Mythen über die Landwirtschaft

01.10.2015
Nachhaltige Landwirtschaft erfordert beides: Ackerbau und Viehzucht. Foto: © Pogonici | Dreamstime.com

Über Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft existieren einige Mythen. Prof. Dr. Friedrich-Karl Lücke vom Fachbereich Oecotrophologie der Hochschule Fulda setzt sich im Interview mit ihnen auseinander.

Sie beschäftigen sich mit Mythen über Nachhaltigkeit. Was ist Ihrer Ansicht nach der größte Irrtum?

Was mich im Moment ärgert, das ist die Behauptung, eine vegane Ernährung sei die nachhaltigste Form der Ernährung. Vegane Ernährung kann man durchaus ethisch begründen, aber nicht mit Nachhaltigkeit. Für mich ist eine solche Behauptung ein Zeichen dafür, dass die Öffentlichkeit zu wenig davon weiß, wie nachhaltige Landbewirtschaftung funktioniert. Ackerbau und Viehzucht gehören zusammen, seit die Menschheit sesshaft ist. Wer die Nährstoffe in einem landwirtschaftlichen Betrieb optimal nutzen will, braucht beides.

Welche Folgen für die Nachhaltigkeit hätte es, wenn sich alle vegan ernähren würden?

Die Landwirtschaft würde aus bestimmten Gegenden verschwinden und somit auch die wirtschaftliche und soziale Säule der nachhaltigen Landbewirtschaftung zusammenbrechen, und zwar dort, wo man Feldfrüchte für die menschliche Ernährung nicht oder nicht wirtschaftlich anbauen kann. Das gilt für viele Flächen in Rhön und Vogelsberg, und erst recht für trockene Gebiete wie den Steppen Innerasiens. Etwa eine Milliarde Menschen hängen weltweit von der Nutztierhaltung ab, nicht weil wir alle Fleisch essen wollen, sondern weil die Gegenden, die sie bewohnen, nur mit dem Halten von Tieren, insbesondere von Wiederkäuern, nutzbar sind. Und Huhn und Schwein waren seit jeher Reste-Verwerter. Heute sind sie das de facto nicht mehr, weil sie weniger mit Reststoffen aus Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung, sondern mehr mit Getreide und Soja gefüttert werden. Dieses Dilemma rührt nicht zuletzt von der BSE-Krise her, in deren Folgen man die Anforderungen an Futtermittel deutlich verschärft hat, nach meiner Meinung auch etwas zu sehr. Aber: Wenn alle auf dem Planeten wie wir im Jahr im Durchschnitt 60 Kilo Fleisch pro Person konsumieren würden, dann würden wir es in wenigen Jahrzehnten nicht mehr schaffen, ausreichend Futter für die Tiere zu produzieren.

Was wäre denn für Sie künftig der Mittelweg?

Ich wünsche mir ein System, in dem die Preise für tierische Produkte die Wahrheit sagen. Das heißt, dass nicht nur die Erzeuger- und Verarbeitungsbetriebe davon leben können, sondern dass auch die Inanspruchnahme von Ressourcen durch die Intensivtierhaltung stärker berücksichtigt wird. Momentan ist manchmal im Supermarkt Mineralwasser deutlich teuer als Milch. Das ärgert mich. Aber: Der Fleischverbrauch wird bei uns mittelfristig sinken, auch wenn der „Vegan-Hype“ vorüber ist. Heutzutage hält Sie kaum noch jemand allein deswegen für arm oder geizig, wenn Sie ihn mit wenig oder ohne Fleisch bewirten – das was früher nicht so. Die ersten Fleischverarbeiter fangen schon an, fleischähnliche Produkte aus pflanzlichen Zutaten zu machen.

Ein weiterer Mythos: Groß ist schlecht und klein ist gut. Wieso hinkt diese Argumentation?

Was die wirtschaftliche und soziale Säule der Nachhaltigkeit angeht, sind dezentrale, kleinere Einheiten und lokale Wertschöpfungsketten sicherlich günstiger, was nicht bedeutet, dass es den dort Arbeitenden stets besser geht als in Großbetrieben. Ob dadurch auch Transportkosten gespart werden, muss man im Einzelfall prüfen und dabei auch einen möglichen Mehraufwand für den häufigeren Transport kleiner Mengen und für Einkaufsfahrten einkalkulieren. Andererseits braucht zum Beispiel eine Großmolkerei etwa bei der Verarbeitung von einem Liter Milch weniger Energie und Ressourcen als eine kleine Hofmolkerei. Verarbeitungsbetriebe sollten aus ökologischer Sicht einerseits groß genug sein, um genug in ressourcensparende Techniken investieren zu können, andererseits aber nicht so groß sein, dass man zu viel Energie für den Transport von Rohstoffen und Produkten braucht.

Wie sieht es mit Emissionen durch die Tiere aus, die den Treibhauseffekt hervorrufen? Wie schneiden da große und kleine Betriebe ab?

Methan, das im Pansen von  Wiederkäuern entsteht, trägt zum Treibhauseffekt bei. Eine Kuh, die 10 000 Liter Milch pro Jahr gibt, produziert nur wenig mehr Methan wie eine Kuh, die 5000 Liter pro Jahr produziert. Auf die Milchleistung bezogen entsteht also pro Liter Milch von einer Hochleistungskuh weniger Methan. Andererseits muss man für die Intensivtierhaltung mehr Flächen für die Futtermittelproduktion einsetzen oder Nährstoffe etwa in Form von Sojaschrot „importieren“. Dadurch entstehen „unterm Strich“ mehr Treibhausgase als bei Grünlandwirtschaft mit angepasstem Tierbestand. Unser studentisches Projekt hat geschätzt, dass deswegen pro Liter produzierter Milch im Antonius-Hof insgesamt weniger Treibhausgase entstehen als in der Literatur für einen typischen Betrieb mit Intensiv-Milchviehhaltung angegeben ist.

Und das Tierwohl? Sind da die Kleinen besser?

Kleine Betriebe gehen nicht automatisch besser mit ihren Tieren um als große Betriebe. Wenn jemand weniger Tiere hält, kann er zwar besser beobachten, ob es den Tieren schlecht geht, und entsprechend eingreifen. Viele Probleme kommen aber daher, dass die Haltungsformen und Stallungen nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen. Vor allem in kleineren Betrieben werden zum Beispiel Milchkühe oft noch in Anbindehaltung gehalten, und größere Betriebe haben meist in moderne Laufställe mit Auslauf investiert und in Systeme, mit der man auffälliges Verhalten oder Symptome dafür, dass es den Milchkühen nicht gut geht, erfassen und darauf reagieren kann. Hierfür fehlt es kleinen Betrieben oft an Investitionsmitteln. Wo soll ein kleiner Betrieb mit 40 Kühen das Geld hernehmen, einen neuen Stall zu bauen? Und dies bei Milchpreisen von unter 30 Cent pro Liter und vielleicht noch ohne Hofnachfolge.

Welchen Stellenwert wird Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft künftig haben?

Meiner Ansicht nach führt daran kein Weg vorbei, wenn wir auch in ein paar Jahrzehnten noch ordentlich wirtschaften wollen – und zwar so, dass die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt werden, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können. In der Diskussion ist es wichtig, dass ökologische, soziale und wirtschaftliche Komponenten der Nachhaltigkeit, berücksichtigt werden. Man muss sich der Spannungs- und Konfliktfelder bewusst werden.

Prof. Dr. Friedrich-Karl Lücke ist Mikrobiologe. Er lehrte von 1989 bis 2015 an der Hochschule Fulda mit Schwerpunkt Mikrobiologie, Lebensmittelsicherheit und Lebensmittelverarbeitung und betreut weiterhin als Berater studentische Projekte in den Bereichen Lebensmittelqualität, Produktentwicklung, Qualitätsmanagement. Er ist in wichtigen überregionalen Gremien tätig, zum Beispiel Mitglied in der Sachverständigenkommission für Hygiene am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und in zahlreichen wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

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