement of Education and Competencies in Dietetics (IMPECD), das heißt die Verbesserung der Ausbildung und Kompetenzen in der Diätetik. Das Projekt wird von der EU (Erasmus+-Programm) von September 2015 bis Ende Oktober 2018 gefördert. Kooperationspartner sind die Hochschule Fulda, die Hochschule Neubrandenburg, die Fachhochschule St. Pölten, die Hanzehogeschool Groningen und die Artesis Hogeschool Antwerpen.
Der MOOC (Massive Open Online Course) wird für die Studierenden der Partnerhochschulen zugänglich sein und in die Lehre integriert. Geplant ist es auch, die Inhalte bereits ausgebildeten Diätassistentinnen zur Verfügung zu stellen.
Die Studierenden haben online über einen Link Zugang zum MOOC und können digitale Inhalte Schritt für Schritt abrufen. Dabei bearbeiten sie viele Aufgaben. Den Studierenden wird es so auch möglich, im eigenen Tempo zu lernen, weil die digitalen Inhalte wiederholt abgerufen werden können. Dennoch ist das Lernen nicht nur virtuell, regelmäßig finden Präsenz-Lehrveranstaltungen an der Hochschule statt, wo die Ergebnisse diskutiert werden. Die Lehrkräfte unterstützen dabei, dass das Gelernte vertieft wird und beantworten offene Fragen. Das Medium wird sowohl in der Hochschule in Seminaren eingesetzt als auch Zuhause.
Weitere Informationen unter: www.impecd.eu

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