Verhindern bestehende Machtstrukturen die Selbständigkeit von Geflüchteten in Lagern?

22.11.2021

Seit Jahrzehnten spricht die internationale Staatengemeinschaft davon, Geflüchtete zur Selbständigkeit zu führen. Geflüchtete, die ohne fremde Hilfe auskommen (also "self-reliant" sind), so das Argument, würden nicht nur weniger kosten, auch die Aufnahmeländer würden davon profitieren. Aspekte, warum dieser Ansatz insbesondere für Geflüchtete, die in Lagern leben, immer noch nicht funktioniert, werden in diesem Artikel beleuchtet. Ein wesentliches Problem sind vorhandene Machtstrukturen.

 

Hintergrund
Im Rahmen der Dissertation Assessing the Level of Self-Reliance and Livelihood of Encamped Refugees von Schön (2020) wurden anhand von 12 Interviews insbesondere mit Vertreter*innen verschiedener humanitärer Organisationen (HO) und vorhandener Literatur verschiedene Machtstrukturen identifiziert und kategorisiert. Die meisten Interviewpartner*innen vertraten HO in Jordanien und waren entweder im oder für das Lager Zaatari aktiv. Die Interviewpartner*innen, die nicht in Jordanien arbeiteten, weisen eine langjährige Karriere in HO vor und somit einen großen Erfahrungsschatz an unterschiedlichen Flüchtlingssituationen. Die Zuständigkeiten der Gesprächspartner*innen waren vielseitig, von Lager-Managementtätigkeiten, über WASH (Wasser und Hygiene) bis hin zu Genderthemen. Die hier identifizierten Machtstrukturen umfassen drei unterschiedliche Ebenen: lokal (im Lager), regional (zwischen Lagerbewohner*innen und der einheimischen Bevölkerung) sowie national (im gesamten Aufnahmeland).
Der Begriff der Selbständigkeit ist nicht eindeutig geklärt. In diesem Beitrag wird die UNHCR Definition von 2012 zugrunde gelegt.

Machtstrukturen und Formen der Macht
Macht ist ein viel analysierter Bereich. Für vorliegende Forschung wurden die Machttheorien von Steven Lukes (Power – A Radical View), Thomas E. Wartenberg (insb. Forms of Power), und Iris Marion Young (Five Faces of Oppression) herangezogen. Der Begriff Machtstrukturen bezieht sich in diesem Beitrag auf die Definitionen dieser Autor*innen zu den Begriffen Macht zu (power-to) – hier Ermächtigung, aber vor allem Macht über (power-over) sowie den daraus resultierenden Begriffen Einfluss, Zwang, Herrschaft, Ausgrenzung, Manipulation, Autorität. Auch Wartenberg's Aktionsumfeld (action-environment) wurde beachtet. Machtstrukturen existieren demnach dort, wo die verschiedenen Formen der Macht zu finden sind. Anhand der Interviews sowie vorhandener Literatur wurde herausgearbeitet, welche Formen der Macht von wem auf wen sowie auf welcher Ebene (lokal, regional, national) ausgeübt werden,

Wie Regierungen Geflüchtete in Abhängigkeiten zwingen - Machtstrukturen zwischen Regierungen der Aufnahmegesellschaft und den Geflüchteten
Arbeitslosigkeit und die Abhängigkeit von externer Hilfe führen in vielen Fällen in die Armut. Langfristig arbeitslose Menschen entwickeln psychische und gesundheitliche Probleme und werden sozial stigmatisiert.
Entscheiden sich Regierungen, Flüchtlingslager zu errichten, errichten Regierungen gleichzeitig die erste große Hürde für die Bewohner*innen, selbständig zu werden, denn ihr Aktionsradius für ein aktives und produktives Leben wird allein durch den Aufbau von Mauern massiv eingeschränkt. Flüchtlingslager werden meistens in unsicheren und unterversorgten Gebieten, weit weg vom Arbeitsmarkt aufgebaut, notwendige Infrastruktur fehlt. Mit dem Einzug in ein Lager haben Geflüchtete kaum Chancen, sich selbst aus der Armut zu ziehen – sie leben vor allem von dem, was ihnen HO vor Ort zur Verfügung stellen, ihre Rechte werden ihnen kaum gewährt. Somit üben allein durch den Aufbau von Lagern sowohl Regierungen als auch die HO vor Ort Macht über die Geflüchteten aus.  

Weiterhin gibt es Regierungen, u.a. laut Interviewpartner*innen die jordanische Regierung, die eine Verbesserung der Lage von Geflüchteten oder eine echte Integration nicht anstreben. Es muss, so das Narrativ verschiedener Aufnahmeländer, einen Grund für die Geflüchteten geben, wieder zurück in die Heimat kehren zu wollen. Integration ist daher gar nicht erwünscht; Armut und Machtlosigkeit sollen im besten Fall bestehen bleiben. Geflüchtete werden dominiert, Ermächtigung ist nicht das Ziel. Eine Interviewpartnerin erzählte, wie in Jordanien Zuschüsse zur medizinischen Versorgung für Geflüchtete gekürzt wurden, sodass viele aufhören mussten zu arbeiten, um ihre kranken Familienmitglieder zu pflegen, die nun medizinisch unterversorgt waren. Eine andere Interviewpartner*in erzählte von Lohnzahlungen in Jordanien, die zu gering sind, um davon leben zu können. Ein weiterer Interviewpartner bestätigte, dass hier jedoch ein Paradoxon entsteht: Auf der einen Seite verdienen die Geflüchteten nicht genug, um es "sich gemütlich zu machen", auf der anderen Seite können sie aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht in ihr Heimatland zurückkehren, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Verarmt bleiben viele in den Aufnahmeländern hängen und auch für ihre Nachkommen besteht wenig Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebenssituation.

Das Problem, eine Frau zu sein – Machtstrukturen, denen Frauen zusätzlich ausgesetzt sind
Frauen im Speziellen sind noch weiteren bzw. anderen Machtstrukturen ausgesetzt als Männer, schon allein weil sie zusätzlich der Macht von Männern ausgesetzt sind, sei es durch Erfahrungen bzw. Gefahr von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt (SGBV) oder der prekären Situation vieler alleinstehender Frauen. Ein Interviewpartner, der Erfahrungen in unterschiedlichen Flüchtlingskontexten sammeln konnte, erklärte:
 

In vielen Situationen werden Frauen wie Sklavinnen behandelt. Sie befolgen Anweisungen und Befehle, die von männlichen Autoritätsfiguren aus ihrer Gemeinschaft kommen. Die besondere Betreuung dieser Frauen ist schwierig, aber eine sehr wichtige Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nimmt.

Seiner Meinung nach besteht die Hauptschwierigkeit Frauen zu stärken darin, dass die meisten Gesellschaften von Männern dominiert werden und es für Frauen schwierig ist, Dinge zu initiieren, die nicht von den Mitgliedern der Gemeinschaft kontrolliert werden; noch schwieriger ist das – seiner Aussage nach – in religiösen Gesellschaften. Auch in Jordanien besteht laut Interviewpartner*innen dieses Problem. In den meisten Familien kümmert sich die Frau um Haushalt und Kinder, was viele Frauen davon abhält, eine entlohnte Arbeit zu suchen bzw. langfristig nachzugehen. Dieses Phänomen sei über die Jahre, die Zaatari existiert sogar schlimmer geworden, u.a. weil die Menschen aufgrund ihrer schwierigen Situation wieder traditioneller leben. Aufgrund von wachsender Frustration und dem Ende von Ersparnissen werden Töchter früh verheiratet, Kinder arbeiten geschickt und Frauen wird verboten, sich frei im Lager zu bewegen.
Projekte, die Frauen ermächtigen sollen, können nur funktionieren, wenn sie von den Frauen selbst getragen werden und wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuung, für die Sicherheit von Frauen zu sorgen, und Jobs in nicht von Männern dominierten Sektoren anzubieten.

Top down oder bottom up? – Machtstrukturen rund um humanitäre Organisationen
Auch wenn Regierungen von Aufnahmeländern und HO sich gemeinsam um die Geflüchteten vor Ort kümmern, ist die Umsetzung von Projekten vom Willen der Regierungsmitglieder abhängig. So berichteten Interviewpartner*innen in Jordanien von willkürlichem Verhalten seitens der Regierung. Bevor ein Projekt in Jordanien losgehen darf, muss es auf nationaler Ebene von der Regierung genehmigt werden. Wird diese Genehmigung nicht erteilt, gehen Zeit und Geld verloren.
Machtstrukturen zwischen HO und Regierungsorganen zeigen sich auch auf Projektebene. So versuchte eine Kommunalregierung in Jordanien nur Mitglieder aus den eigenen Reihen für ein Projekt der ILO zu rekrutieren, woraufhin ILO das Projekt stoppte. In Kenia verbot eine lokale Regierung Geflüchteten Tiere zu halten, um Spannungen mit potenziellen Wähler*innen zu vermeiden. Solche Beispiele sind nicht selten, sind Regierungen doch Souverän der eigenen Gebiete. HO, vor allem wenn sie in ihren Einsatzgebieten bleiben wollen, bleibt oft nur der Weg über teils zähe diplomatische Verhandlungen, um die Lage der Geflüchteten zu verbessern bzw. um ihre Projekte umzusetzen.
Bei der Entscheidung, ob und wo Flüchtlingslager aufgebaut werden, haben Vertreter*innen von HO in der Regel kein Mitspracherecht. Sie werden laut Interviewpartner*innen vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen mit den Ressourcen vor Ort versuchen, ihre Programme und Projekte umzusetzen. Doch Selbstversorgungsprojekte können ohne gutes Ackerland, Samen, Wasser und Werkzeug nicht funktionieren. Somit übt die Regierung mit der Errichtung von Lagern nicht nur Macht auf die Geflüchteten aus, sie beeinflusst auch die Möglichkeiten der HO, Projekte zur Selbständigkeit von Geflüchteten erfolgreich umzusetzen.   
Ob Projekte erfolgreich laufen oder nicht, liegt aber auch in den Händen der HO. Mitschuld an schlechten Planungen hat sicher auch der Konkurrenzkampf zwischen den HO, der vor allem der Abhängigkeit von Spendengeldern und somit dem Wettbewerb um Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geschuldet ist. Zwar, so berichteten es beispielsweise Gesprächspartner aus Zaatari Camp, gibt es regelmäßig Treffen der verschiedenen HO vor Ort; Koordination und Kooperation scheinen aber häufig zu kurz zu kommen. Es bestehen Befürchtungen, dass eine HO beim Informationsaustausch Vorteile gegenüber einer anderen HO erlangt oder dass die Teamarbeit die Kompetenz einzelner HO schwächen könnte. Als Resultat arbeitet lieber jede HO für sich und setzt Projekte um, die zudem nicht vor Ort, sondern von Mitarbeitenden aus dem Hauptsitz der HO heraus geplant werden, welche die Situation vor Ort nicht kennen. Den Bewohner*innen der Lager bleiben solche Querelen nicht verborgen und die Akzeptanz von HO und Projekten sowie die Motivation zur Teilnahme sinken mit der Zeit.

Der Weg in die Illegalität kann schnell zur Einbahnstraße werden – Machtstrukturen zwischen den Geflüchteten und der lokalen Gesellschaft
Auch die lokale Gesellschaft spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, Geflüchteten zu mehr Selbständigkeit zu verhelfen bzw. sie daran zu hindern. In vielen Flüchtlingssituationen bilden sich mit der Zeit Teufelskreise: Neu angekommene Geflüchtete suchen Arbeit, bekommen aber keine bzw. der Zugang zum Arbeitsmarkt wird ihnen verwehrt. Alternativlos wenden sie sich informellen bzw. zum Teil illegalen Tätigkeiten zu, darunter fallen Sexarbeit, Kinderarbeit und gefährliche sowie umweltzerstörende Tätigkeiten. Dies verstärkt die Fremdenfeindlichkeit, Marginalisierung und Ausbeutung von Geflüchteten. Einheimische sind (noch) weniger gewillt, Geflüchteten Arbeit zu geben oder bezahlen sie schlecht. Armut und Arbeitslosigkeit nehmen weiter zu bzw. stagnieren auf hohem Niveau, ein Weg aus der Illegalität ist kaum möglich.
Das Gleiche gilt für die Verteilung von Ressourcen, wie Boden, Wasser und Nahrungsmittel. Beansprucht eine der Flüchtlingssituation geschuldete höhere Zahl an Menschen diese Ressourcen, ggf. noch auf nicht nachhaltige Weise, neigen sich vorhandene Ressourcen schneller dem Ende zu bzw. erholen sich nicht mehr richtig (Wasser wird verunreinigt, Böden eruieren aufgrund nicht nachhaltiger Bewirtschaftung, das Sammeln von Feuerholz führt zu Abholzung vorhandener Vegetation etc.). Auch in solchen Fällen kann eine Zunahme von Fremdenhass bzw. Konflikten zwischen der lokalen Gesellschaft und den Geflüchteten häufig beobachtet werden. So nahm laut Interviewpartnerin auch im Norden Jordaniens der Fremdenhass mit dem Verbrauch der vorhandenen natürlichen Ressourcen zu.

Fazit: Machtstrukturen verhindern Selbständigkeit Geflüchteter, besonders in Flüchtlingslagern
Seit Jahrzehnten versuchen HO, aber auch Teile der Gebergemeinschaft die Situation von Geflüchteten in Hinblick auf mehr Selbständigkeit zu verbessern. Warum das bis heute nicht bzw. nur teilweise funktioniert ist vielschichtig. In diesem Beitrag wurden die existierenden Machtstrukturen zwischen einzelnen involvierten Gruppen beleuchtet. In den Lagern existieren Machtstrukturen aufgrund von ethnischer Herkunft, Geschichte, Demographie, Erfahrungen vor der Flucht und der generellen Rolle in der Gesellschaft. Die Beziehungen und somit auch Machtstrukturen zwischen den Einheimischen und den Geflüchteten formen sich aufgrund vorhandener natürlicher Ressourcen und Märkte, gesellschaftlicher Regeln sowie den Fähigkeiten und Erfahrungen beider Gruppen. In vielen Flüchtlingssituationen erfahren die Geflüchteten Unterdrückung und Diskriminierung sowohl seitens der Einheimischen als auch der aufnehmenden Regierungen. HO initiieren zwar verschiedene Projekte, um die Selbständigkeit unter Geflüchteten zu verbessern, jedoch ist ihre Arbeit abhängig von den Bedingungen vor Ort, den Regierungen der Aufnahmeländer sowie dem Spannungsfeld von Koordination und Konkurrenz zwischen den HO. Auch stehen sie sich allzu oft selbst im Weg – so existiert die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, wenn die humanitären Maßnahmen von der Bereitstellung von Hilfe auf die Förderung der Selbständigkeit umgestellt werden.

Was kann nun getan werden, um vorhandene Machtstrukturen abzubauen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen, damit Geflüchtete wirklich mehr Selbständigkeit erlangen? Diese Frage sollte in den kommenden Jahrzehnten dringend im Fokus stehen, besonders weil nicht davon auszugehen ist, dass die Zahl der Geflüchteten in absehbarer Zukunft sinken wird.
Kurzfristig erscheinen Aufbau und Betrieb von Lagern günstiger als komplexe Programme außerhalb. Doch leben Geflüchtete unter der Aufnahmegesellschaft anstatt in Flüchtlingslagern, haben sie langfristig mehr und bessere Möglichkeiten, sich selbst etwas aufzubauen, insbesondere wenn die Menschen die für sie passende Hilfe erhalten.
Um passende Hilfe zu leisten, müssen humanitäre Organisationen und Regierungen der Aufnahmeländer die Geflüchteten, ihre Erfahrungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten genauso kennen wie deren derzeitige Lebenssituationen. Dazu gehört auch, dass sich die internationale Hilfe grundlegend ändert: Vorhandene Strukturen der internationalen Gebergemeinschaft und festgefahrene Grenzen zwischen humanitärer (eher kurzfristiger) und Entwicklungshilfe (eher langfristig) müssen aufgebrochen werden, um den Menschen über mehrere Jahre finanzierte Programme und somit echte Perspektiven zu mehr Selbständigkeit bieten zu können.

 

Schön, Anna-Mara

22. November 2021

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