Im Tandem gegen den Professor*innen-Mangel

07.02.2022

Arbeiten im Rahmen des Tandem-Programms zusammen: (v.l.) Swen Friedrich, Geschäftsführer der antonius : gemeinsam begegnen gGmbH, Dr. Uta Anschütz aus dem Fachbereich Lebensmitteltechnologie der Hochschule Fulda sowie Alexandra Fischer und Stella Rau von antonius : gemeinsam begegnen. (Foto: Julian Elm)

Das Bund-Länder-Programm FH-Personal unterstützt mit erheblichen finanziellen Mitteln Hochschulen für Angewandte Wissenschaften bei der Gewinnung und Entwicklung von professoralem Personal.

Gemeinsam mit regionalen Partnern ermöglicht die Hochschule Fulda Nachwuchswissenschaftler*innen, berufspraktische Erfahrungen zu sammeln, um sich für eine Professur zu qualifizieren. Sogenannte "Tandem-Programme" sollen helfen,  die Bewerber*innenlage bei der Besetzung von Professuren vor allem in technischen und neu akademisierten Fächern zu verbessern. Aber auch die regionalen Partner profitieren. Zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen sind nun in ihr „Tandem-Programm“ gestartet.

„Professuren mit den am besten qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten zu besetzen, das ist für die Weiterentwicklung und die Wettbewerbsfähigkeit der Hochschule Fulda ganz entscheidend“, erklärt Hochschulpräsident Professor Dr. Karim Khakzar. Doch vor allem in technischen und neu akademisierten Disziplinen gestaltet sich die Bewerber*innenlage schwierig. „Im Wettbewerb um die besten Köpfe stehen wir einerseits in Konkurrenz zur Wirtschaft. Andererseits bringen hochspezialisierte Kandidatinnen und Kandidaten aus der Wissenschaft oftmals keine ausreichende Berufserfahrung mit“, so der Präsident. Wer sich auf eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) bewerben will, muss doppelt qualifiziert sein, das heißt, über wissenschaftliche Qualifikation ebenso verfügen wie über Berufserfahrung außerhalb der Wissenschaft.

Über Tandem-Programme mit regionalen Partnern will die Hochschule Fulda es Nachwuchswissenschaftler*innen daher ermöglichen, Berufserfahrung zu sammeln und sich für eine Professur zu qualifizieren. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen aus dem Fachbereich Lebensmitteltechnologie machen den Anfang. Vier Jahre lang werden Dr. Uta Anschütz und Dr. Désirée Schneider zur Hälfte an der Hochschule Fulda beschäftigt sein und zur Hälfte bei ihrem Praxispartner arbeiten. Denn als hochspezialisierte Disziplin hat die Lebensmitteltechnologie häufig mit einer schwierigen Bewerbungslage zu kämpfen. Nur wenige Bewerber*innen verfügen über die erforderlichen Qualifikationen. Frauen bewerben sich kaum.

Kooperationspartner antonius : gemeinsam begegnen gGmbH

Uta Anschütz wird ihre berufspraktischen Erfahrungen bei der antonius : gemeinsam begegnen gGmbH sammeln. Die 41-jährige Biologin hat an der Universität Würzburg studiert und promoviert. Bislang hat sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Regionalen Innovationszentrum Gesundheit und Lebensqualität (RIGL-) Fulda gearbeitet. Bei antonius wird sie sich mit der Neugestaltung des Lebensmittelproduktions- und Vertriebsbereichs beschäftigen und gemeinsam mit dem Praxispartner innovative Lebensmittel entwickeln. „Mit antonius habe ich einen professionellen Lebensmittelhersteller und Gastronomiedienstleister gefunden, der die komplette Lebensmittelproduktionskette abdeckt und mit der Entwicklung innovativer Projekte jedem Menschen die Möglichkeit gibt, möglichst selbstständig zu leben“, sagt sie. „Ich freue mich auf die Möglichkeit, parallel zu meiner Tätigkeit an der Hochschule auch wichtige Berufspraxis zu sammeln, mein Wissen einzubringen und die Zusammenarbeit zwischen antonius und dem Fachbereich Lebensmitteltechnologie zu erweitern.“

Kooperationspartner DLG

Désirée Schneider wird mit der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft e.V. (DLG), einem Netzwerk der Land-, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft in Frankfurt, zusammenarbeiten.  Die 36-Jährige Ernährungswissenschaftlerin hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen studiert und dort auch in Kooperation mit der Hochschule Fulda promoviert. Bislang war sie unter anderem als Laboringenieurin, Studiengangskoordinatorin und zuletzt als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im RIGL- Fulda tätig. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte bei der DLG werden unter anderem im Einsatz instrumenteller Methoden in der Lebensmittelsensorik sowie der Digitalisierung im Bereich Sensorik, Qualitätssicherung und Lebensmittelproduktion liegen. „Ich freue mich sehr darüber, das Tandem-Projekt zu absolvieren und mich wieder einer neuen Herausforderung stellen zu können. Das Projekt ist eine tolle Möglichkeit für mich, neben der wissenschaftlichen Arbeit Praxiserfahrung zu sammeln“, erklärt sie. „Die DLG sehe ich als idealen Kooperationspartner, da hier Innovationen sowie Forschung und deren Anwendung in der Praxis im Vordergrund stehen und ich somit zahlreiche Einblicke in die Praxis und Facharbeit bekomme, ohne dass der wissenschaftliche Bezug verloren geht.“

Das Programm dient auch dem Wissenstransfer

„Wir sind sehr froh darüber, dass es uns gelungen ist, regionale Partner zu gewinnen, die gemeinsam mit uns im Rahmen der Tandem-Programme die Weiterqualifikation von Nachwuchswissenschaftlerinnen unterstützen“, betont Hochschulpräsident Khakzar. „Wissenschaft und Praxis rücken damit noch enger zusammen. Dadurch können wir den Weg hin zu einer HAW-Professur ermöglichen und den Bewerberpool für Fächer mit Mangel an berufungsfähigen Kandidatinnen vergrößern.“ Doch die Tandem-Programme böten darüber hinaus noch einen weiteren Vorteil: „Sie sind auch ein Beitrag zum Wissenstransfer von der Hochschule in die Praxis und umgekehrt. Auch die regionalen Partner können von dem Programm profitieren.“

Das sieht auch Simone Schiller so, die Geschäftsführerin Fachzentrum Lebensmittel, die das Programm seitens der DLG betreut:  "Das Tandem-Programm ist eine klassische Win-Win-Situation für alle: Denn die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft kann ebenso wie die Nachwuchsförderung weiter intensiviert werden, was Ziel der DLG ist. Mit Dr. Désirée Schneider haben wir für die nächsten vier Jahre eine kompetente Kollegin in unseren Reihen, von deren Expertise wir profitieren werden. Im Gegenzug wird die Nachwuchswissenschaftlerin Einblicke in die vielseitige und vielschichtige DLG-Facharbeit gewinnen, die als offenes Netzwerk und fachliche Stimme der Land- und Ernährungswirtschaft wissenschaftliche Ergebnisse in die Praxis bringt und enge Kontakte zur Lebensmittelwirtschaft pflegt."

Auch Swen Friedrich, Geschäftsführer der antonius : gemeinsam begegnen gGmbH, sieht das Tandem-Programm als Gewinn. „Durch unsere Lebensmittelproduktionen in Landwirtschaft, Bäckerei und Küche schaffen wir tolle Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Frau Dr. Anschütz wird viele Einblicke in die Arbeit und in die Berufswege bei antonius erlangen und ihre sozialen Kompetenzen erweitern können. Gleichzeitig werden wir neue Themen und Gesichtspunkte vonseiten der Hochschule in unsere soziale Arbeit und Produktionen einfließen lassen können. Dieser Transfer ist dann unser Gewinn für antonius.“

Wenn die beiden Tandem-Programme erfolgreich verlaufen, dann will die Hochschule Fulda das Konzept weiterentwickeln.

Hintergrund:
Das Bund-Länder-Programm FH-Personal unterstützt mit erheblichen finanziellen Mitteln Hochschulen für Angewandte Wissenschaften bei der Gewinnung und Entwicklung von professoralem Personal. So sind zum Beispiel an der Hochschule Fulda in den kommenden Jahren mehr als 70 Professuren neu zu besetzen. Mit einer Vielzahl von Maßnahmen möchte die Hochschule die Erfolgsaussichten bei der Besetzung verbessern, denn in einigen Fächern mangelt es seit vielen Jahren an berufungsfähigen Kandidat*innen. Sie erhält dafür in den nächsten sechs Jahren insgesamt rund 7,4 Millionen Euro aus dem Programm FH-Personal. Zu den Maßnahmen zählen auch die Tandem-Programme.
Insgesamt verfolgt die Hochschule Fulda mit ihrem Konzept das strategische Ziel, ihr Profil in Lehre und Forschung zu schärfen, neue Karriereoptionen für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu etablieren und damit sich selbst und das Berufsbild HAW-Professur im Allgemeinen sichtbarer und attraktiver zu machen. Die Vernetzung mit der Praxis und der Region spielt dabei eine zentrale Rolle.

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