Rassismus: Auch Hochschulen sind nicht ausgenommen

04.06.2021
Professor Dr. Paul Mecheril

Professor Dr. Paul Mecheril, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld, hielt den Eröffnungsvortrag der Veranstaltungsreihe „Rassismuskritik an der Hochschule“. Foto: Universität Bielefeld

Sieben Botschaften aus dem Eröffnungsvortrag der Reihe „Rassismuskritik an der Hochschule“ zum Weiterdenken.

Der Bereich Diversität, Antidiskriminierung und Interkulturalität bietet in diesem Semester mehrere Vorträge und Workshops zum Thema „Rassismuskritik" an. Ziel ist, über Rassismus miteinander ins Gespräch zu kommen und das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln kritisch zu reflektieren.

Den Eröffnungsvortrag zur Veranstaltungsreihe hielt Professor Dr. Paul Mecheril, Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Migration an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Zum Thema „Rassismuskritik an der Hochschule“ hatte Mecheril eine Reihe Botschaften im Gepäck, über die es sich lohnt nachzudenken.

  1. Über Rassismus zu sprechen, war in Deutschland aufgrund historischer Verflechtungen lange Zeit tabu. Auch in der heutigen Zeit ist es noch schwierig, Rassismus zu thematisieren. Mecheril begründet das mit der Affektgeladenheit des Themas sowie damit, dass die Struktur der gesellschaftlichen Ordnung im Sprechen über Rassismus zum Thema wird. Für die Sprechenden gibt es dann je nach Verortung in der Welt und einer Haltung zu Rassismus entweder etwas zu verlieren oder etwas zu gewinnen.
  2. Rassismus kann als eine Ordnung verstanden werden, die Menschen hierarchisierend unterscheidet und in deren Rahmen Herrschaftsansprüche legitimiert werden sollen.
  3. Rassismus geht alle an. Es gibt keine Nichtbetroffenheit, denn auch diejenigen, die nicht direkt Erfahrungen mit Rassismus machen, erleben die Wirkungen der rassistischen Unterscheidungsordnung, weil sie beispielsweise nicht an Grenzen kontrolliert werden und keine weiteren Ausschluss- und Gewalterfahrungen erleben. Daher lädt Mecheril explizit dazu ein, Rassismuskritik als Querschnittsaufgabe der Entwicklung und Veränderung von Organisationen zu verstehen – auch der Hochschulen.
  4. Rassismuskritik ist in erster Linie keine polizeiliche Praxis. Es geht zunächst nicht darum, Täter*innen und Rassist*innen zu identifizieren, sondern sich selbst als Teil eines rassistischen Systems zu verstehen und dieses kritisch zu reflektieren. Rassismus muss daher in erster Linie als strukturelles gesellschaftliches Ordnungssystem verstanden und entindividualisiert werden.
  5. Rassismus ist ohne Wissenschaft nicht denkbar. Hochschulen kommt als Ort der Wissensproduktion eine besondere Rolle in der Rassismuskritik zu, da in ihnen einerseits rassistische Ordnungsstrukturen verankert sind und reproduziert werden. Andererseits bieten Hochschulen durch ein gutes Zusammenspiel von bottom-up und top-down Anstößen die Grundlage, rassistische Traditionen zu erkennen und Strukturen, die das Denken in Rassekategorien befördern, zu problematisieren und zu verändern.
  6. Das oft an Schulen hängende Schild „Schule ohne Rassismus“ wäre in „Schule mit Rassismuskritik“ zu ändern, um die kritische Auseinandersetzung auch mit der Beiläufigkeit, Banalität und Gewöhnlichkeit an Rassekonstruktionen anschließender Unterscheidungsweisen anzuregen. Denn auch Hochschulen und Schulen sind keine rassismusfreien Räume.
  7. Mecheril schlägt folgende Handlungsoptionen für die Auseinandersetzung mit Rassismus an Hochschulen vor: Schaffung einer Hochschulkultur der auf Selbstveränderung zielenden rassismuskritischen Reflexion; Kritik und Analyse der Geschichte und Gegenwart der Wissenschaften/Disziplinen, ihrer Akteure und Institutionen; institutionelles Monitoring; Rassismuskritik als Gegenstand der Lehre und rassismuskritisch reflektierte Lehre; Beauftragte für Rassismuskritik und Antirassismus-Stelle; Förderung von rassismus- und diskriminierungskritischer Forschung durch Schaffung von entsprechenden Professuren, Arbeitsbereichen und Zur-Verfügung-Stellung von Ressourcen. 
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