Professionalisierung durch virtuelle Patienten

22.03.2016
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Studierende der Hochschule Fulda arbeiten im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes IMPECD mit an der Definition von Qualitätsstandards für die Ernährungstherapie.

Gibt es eine Diabetesdiät? Was kann bei Milchzuckerunverträglichkeit überhaupt noch gegessen werden? Wie sieht eine Ernährung bei Krebs aus? Wie kann einer Mangelernährung vorgebeugt werden? Im Dickicht von Lebensmittelpyramiden, Empfehlungen, Nährwerttabellen, Ernährungsrichtungen und Modediäten geht der Überblick schnell verloren.

Doch immer mehr Menschen benötigen aufgrund von Lebensmittelallergien oder Erkrankungen eine begleitende Ernährungstherapie und -beratung. Erste Anlaufstelle bei allen Fragen zu Ernährung bei bestimmten Grunderkrankungen, aber auch zu deren Prävention sind die staatlich geprüften Diätassistentinnen und -assistenten. Sie entwerfen auf Basis einer medizinischen Diagnose einen Ernährungsplan, sind Vermittler zwischen Arzt und Patient und unterstützen die Patienten so, sich im Dschungel von Ernährungsempfehlungen zurechtzufinden.

Doch selbst die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts  hat nicht auf alle Fragen eine Antwort.  „Es gibt nicht immer zuverlässige Erklärungen, wie Essen, Gesundheit und Krankheitsentstehung beim Menschen zusammenhängen“, weiß Christina Gast, Koordinatorin des Studiengangs Diätetik am Fachbereich Oecotrophologie an der Hochschule Fulda. Umso wichtiger ist die individuelle ernährungstherapeutische Empfehlung. Sie bildet den Schwerpunkt der Arbeit eines Diätassistenten, einer Diätassistentin.

Es fehlt an Standards für die Anamnese

Doch die Ansätze für Diagnose und Therapie in der Diätetik unterscheiden sich nicht nur von Land zu Land. Auch in Deutschland gibt es noch keinen Standard beispielsweise bei der Patientenanamnese. „Welche Fragen müssen in der Anamnese gestellt werden? Welche Parameter sind beim Blutbild entscheidend? Liegen weitere Erkrankungen zugrunde? Wie gestaltet sich der Essalltag?

Für all diese Fragen müssen erst noch Leitfäden erstellt werden“, erklärt Prof. Dr. Sigrid Hahn, Professorin für Diätetik am Fachbereich Oecotrophologie. „Um diese wichtigen einheitlichen Qualitätsstandards zu entwickeln, wurde das EU-Projekt IMPECD (Improvement of Education and Competences in Dietetics) in Zusammenarbeit mit Hochschulen aus Deutschland, Österreich, Belgien und den Niederlanden ins Leben gerufen.“ Mit dabei sind auch die Studierenden der Hochschule Fulda.

EU-Projekt will Berufsbild porfessionalisieren

Das Ziel des EU-Projekts IMPECD ist die Verbesserung von Bedeutung und Qualität der praxisorientierten Ausbildung in der Diätetik. „Um eben dieses zu erreichen, wird ein innovativer und frei zugänglicher Onlinekurs entwickelt werden, der kontinuierlich anhand der Erfahrungen, die die Studierenden aus den beteiligten Ländern machen, weiter ausgebaut und so verbessert wird. Das Ziel ist, dass wir in Zukunft einheitliche Qualitätsstandards in der Lehre haben“, erläutert Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller, Leiterin des Projektteams der Hochschule Fulda das EU-Projekt. „Die Studentinnen und Studenten der Hochschule Fulda werden hier für zukünftige Studierende aber auch für Diätassistenten und alle Fachkräfte, die sich weiterbilden möchten, wichtige Pionierarbeit leisten. Und das kommt letztlich den Patienten zugute.“

Anhand von virtuellen Patienten – jeder Fall mit einer eigenen Krankheitsgeschichte – lernen die zukünftigen Absolventen des Studiengangs Diätetik von der Erhebung der Patientendaten bis zur Therapiebegleitung alle Schritte kennen. „Grundvoraussetzung ist die Anamnese des Patienten, sie ist die Basis. So erfragen wir beim Assessment nicht nur Alter und Geschlecht, sondern auch die Versorgungsverhältnisse der Betroffenen. Denn wem nützt es, wenn wir Biolebensmittel empfehlen, der nächste Biomarkt jedoch kilometerweit entfernt und der Patient nicht mehr mobil ist?“, erläutert Christina Gast den Ansatz.

Individuelle Therapieempfehlungen für jeden Patienten

Neben der Diagnose vom Arzt, Gewichtsstatus, Krankheitsbild sind auch Vorlieben, wo und wann gerne was gegessen wird, für die individuelle Therapieempfehlung entscheidend. „Eine gründliche Grundlagenermittlung ist bedeutungsvoll. Nur, wenn wir alle wichtigen Fakten zu Krankheit, familiärer Situation, Medikamenteneinnahme etc. kennen, werden die Empfehlungen die gewünschte Wirkung zeigen – sei es nun der Gewichtsverlust bei Adipositas, kochsalzarme Ernährung bei Nierenkrankheiten oder die bewusste Ernährung beim metabolischen Syndrom. Auch die Behebung einer Mangelernährung, von der häufig Krebspatienten betroffen sind, gehört zum Aufgabengebiet. Diätassistentinnen und -assistenten finden individuelle auf den Patienten oder die Patientin zugeschnittene Lösungsansätze.

Neben der Wissensvermittlung lernen die Studentinnen und Studenten die wichtigen sogenannten Soft-Skills, also den Umgang mit den Patienten. So muss manch  ein Patient erst für die Therapie überzeugt werden. Andere, gerade Ältere, brauchen mehr Unterstützung als Jüngere. Auch den Umgang mit Schwerstkranken lernen die Studierenden. „Durch die Professionalisierung des Berufsstands wird es möglich sein, individuelle Therapieansätze jedem einzelnen Patienten zukommen zulassen“, blickt Christina Gast freudig in die Zukunft.

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