"ICEUS macht die Welt zum Dorf"

Yuliya Shilova und Rudrasen Ranjit Shinde sind Alumni des Masterstudiengangs Intercultural Communication and European Studies, kurz: ICEUS. Ende November sind beide wieder an die Hochschule Fulda gekommen. Sie haben einen Workshop gegeben, Vorträge (so genannte „Alumni Lectures“) gehalten und sich mit Studierenden vernetzt.  Im Gespräch erzählen sie von ihrer Arbeit, warum die erste Zeit in Deutschland anstrengend war und was sie durch ICEUS gelernt haben.

In dem Seminarraum am Ende des Campus sitzen gut 20 ICEUS-Studierende und schauen nach vorn. Doch das ändert sich schnell. Yuliya Shilova und Rudrasen Ranjit Shinde halten wenig von Frontalunterricht. Shinde stellt sich stattdessen in den Raum und fragt auf Englisch: „Welcher Ort ist für euch das Zentrum des Universums?“ Gemurmel füllt den Raum, einer ruft: „Gießen“ und erntet ein paar Lacher. Die Wahl fällt schließlich auf Fulda. Diesen Referenzpunkt verkörpert Yuliya Shilova, erklärt Shinde. Jetzt sollen sich alle TeilnehmerInnen um sie herum aufstellen – entsprechend ihrer geografischen Herkunft. Ein paar Minuten später erzählen alle reihum, woher sie kommen. „Russland“, „China“ und „Turkmenistan“, ist aus einer Ecke zu hören, aus einer anderen „Albanien“. Weiter rechts liegt „Brasilien“.

Die eben entstandene „Weltkarte“ ist geografisch sicher nicht perfekt. Aber eines haben Shinde und Shilova sofort erreicht: Niemand sitzt mehr am Tisch, stattdessen bewegen sich alle im Raum, überall entstehen Gespräche.

So ein spielerischer Einstieg ist typisch für ihren Unterricht, erzählen die beiden später im Büro von Ilka Gersemann. Sie ist Koordinatorin des ICEUS-Studiengangs am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften (SK). Beide lehren Fremdsprachen und sind es gewöhnt, mit Studierenden unterschiedlichster Herkunft zu arbeiten. Eine weitere Gemeinsamkeit: Shilova und Shinde haben an der Hochschule Fulda den internationalen Masterstudiengang ICEUS absolviert.

Durch eine Messe entstand der persönliche Kontakt

Rudrasen Ranjit Shinde stammt aus der Millionenstadt Pune in Indien. Dass er jetzt auf dem Gelände der Hochschule Fulda an einem Tisch mit Weihnachtsplätzchen sitzt, hat auch mit seinem Vater zu tun. Die Familie betreibt in Pune ein Hotel. Dort kamen immer wieder Gäste aus Deutschland unter. „Die Deutschen trennen den Müll“, erzählte ihm sein Vater beeindruckt. Auch Ansichtskarten aus Deutschland hatten einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen. Daher schlug er seinem Sohn vor, Deutsch zu lernen. Shinde fand die Idee gut – und studierte Naturwissenschaften und Deutsch als Fremdsprache.

Der Plan, nach Deutschland zu gehen, wurde einige Jahre später konkret: Anlass war eine Messe in Pune, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) organisiert hatte. Dort stellten Hochschulen und Universitäten aus aller Welt ihre Angebote vor. Mit dabei war Winnie Rosatis vom International Office der Hochschule Fulda. „Im Internet gab es damals nur wenig Informationen. Was ich auf der Messe über ICEUS erfahren habe, hat mir gut gefallen“, sagt Shinde. Der persönliche Kontakt gab schließlich den Ausschlag.

Im Oktober 2007 kam er in Fulda an. „Das war schon erst einmal ein Kulturschock“, sagt er rückblickend. „Trotz meiner Sprachkenntnisse habe ich mich am Anfang mit Händen und Füßen verständlich gemacht.“ Die anderen ICEUS-Studierenden wurden aber schnell zu seiner „Komfortzone“, in der er sich wohl fühlte.

„Für jeden meiner drei Jobs hat mir das ICEUS-Studium geholfen“

Heute arbeitet Shinde, der am Fachbereich SK nur „Rudi“ genannt wird, für drei Organisationen und hat vielfältige Kontakte zu Deutschen in Indien. „Für jeden dieser Jobs hat mir das ICEUS-Studium geholfen“, sagt er. Am Goethe-Institut in Pune unterrichtet er Deutsch. Außerdem ist er in Indien für Volunta und den Internationalen Bund als Mentor für junge Deutsche tätig, die einen Freiwilligendienst absolvieren. Dort erzählt er natürlich auch von seinem Werdegang – und von ICEUS.

„Rudi ist nicht nur ein Botschafter, sondern auch ein extrem guter Netzwerker“, sagt Ilka Gersemann. Aus ihrer Sicht ist er ein echter Glücksfall. „Uns ist es wichtig, den Studierenden beispielhafte Berufs- und Karriereperspektiven zu zeigen“, sagt sie. Der Fachbereich pflegt deshalb Kontakte und lädt immer wieder Alumni ein. Durch Mittel des DAAD konnten jetzt die Reisen von Shinde und Shilova finanziert werden.

Shinde hat heute Freunde in aller Welt, die er gerne besucht. Das liegt auch an ICEUS, sagt er. „ICEUS macht die Welt ein bisschen zum Dorf.“

Yuliya Shilova hatte in ihrem Heimatland Kasachstan zunächst einen Bachelor in Deutsch und Englisch als Fremdsprache gemacht. Nach dem anschließenden Master war eins für sie klar: „Ich wollte weg.“ Über ein DAAD-Stipendium kam sie 2009 auf ICEUS. Durch weitere Deutschkurse in Kasachstan fühlte sie sich gut vorbereitet. Trotzdem war der Start im Jahr darauf anstrengend. „Ich musste Deutsch und Englisch sprechen, das fiel mir anfangs schwer“, sagt sie. Doch sie biss sich durch – und unterrichtet inzwischen Englisch an der Universität Istanbul.

Ohne das internationale Studium, glaubt sie, wäre sie nicht dort gelandet. „ICEUS war der Grund, warum ich meine jetzige Stelle gefunden habe.“

„Das Wichtigste ist: Immer fragen!“

Was sich durch ICEUS sonst für sie verändert hat? „Mir ist klargeworden, dass es nicht die eine ‚richtige‘ Kultur gibt“, sagt Shilova. „Durch den Vergleich mit anderen habe ich auch viel über meine eigene Kultur gelernt.“ Und noch etwas hat sie mitgenommen. „Das Wichtigste ist, dass man immer fragt. Wenn man nicht fragt, ist die Antwort immer ‚Nein‘.“

Während ihrer Zeit in Deutschland hat sie sich auch mit ihrer eigenen Identität auseinandergesetzt. „Ich bin Russin aus Kasachstan. Ich habe versucht, mich damit zu identifizieren“, erzählt sie. „Aber nach ICEUS habe ich verstanden: Das spielt keine Rolle. Ich bin ich.“

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Internationaler Studiengang ICEUS

Seit 1999 bietet die Hochschule Fulda den Masterstudiengang ICEUS an.

Ziel ist es, HochschulabsolventInnen für die Arbeit in supranationalen bzw. nationalen Organisationen mit internationalem Bezug vorzubereiten. In jedem Jahrgang werden 30 Studierende aufgenommen.

Ilka Gersemann

Koordinatorin des Studiengangs ICEUS

Gebäude 22 , Raum 104
Ilka Gersemann+49 661 9640-470
Sprechzeiten
Montag, Dienstag und Donnerstag: 9:30–11:30 Uhr und nach besonderer Vereinbarung