„Hilfsgelder werden für die Logistik verschwendet“

01.04.2016
Eine staubige, schlecht befestigte Straße mit tiefen Schlaglöchern, auf der LKW und Motorradfahrer im Stau stehen.
Ein logistischer Albtraum aus Sicht westlicher Standards: schlecht befestigte Straßen, die lange Staus produzieren.
Im Seehafen von Douala: Güter werden hier noch oft von Hand entladen.
Nur wenige Kräne stehen für das Entlasen von Schiffen zur Verfügung.

Die humanitäre Logistikerin Prof. Dorit Schumann von der Hochschule untersucht, wie Hilfsgüter schneller und kostengünstiger bei den Menschen in Subsahara-Afrika ankommen.

Dürren, Hunger, Kriege – der afrikanische Kontinent ist krisengeschüttelt. Die Professorin für humanitäre Logistik an der Hochschule Fulda Prof. Dr. Dorit Schumann erforscht, wie Hilfsgüter zur richtigen Zeit am richtigen Ort ankommen können, damit die Not der Menschen in Entwicklungsländern gelindert wird.

Die Region Subsahara Afrika muss für Logistiker, die nur westliche Standards kennen, ein Albtraum sein: schlecht befestigte Straßen, auf denen schnell riesige Staus entstehen, Eisenbahnen, bei denen man nie gewiss weiß, ob sie abfahren und ankommen, eine langsam arbeitende Zollabfertigung, die eine Vielzahl an Stempeln fordert und Stromausfälle, die die Kühlkette von Medikamenten und Lebensmitteln unterbrechen können.

Die Professorin Dr. Dorit Schumann vom Fachbereich Wirtschaft hat gemeinsam mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterin Liliane Streit-Juotsa die Logistikprozesse für Hilfsgüter am Seehafen Douala in Kamerun untersucht. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, dort unterwegs zu sein: Für eine Strecke von 60 Kilometern von der Kleinstadt Limbé nach Douala brauchte sie einmal sieben Stunden. Waren brauchen gemäß „Logistik Performance Indikator“ der Weltbank dreimal so lange wie in Deutschland, bis sie ihr Ziel erreichen. Die Transportkosten sind doppelt so hoch. „Hilfsgelder werden hier verschwendet, für die man lebenswichtige Güter kaufen könnte“, sagt Prof. Schumann.

Der Seehafen Douala – eines der Nadelöhre für Güter nach Afrika

Der Seehafen Douala ist einer der 10 wichtigen Seehäfen in Afrika. Von dort aus werden Lebensmittel und Medikamente in das Hinterland transportiert – bis nach Zentralafrika und in den Tschad. Über 90% der Hilfsgüter, die für akute und permanente Katastrophen eingesetzt werden, stammen von den Vereinten Nationen – wichtige Ansprechpartner für die Forscherin aus Fulda. Solche internationalen Akteure und auch Logistikdienstleister trifft sie entweder vor Ort in Afrika oder in Frankfurt am HOLM, ein Forschungs- und Bildungszentrum für Logistik, in dem Hochschulen und Unternehmen vertreten sind, strategisch günstig in der Nähe des Frankfurter Flughafens.

Bürokratie und Korruption verlangsamen den Prozess

Der Großteil der Verteilung der Güter geschieht in Afrika über die Seehäfen. Flughäfen haben eine vergleichsweise geringe Bedeutung, erläutert die Wirtschaftswissenschaftlerin. Ein Großteil der Hilfsgüter wie Getreide, Mais, Medikamente und Impfstoffe oder auch Zelte für Flüchtlingscamps kommen mit den Seeschiffen in Douala an: Schiffe am Hafen dümpeln im Stau: „Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht warten die Frachter, bis sie einlaufen können, weil die Prozesse sehr langsam ablaufen“, schildert Prof. Schumann: Die Güter werden mit wenigen Kränen und auch von Hand entladen. Bis die Bürokratie grünes Licht gibt, dauert es mitunter mehrere Tage. Dabei muss häufig eine Strafgebühr für das lange Lagern am Hafen bezahlt werden, wofür die Logistik-Dienstleister gar nichts können. „Teilweise werden die Prozesse bewusst verlangsamt, um Zusatzeinnahmen zu bekommen“. Zudem liegt Kamerun beim Korruptions-Index von Transparency International auf Platz 130 von 168 Staaten; eine solche „Motivationszahlung“ erhöhe die Logistikkosten zusätzlich.

Blick auf gesamte Prozesskette soll Schwachstellen aufzeigen

Die Frage, wie die Prozesse beschleunigt und kostengünstiger werden können, treibt die Logistik-Professorin an. Problematisch sei vor allem die „letzte Meile“, wenn die Güter im Hinterland bis in die Dörfer zu den Menschen gelangen sollen. Das Problem: Jeder, vom Hafenbetreiber über den Logistikdienstleister bis zum Reeder, kennt nur seinen eigenen kleinen Teil der Kette, nicht aber den gesamten Prozess. Die Forscherinnen haben daher ein Modell erstellt, um die gesamte Prozesskette zu visualisieren. So entstand ein mehrere Meter langes Flussdiagramm, um die Schwachstellen ausfindig zu machen. Dabei arbeitet das Fuldaer Team mit den lokalen Akteuren zusammen: „Wir sind nicht schlauer als die Afrikaner. Sie können uns vor Ort genau sagen, wo die Brücken nicht passierbar sind, wie lange man warten muss, bis die Ware durch den Zoll ist und wie viel Stempel benötigt werden“, erläutert die Logistik-Professorin. „Als Logistiker aus Deutschland können wir auch von afrikanischen Stärken lernen, zum Beispiel Flexibilität und Problemlösungskompetenz. Türöffnerin in die afrikanische Welt ist die Diplom-Wirtschaftsingenieurin Liliane Streit-Juotsa, die aus Kamerun stammt.

Verschlankung der Prozesse ist nötig

„Schon allein die Wahl des Transportmittels spart enorme Kosten“, erklärt Schumann. So läuft der Transport mit LKW ab Douala ins Hinterland viel schneller ab als mit der Eisenbahn. Deutlich wurde auch, dass viele Stationen der Zwischenlagerung eingespart werden können. „Durch die Verschlankung von Prozessen kann man Kosten und Zeit einsparen“, erklärt Schumann. Sie sieht auch das Potenzial von preisgünstigen und verbreiteten Technologien, die für die Verfolgung von Sendungen eingesetzt werde können, etwa durch Mobiltelefone und SMS. „Dabei können auch leicht verständliche SMS-Symbole eingesetzt werden“, erläutert sie. Auch mit dem kostengünstigen Computer „Rasberry Pi“, der für die Ausbildung von Informatikern entwickelt wurde, könnten preiswerte Kontrollsysteme programmiert werden: Wenn am Gerät ein rotes Signal aufleuchtet, könne dies etwa ein Signal für eine zu hohe Temperatur oder Luftfeuchtigkeit im Lager gelten.

Ein weiteres Forschungsprojekt könnte nun sein, die Provinzstadt Ngaundéré im Hinterland Kameruns zu untersuchen, weil sie sich zu einem kostengünstigeren Verteilungspunkt über Straßen und Flughäfen in die afrikanischen Nachbarländer entwickeln könnte. Zusammen mit Kooperationspartnern an der Universität Bremen, der Hochschule Flensburg sowie der Universität in Ngaoundéré ist man an der Hochschule Fulda bestrebt, ein Drittmittel einzuwerben.

Versorgung von Zeltstädten für Flüchtlinge

Auf Prof. Schumann wartet ab dem Sommer eine zusätzliche Herausforderung: Sie wird für drei Jahre an der Deutsch-Jordanischen Universität in Amman das Thema Humanitäre Logistik vorantreiben. Dort wird ihr Schwerpunkt Flüchtlingslogistik sein: Riesige Zeltstädte mit etwa 100 000 Flüchtlingen sind unter anderem mit dem Camp Zaatari an der Grenze zu Syrien entstanden. Auch dort sind Menschen in Notlagen darauf angewiesen, dass Hilfsgüter zur rechten Zeit am richtigen Ort ankommen.

Kontakt

Prof. Dr.

Dorit Schumann

Allgemeine BWL, insbesondere Logistik

Prof. Dr.Dorit Schumann+49 661 9640-
Sprechzeiten
Termine nach Vereinbarung

Zur Person

Prof. Dr. Dorit Schumann ist seit 2004 Professorin für Logistik am Fachbereich Wirtschaft. Von 2009 bis 2015 war sie Vizepräsidentin für Forschung und Entwicklung. Seit 2013 ist sie die wissenschaftliche Leiterin des Forschungsverbundes „Hochschule Fulda am House of Logistics and Mobility – HOLM“. Ab Sommer übernimmt sie für drei Jahre das Amt der Vizepräsidentin für Internationales an der Deutsch-Jordanischen Universität in Amman.

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