"Wir müssen interdisziplinär arbeiten"

02.03.2016
Quelle: Photocase

Mehr als 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten auf dem DGE-Kongress an der Hochschule Fulda die soziale, politische, ökonomische, psychologische und kulturelle Dimension der Ernährung.

Dass Ernährung mehr ist, als den Körper mit Nährstoffen zu versorgen, drückte Ludwig Feuerbach bereits 1850 aus: „Der Mensch ist, was er isst“. Dieser Satz bringt zum Ausdruck, dass Ernährung auch soziale, politische, ökonomische, psychologische und kulturelle Dimensionen hat. Der DGE-Kongress vom 2.-4. März 2016 in Fulda betrachtete Ernährung daher als integratives Forschungsgebiet der Natur- und Sozialwissenschaften.

Ernährungsmitbedingte Krankheiten als physische und gesellschaftliche Probleme verstehen

„Mit dem Kongressschwerpunkt wollen wir die interdisziplinäre Ernährungsforschung stärken und damit zu effektiven Lösungen für die Gesundheitsprobleme der Bevölkerung beitragen“, sagte Prof. Dr. Anja Kroke, Mitglied im Wissenschaftlichen Präsidium der DGE und Professorin an der Hochschule Fulda. „Die ernährungsmitbedingten Krankheiten wie Adipositas, Herz- Kreislauf-Krankheiten, Diabetes mellitus und einige Krebskrankheiten nehmen weltweit zu. Wir können ihnen nur begegnen, wenn wir sie als physische und gesellschaftliche Probleme gleichermaßen verstehen. Dafür müssen wir interdisziplinär arbeiten.“

Gemeinsam mit Prof. Dr. Jana Rückert-John und Prof. Dr. Kathrin Kohlenberg-Müller hatte Prof. Kroke die Wissenschaftliche Leitung des Kongresses inne. Am Fachbereich Oecotrophologie der Hochschule Fulda wird interdisziplinäre Forschung großgeschrieben: Naturwissenschaftlich orientierte Ernährungsforscherinnen und -forscher kooperieren z. B. mit Forschern aus den Bereichen Public Health Nutrition, Soziologie des Essens, Ernährungs- und Gesundheitspsychologie oder Gemeinschaftsverpflegung.

Das 2 ½ tägige Programm brachte den rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in 64 Vorträgen und 109 Posterbeiträgen die Forschungsergebnisse zahlreicher junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ernährungswissenschaft und angrenzenden Disziplinen näher. Eine Vortragsreihe und eine Posterpräsentation vertieften das Thema „Der Mensch ist, was er is(s)t“. Minisymposien der DGE-Fachgruppen, zur Nationalen Verzehrsstudie und zum Nationalen Ernährungsmonitoring sowie eine Informationsveranstaltung zu Karrieremöglichkeiten für Ernährungswissenschaftler rundeten das Kongressprogramm ab.

Die Bedeutung der Sozialwissenschaften für die Ernährungswissenschaften

Die drei Plenarreferenten des Kongresses behandelten den Themenschwerpunkt in ihren Vorträgen. Prof. Dr. Lotte Holm, Soziologin an der Universität Kopenhagen, führte die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer in die Zusammenhänge zwischen Sozialwissenschaften und Ernährung ein: „Eating is a practice: The need of social science within nutrition.“ Anhand von Beispielen für multidisziplinäre Forschung zeigt Holm auf, wie die Sozialwissenschaften dazu beitragen können, zentrale Fragen und Probleme im Ernährungs- und Gesundheitsbereich zu adressieren. Die Ernährungswissenschaften sind die Grundlage für Empfehlungen und Richtlinien, also dafür, wie und was Menschen essen sollten. Die Sozialwissenschaften beschreiben dagegen, wie wir essen, warum wir so essen und wie Essgewohnheiten sich ändern.

Ernährungsempfehlungen können uns nur dann zu einem gesünderen Lebensstil verhelfen, wenn sie auf diesem soziologischen Wissen aufbauen. Die Notwendigkeit, die Sozialwissenschaften in Ernährungs- und andere Gesundheitswissenschaften zu integrieren, ist auf den Forschungsagenden der EU und in mehreren europäischen Ländern mittlerweile allgemein anerkannt.

Herausforderungen für die Kommunikation erkennen und meistern

Die drei großen „Herausforderungen für die Ernährungs- und Gesundheitskommunikation: Reaktanz, Stigmatisierung und Trittbrettfahrer“ thematisierte Prof. Dr. Thomas N. Friemel, Universität Bremen. Die Bedeutung der Ernährungs- und Gesundheitskommunikation hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Kampagnen für eine ausgewogene Ernährung oder mehr Bewegung sind jedoch mit Herausforderungen konfrontiert, die ihre Wirkung abschwächen oder zu unerwünschten Effekten führen können. An konkreten Beispielen illustrierte der Kommunikations- und Medienwissenschaftler diese Herausforderungen. Friemel erläuterte die dahinterliegenden psychologischen und soziologischen Mechanismen und zeigt Lösungsstrategien für die Zukunft auf.

Steinzeiternährung liefert viele Erklärungsansätze

Prof. Dr. Detlev Ganten zeigte in seinem Plenarvortrag auf, „Wie der Mensch wurde, was er is(s)t – Evolution als ein Schlüssel für ganzheitliche Ernährungsmedizin und Prävention“. Der Präsident des World Health Summit Berlin hält den Blick in unsere evolutionäre Vergangenheit für unerlässlich.

Denn unsere Physiologie sei optimiert auf das Überleben bei knappen Ressourcen, hohe Energieeffizienz, geringen Verbrauch und große Speicherkapazität. Heute würde es uns so leicht wie nie zuvor gemacht, evolutionär vorteilhaften Impulsen wie Bequemlichkeit (Energiesparen) und Genuss (energiedichte Lebensmittel) zu folgen. Ganten weist darauf hin, dass die Lebensumstände unserer Vorfahren Erklärungsansätze für viele Zivilisationskrankheiten und Anhaltspunkte für eine gesündere Zukunft geben.

Kontakt bei der DGE
Referat Öffentlichkeitsarbeit, Silke Restemeyer
Tel.: 0228 3776-640 | Fax: 0228 3776-800 | E-Mail: restemeyer(at)dge.de

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Anja Kroke

Prodekanin

Ernährungsepidemiologie • Präventionsstrategien

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