Nachruf

21.09.2021
Hochschule Fulda trauert um Prof. Beate Blättner

Prof. Dr. Beate Blättner war von 2007 bis 2019 Studiendekanin des Fachbereichs Pflege und Gesundheit. Die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses war ihr ein besonderes Anliegen. Sie war bei ihren Studierenden als höchst engagiert bekannt, galt als sehr anspruchsvoll, aber auch als sehr fördernd.  Foto: Hochschule Fulda

Die Hochschule Fulda trauert um Prof. Dr. phil. Beate Blättner vom Fachbereich Pflege und Gesundheit.

Beate Blättner wurde 2003 an die Hochschule Fulda berufen und wirkte bis zu ihrem Tod Mitte September im Fachbereich Pflege und Gesundheit. Die Denomination ihrer Professur lautete: Gesundheitsförderung. Diese Bestimmung benennt nicht nur ihre berufliche Ausrichtung, sondern war auch für sie selbst leitend: Wie kaum eine andere hat sie das Gesundsein trotz schwerer Krankheit in den letzten zehn Jahren gelebt.

Beate Blättner war ausgebildete Erwachsenenpädagogin und mehr als ein Jahrzehnt beim Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens e.V. als Programmbereichsleiterin schwerpunktmäßig für Gesundheitsbildung und Gesundheitsförderung zuständig. Ihr Engagement trug wesentlich dazu bei, dass die Volkshochschulen im gesamten Bundesgebiet zum größten Anbieter von Programmen der Gesundheitsförderung wurden. Parallel dazu nahm sie vielfältige Funktionen im Bereich der Gesundheitsförderung wahr. In den sieben Jahren als Vorsitzende der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V. stellte sie die Weichen für eine Neuaufstellung des Vereins hin zu einem schlagkräftigen Fachverband für Gesundheitsförderung und Prävention mit dem Ziel, zur gesundheitlichen Chancengleichheit der Bevölkerung beizutragen.

Nach ihrer Promotion zur Dr. phil. im Jahre 1997 besetzte sie bis zu ihrer Berufung nach Fulda eine Zeitprofessur für Pädagogik, insbesondere Gesundheitspädagogik und Erwachsenenbildung an der Fachhochschule Neubrandenburg.

Beate Blättner bekleidete das Amt der Professorin in herausragender Weise. Ihre wissenschaftlichen Leistungen bildeten die Grundlage ihrer Aktivitäten in der Forschung, in der Lehre, in der Selbstverwaltung der Hochschule und in der Professionsentwicklung in den geregelten Gesundheitsberufen sowie in den Bereichen Gesundheitsförderung und Public Health. Kennzeichnend ist bei diesem Wirken vor allem die enge Verbindung von Forschung mit praktischer und politischer Gestaltung.

Etwa 200 wissenschaftliche Publikationen
Ein Blick in das Verzeichnis ihrer etwa 200 Publikationen zeigt den Umfang und die Breite der wissenschaftlichen Arbeit von Prof. Beate Blättner. Vier thematische Felder sind es, denen sie in den letzten Jahren ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte:

Erstens das Thema Gewaltprävention in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen: in der Altenpflege, in der häuslichen Pflege, in Intimbeziehungen Jugendlicher, in Partnerschaften, Schwangerschaften, in Familien. Diese Arbeiten standen vorbereitend und evaluierend in engem Zusammenhang mit dem Aufbau der Schutzambulanz in der Region Fulda, einer Kooperation des Landkreises Fulda mit dem Land Hessen, von Prof. Dr. Blättner initiiert und wissenschaftlich begleitet. Für die bundesweit erste Studie zur Prävalenz von Gewalterfahrungen in den ersten Liebesbeziehungen (Teen Dating Violence), die Beate Blättner bei Schülerinnen und Schülern in Hessen durchführte, wurde sie 2014 mit dem Forschungspreis der hessischen Fachhochschulen geehrt. Bis zu ihrem Tod leitete sie ein Projekt zur partizipativen Entwicklung von Konzepten zur Prävention von Gewalt in der stationären Pflege, in ambulanten Pflegekontexten und im Krankenhaus.

Zweitens das Thema Klimawandel und Gesundheitsschutz, insbesondere der Schutz vor den gesundheitlichen Folgen von Hitzeextremen. Diese Arbeiten mündeten in konkrete Konzepte und Handlungsempfehlungen für die Governance der Klimaanpassung auf Landes- und kommunaler Ebene sowie innerhalb der gesundheitlichen Versorgungsstrukturen, die eine bundesweite Reichweite haben.

Drittens legte Beate Blättner eine ganze Reihe von Arbeiten zur Gesundheitsförderung für Bewohnerinnen und Bewohner in der stationären Pflege vor. Diese Arbeiten befassten sich vor allem mit Interventionen zur Förderung der körperlichen Aktivität als Mittel zur Stärkung kognitiver Ressourcen. Sie war Autorin der Expertise, die dem Leitfaden Prävention in der stationären Pflege des GKV-Spitzenverbandes zugrunde liegt und für einschlägige Präventionsprogramme der gesetzlichen Krankenkassen richtungsgebend ist.

Schließlich leitete Beate Blättner bis zu ihrem Tod ein Umsetzungsprojekt des Regionalen Innovationszentrums für Gesundheit und Lebensqualität (RIGL) der Hochschule Fulda, das sich auf die Integration internationalen Pflegepersonals in Kliniken und Einrichtungen der stationären Pflege bezieht. In diesem Zusammenhang wurden auch Instrumente zur praktischen Unterstützung von Anwerbung und Integration sowie Vorschläge zur betrieblichen Integration und zur Finanzierung entwickelt.

Neben diesen vier thematischen Schwerpunkten liegt eine Fülle von Publikationen vor, die sich grundsätzlich mit Aspekten der Gesundheitswissenschaft befassen, u.a. die 2018 in sechsten Auflage erschienene „Einführung in die Gesundheitswissenschaft“.

Engagement für die Profilbildung der Public Health-Studiengänge in Deutschland
Ein weiteres wichtiges Gebiet der Veröffentlichungen von Beate Blättner bezieht sich auf ihr Engagement für die Gestaltung der Public Health-Ausbildung in Deutschland und die Gestaltung des 2015 nach langen Debatten verabschiedeten Präventionsgesetzes.

Diese Arbeiten stehen, wie viele der oben genannten auch, im Kontext ihres Wirkens außerhalb der Hochschule, entwickelten für die Hochschule letztlich jedoch eine ganz erhebliche Bedeutung. Beate Blättner war von 2008 bis 2016 stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). In dieser Funktion engagierte sie sich für die Qualitätssicherung und Profilbildung der Public Health-Studiengänge in Deutschland. Und letztlich ist es ihrer Überzeugungskraft und Beharrlichkeit zu verdanken, dass der Master-Studiengang Public Health der Hochschule Fulda als erster Fachhochschulstudiengang in die Deutsche Gesellschaft für Public Health aufgenommen wurde. Dies ist auch eine der Grundlagen dafür, dass das Promotionszentrum Public Health an der Hochschule eingerichtet werden konnte.

Außerhalb der Hochschule hat Beate Blättner weitere Funktionen wahrgenommen, die erhebliche wissenschaftliche, gesundheits- oder hochschulpolitische Bedeutung haben. Fünf Jahre lang vertrat sie die Hochschule Fulda in der fachlichen Leitung des gemeinsamen Frauenforschungszentrums der hessischen Fachhochschulen (gFFZ); ebenfalls fünf Jahre lang gehörte sie dem Vorstand der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung e.V. (HAGE) an; von 2014 bis 2017 war sie Beisitzerin im Vorstand der Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG); sie war Mitglied der Redaktion des Public Health Forums, war im Editorial Board der Zeitschrift Pflegewissenschaft und begleitete viele Projekte als Mitglied wissenschaftlicher Beiräte.
Innerhalb der Hochschule imponieren das dauerhafte große Engagement in der Hochschul-selbstverwaltung und die Übernahme von Verantwortung in teils nicht besonders prestigeträchtigen und konfliktfreien Bereichen:

Kurz nach ihrer Berufung übernahm Beate Blättner das Amt der Frauenbeauftragten der Hochschule Fulda, das sie bis 2008 innehatte und höchst erfolgreich gestalten konnte. Der Profesorinnenanteil der Hochschule hatte zum Ende ihrer Amtszeit den bis dahin mit Abstand höchsten Stand in der Geschichte der Hochschule erreicht. Welcher persönliche Einsatz damit verbunden war, wird deutlich, wenn man weiß, dass Beate Blättner jährlich an etwa 20 Berufungsverfahren mit rund 120 Probevorträgen und einer hohen Zahl von Sitzungen der Berufungskommissionen beteiligt war. In den letzten beiden Jahren ihrer Amtszeit übernahm Professorin Blättner auch das Amt der Sprecherin der hessischen Landeskonferenz der Frauenbeauftragten (für die Fachhochschulen) und konnte erfolgreich Gender Mainstreaming innerhalb der Hochschule Fulda strukturell verankern. Ein im Rahmen des Professorinnenprogramms der Landesregierung mit Erfolg eingereichter Förderantrag führte dazu, dass zusätzliche Professorinnenstellen an der Hochschule und weitere Gleichstellungsmaßnahmen finanziert werden konnten.

Professorin  Blättner war von 2007 bis 2019 Studiendekanin am Fachbereich
Mehr als ein Jahrzehnt lang, von 2007 bis 2019, fungierte Professorin Blättner als Studiendekanin des Fachbereichs Pflege und Gesundheit. In dieser Funktion trug sie in erheblichem Maße zur quantitativen und qualitativen Entwicklung des Fachbereichs bei.

Maßgeblich beteiligt war sie bei der Einführung des Studiengangs Public Health (2004; M.Sc.), des Studiengangs Pädagogik für Pflege- und Gesundheitsberufe (2005; M.A.) in Kooperation mit der Universität Kassel, des Studiengangs Public Health Nutrition (2006; M.Sc.) in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Ökotrophologie, der Studiengänge Hebammenkunde (2012; B.Sc.) und Physiotherapie (2013; B.Sc.) als Modellstudiengänge, des Studiengangs Gesundheitstechnik in Kooperation mit den Fachbereichen Angewandte Informatik und Elektrotechnik (B.Sc.; 2015), des konsekutiven Studiengangs Berufspädagogik Fach Gesundheit in Kooperation mit der Universität Kassel (2018; B.Ed./M.Ed.) und nicht zuletzt des Studiengangs Hebammenkunde (2020; B.Sc.) als erstem Regelstudiengang der gesetzlich neu geregelten Hebammenausbildung in Hessen. Für den Fachbereich bedeutete dies in Verbindung mit weiteren Studiengangsgründungen einen erheblichen Zuwachs an Studierenden, der von Beate Blättner als Studiendekanin bewältigt wurde. Studierten im Jahre 2007 noch 460 Studierende am Fachbereich Pflege und Gesundheit, so waren es zum Ende ihrer Amtszeit insgesamt 1454 Studentinnen und Studenten. Dies bedeutete auch, dass Professorin Blättner die Leitung einer ganzen Reihe von Studienprogrammen selbst innehatte und dort auch lehrte.

Sie war bei ihren Studierenden als höchst engagiert und außerordentlich gut vorbereitet bekannt, galt als sehr anspruchsvoll, aber auch als sehr fördernd. Dass die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses ihr ein besonderes Anliegen war, unterstreichen ihre Erst- und Zweitbetreuungen von Dissertationen an der TU Berlin, der TU Dortmund, der Universität Kassel und dem Promotionszentrum Public Health der Hochschule Fulda.

Viele Absolventinnen und Absolventen unterstützte sie auch bei deren weiterer beruflicher Entwicklung durch Rat oder auch bei der Bewerbung auf für sie interessante berufliche Positionen. Eine ganze Reihe von ehemaligen Studierenden betrachtet sich selbst als Schülerinnen oder Schüler von Beate Blättner im klassischen Sinne einer Profession.

Prof. Dr. Beate Blättner hat für den Fachbereich Pflege und Gesundheit und für die Hochschule Fulda Herausragendes geleistet. Wir danken ihr dafür.

Prof. Dr. Heinrich Bollinger
Das Präsidium der Hochschule Fulda

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