Mit Paul unterwegs auf der Balkanroute

Die Studentinnen Anna Korschinek und Katharina Weiner leisten zurzeit mit ihrem VW-Bus Paul Flüchtlingshilfe an Europas Grenzen.

Ihr Terminplan ist voll und dennoch nehmen sie sich Zeit, uns von ihren Erlebnissen und ihrer bevorstehenden Reise zu erzählen. Die beiden Studentinnen, die im 7. Semester Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen an der Hochschule Fulda studieren, machen gerade ihren VW-Bus Paul fit, um auf eigene Faust Flüchtlingshilfe an den Grenzen Europas zu leisten. Es ist bereits das dritte Mal, dass sie sich auf diese Reise begeben und Menschen auf der Flucht mit dem Nötigsten versorgen.

Als Katharina Weiner in Berlin-Kreuzberg ihren Paul kaufte, wollte sie sich mit ihm einen langgehegten Traum erfüllen und auf Europareise gehen. Doch es kam anders. Der Zufall wollte es, dass Katharina genau an dem Tag auf der Autobahn zwischen Österreich und Ungarn unterwegs war, als ein LKW mit 71 toten Flüchtlingen entdeckt wurde. „Als ich an einer Tankstelle im Internet die Nachricht las, war ich schockiert. Vielleicht habe ich den Lastwagen mit eigenen Augen gesehen. In diesem Moment dachte ich: Europareise schön und gut – aber jetzt muss etwas geschehen. Ich muss da helfen. Ich rief Anna an und sie sagte ohne zu zögern zu, mich zu begleiten“, erzählt die 23-Jährige.

Flüchtlingshilfe vor Ort

Seitdem haben Katharina und Anna, die sich ehrenamtlich auch bei der Fuldaer Initiative „Welcome In“ engagieren, viel erlebt. „Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Einen Plan hatten wir nicht. Wir haben uns einfach auf unser Bauchgefühl verlassen“, erzählt Katharina vom Beginn ihrer Reisen. Eine ihrer ersten Stationen auf der Balkanroute war Bulgarien. „Ich hatte vom „Hotel Ritz“ in Sofia gehört“, so Katharina, „einer Bauruine ohne Fenster, ohne Türen, nur nackte Betonwände. Ich traf auf circa 70 Menschen, die dort Schutz gesucht hatten und darauf warteten, weiter nach Westeuropa zu gelangen. Ich fühlte mich etwas unbeholfen, als ich sie ansprach, doch sie haben mich sehr offen empfangen und mir ihre Lieblingsgraffiti in der Ruine gezeigt.“

Als sie am nächsten Tag gemeinsam mit Anna und bepackt mit Einkäufen für die Flüchtlinge zur Ruine zurückkehrte, war der Ort verlassen. „Es war niemand mehr da. An einer Feuerstelle, die für die Nacht vorbereitet war, konnten wir sehen, dass die Menschen plötzlich aufgebrochen sein mussten“, so Anna. „Wir können es nur vermuten, aber wir denken, das war unsere erste Berührung mit Schleppern.“

Spendenaktion gestartet

Die Studentinnen merkten schnell, dass ihr eigenes Geld nicht ausreicht, um für die Flüchtlinge einzukaufen. „Wenn wir Paul voll beladen, reicht der Einkauf für bis zu 300 Leute. Wir haben dann von unterwegs unsere Familien- und Bekanntenkreise mobilisiert und um Spenden gebeten. Die Unterstützung war großartig. Und es war schön, das Vertrauen in uns und in das, was wir tun, zu spüren“, sagt die 21-jährige Anna auch ein bisschen stolz. Mithilfe ihrer Facebook-Seite, auf der sie zu einem Spendenkonto verlinken, kamen mehrere tausend Euro zusammen, um vor Ort das zu besorgen, was gerade gebraucht wird.

Dass die Einkäufe gut geplant sein wollen, mussten die beiden Aktivistinnen erstmals in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze erfahren. „Als wir dort ankamen, regnete es in Strömen. Die Menschen hatten blaue Finger und waren nass bis auf die Knochen. Wir hatten aber nur Hygieneartikel im Gepäck. Es war uns sehr unangenehm, denn Regenkleidung und Handtücher wären dringend gebraucht worden“, stellt Katharina fest.

Zahlreiche Grenzerfahrungen

„Wir haben Grenzerfahrung gesammelt, in vielerlei Hinsicht. Wir haben gesehen, wo Menschen an ihre Grenzen kommen und auch wir selbst. Wenn man mittendrin ist, realisiert man erst, dass die Bilder, die man im Fernsehen oder in den Zeitungen sieht, Realität sind. Aber vor Ort kommt noch mehr hinzu: Gerüche, Geräusche und durch den direkten Kontakt mit den Menschen auch persönliche Geschichten und Schicksale“, erklärt Katharina. Anna nickt zustimmend: „Und uns ist bewusst geworden, wie privilegiert wir sind. Mit unserem deutschen Pass konnten wir ungehindert Grenzen überschreiten, während die Menschen auf der Flucht stundenlang, manchmal tagelang, an den Grenzen ausharren mussten.“

Den Tellerrand überwinden

Auf die Frage, wie es sich anfühlte, wieder zu Hause in seinen eigenen vier Wänden zu sein, antwortet Anna: „Ich habe mich total fehl am Platz gefühlt und wollte eigentlich sofort wieder los. Natürlich können wir nicht alle paar Wochen wegfahren. Wir wollen schließlich unsere Bachelor-Arbeiten, die wir verschoben haben, nachholen.“ „Und wie viele Kilometer Paul noch fahren kann, wissen wir auch nicht“, fügt Katharina lachend hinzu.

Das Schicksal der Flüchtlinge lässt sie jedoch nicht los. Auch nach ihrer dritten Reise werden sie aktiv bleiben. „Es muss ja nicht jeder auf eigene Faust losfahren. Hilfe wird überall gebraucht. Wichtig ist, nicht nur über den Tellerrand zu blicken, sondern den Tellerrand auch zu überwinden“, so die beiden jungen Frauen.

Das Engagement fortsetzen

Mit Begeisterung erzählen sie uns von ihren Zukunftsplänen: „Wir wollen unsere Erfahrungen sinnvoll weitergeben und andere Menschen informieren. Ob in Form von Vorträgen oder durch die Gründung einer Initiative wissen wir noch nicht genau.“ Anna will sich in ihrer Bachelor-Arbeit mit den Erfahrungen, die sie gemacht haben, auseinandersetzen. „Unser Engagement hört jedenfalls nicht mit dieser Reise auf.“

Dann müssen Anna und Katharina los und sich von uns verabschieden – VW-Bus Paul muss vor Reisebeginn noch zum TÜV. Denn auch diesmal wird er einiges zu transportieren haben: Essen, Trinken, Hygieneartikel und Kleidung, um wenigstens einigen Menschen ihre Flucht etwas zu erleichtern.

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Anna und Katharina auf Facebook begleiten

Impressions of an Odyssey

Wer Katharina und Anna auf ihrer dritten Reise an die Grenzen Europas folgen oder mit Spenden dazu beitragen möchte, dass VW-Bus Paul gut gefüllt ist, kann sich auf der Facebook-
Seite Impressions of an Odyssey informieren. Hier posten die beiden Fuldaer Studentinnen Bilder und teilen ihre Erlebnisse und Erfahrungen.