Mehr als 60 Prozent der Medizinstudierenden sind Frauen – doch in Führungspositionen spiegelt sich das bis heute kaum wider: Nur rund 14 Prozent dieser Stellen sind weiblich besetzt. Genau an dieser Lücke setzen Alexander Wiegel und Annika Koch mit valueBell an. Die Networking-App richtet sich gezielt an Frauen* (inkl. Transfrauen) in der Medizin und will Austausch, Sichtbarkeit und gegenseitige Unterstützung dort ermöglichen, wo im Klinikalltag oft Vorbilder und passende Ansprechpartnerinnen fehlen.
Neben klassischem Networking wie bei LinkedIn bietet valueBell vor allem eines: ein strukturiertes, wissenschaftlich fundiertes Mentoring-Programm, das erfahrene Ärztinnen mit Medizinstudentinnen und jungen Ärztinnen zusammenbringt – passgenau nach Fachrichtung, Standort und Lebensrealität. Wir haben uns mit Alex darüber unterhalten, wie es zur Umsetzung einer eigenen App kam.

FBAI (Fachbereich Angewandte Informatik): Hallo Alex, erzähle uns bitte kurz, um was es bei der App valueBell geht. Was ist die Idee dahinter?
Alex: Also valueBell ist eine Networking-App, speziell für Frauen in der Medizin.
Die Idee dafür kam von meiner Kollegin Annika Koch, die in Marburg und Fulda Medizin studiert. Sie war während ihrer Praxiseinsätze geschockt, wie schwer es für Frauen ist, im Medizinbereich voranzukommen, wie schwer es sein kann, wenn man eben von vielen Leuten umgeben ist, die einen als Frau nicht fördern - wenn sich eine „gläserne Decke“ über einem befindet, die einen einfach nicht weiterkommen lässt.
Dass es sich dabei nicht bloß um ein Gefühl handelt, bestätigen die Statistiken.
Über 60 Prozent aller Medizinstudierenden sind weiblich und man sollte davon ausgehen, dass entsprechend viele Frauen Führungspositionen in der Medizin besetzen, aber das ist bei weitem nicht der Fall. Lediglich 14 Prozent der Führungspositionen sind von Frauen besetzt und das hat Einfluss auf viele Ebenen im beruflichen Alltag. Es kann bspw. vorkommen, dass du als Frau selten bis niemals ein weibliches Vorbild in einer Führungsrolle vorfindest.
Es sind überwiegend Männer, die sich hierarchisch über dir befinden und dich anleiten. Das muss per se nichts Schlechtes bedeuten, aber es kann dazu führen, dass Männer tendenziell wieder bevorzugt Männer in Führungspositionen wählen oder einstellen. Oder es führt dazu, dass die medizinische Forschung sich einseitig auf Themen fokussiert, die nur Männer betreffen.
Und dann gibt es laut Annika die kleinen Alltags-Sexismus-Momente, oft nicht mal mit böser Absicht. So kann es passieren, dass du als Medizinstudentin im OP gesagt bekommst, man solle sich als Frau das mit der Chirurgie vielleicht nochmal überlegen, weil man als Mutter bei einer sich unerwartet hinziehenden OP Probleme mit der Kinderbetreuung bekommen könne. Da frage ich mich, warum das jetzt spezifisch ein Problem der Medizinstudentinnen sein soll! Das könnte doch genauso gut das Problem von männlichen Studierenden sein.

FBAI: Und wie hilft die App dabei?
Alex: Die App ist zum einen ein Versuch, weibliche Vorbilder in der Medizin sichtbarer zu machen. Falls man an einem Klinikum arbeitet, an dem ausschließlich männliche Führungskräfte existieren, schafft valueBell eine Möglichkeit, sich dennoch mit weiblichen Führungskräften in Verbindung zu setzen und sich mit ihnen auszutauschen.
Und das ist auch schon der nächste Zweck. Die App soll generell ein Forum bieten, in dem sich Medizinerinnen aus ihrem weiblichen Blickwinkel austauschen können. Sowohl auf einer fachlichen als auch auf einer persönlichen Ebene. Wir haben eine Umfrage mit über 200 Teilnehmerinnen durchgeführt und dabei zeigte sich, dass die Medizinerinnen sich am stärksten eine Austauschmöglichkeit für genau die angesprochenen „Alltagssexismus-Themen“ wünschen. Themen wie die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, über die sich weibliche Mediziner vielleicht im Vergleich zu bestimmten männlichen Kollegen viel mehr Gedanken machen müssen.
Wir bieten mit valueBell ein Networking-System, mit dem man relevante Kontakte finden, sich vernetzen und chatten kann. Unser Alleinstellungsmerkmal ist zudem ein integriertes Mentoring-Programm. Die Idee ist, dass erfahrene Ärztinnen in Führungspositionen, Medizinstudentinnen oder jungen Ärztinnen über einen bestimmten Zeitraum als Mentorinnen zur Seite stehen. Die App begleitet beide Seiten professionell, stellt beispielsweise einen unterstützenden Lernpfad dar und schlägt fachliche Inhalte vor – wissenschaftlich fundiert, mit klaren Empfehlungen zu Gesprächsthemen und sinnvollen Meeting-Abständen im Mentoring.
Die App hilft ebenfalls dabei, herauszufinden, welche Mentoring-Paare gut zusammenpassen. Dabei sollen Faktoren wie der Wohnort, die medizinische Fachrichtung, aber auch persönliche Faktoren, wie ob man Kinder oder einen Hund hat, berücksichtigt werden. So versuchen wir möglichst gute „Matches“ zu finden und somit hoffentlich einen kleinen Beitrag leisten zu können, um diese 14-Prozent-Anteil an weiblichen Führungskräften in der Medizin zu erhöhen.
In Zukunft möchten wir noch exklusive Stellenangebote über die App anbieten. Ärztehäuser oder Kliniken können dann exklusiv auf unserer Plattform ihre Stellen bewerben und sicher sein, dass sie wirklich nur Frauen ansprechen, falls sie eine entsprechende Stelle weiblich besetzen wollen. Die Medizinerinnen auf unserer Plattform hätten dann als erstes die Chance, davon zu erfahren.
Eine weitere Idee ist, spezielle Events für unsere Community auf der App anzubieten. Dabei wollen wir bspw. in Präsenz, Hybrid oder nur online bestimmte Vorträge, Konferenzen und Austauschtreffen organisieren, die für unsere Community relevant sind.

FBAI: Wer ist das Team hinter valueBell, was sind Deine Aufgaben?
Alex: Also ich bin eine von drei Personen, die an valueBell arbeiten.
Da haben wir Annika Koch, die die Idee für die App hatte, die selbst Medizinstudentin ist und die vor allem die Außendarstellung übernimmt. Sie kümmert sich bspw. um Anträge, die wir stellen, um bestimmte Stipendien zu erhalten. Sie ist die Botschafterin unserer App und gehört selbst zur Zielgruppe. Als Hauptverantwortliche ist sie für die strategische Ausrichtung zuständig.
Dann gibt es noch jemanden, der sich um den finanziellen, wirtschaftlichen Teil kümmert.
Ich verantworte den gesamten technischen Bereich. Als App-Entwickler im Team habe ich die App komplett designt, entwickelt und kümmere mich um alles, was noch dazugehört.
FBAI: Hat Dir Dein Studium bei der Umsetzung der App geholfen?
Alex: Ich habe an der Hochschule Fulda meinen Bachelor in Digitale Medien gemacht. Im fünften Semester habe ich einen Wahlpflichtkurs bei Prof. Dr. Milde zu App-Entwicklung auf Android belegt. Dabei habe ich die beiden Technologien zum ersten Mal gesehen, mit denen wir jetzt die App entwickelt haben, nämlich Dart und Flutter. Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich drangeblieben bin. Ich habe mich nach dem Kurs in meiner Freizeit so viel damit beschäftigt, dass App-Entwicklung einfach zu meiner Spezialisierung wurde.
Gerade studiere ich noch in den letzten Zügen im Masterprogramm Global Software Development, ebenfalls an der Hochschule Fulda. Im Master habe ich drei weitere Kurse belegt, in denen ich mit App-Entwicklung zu tun hatte. Zwei davon in Fulda und einen während meines Auslandssemesters in İzmir. Die insgesamt vier Kurse, in denen ich immer wieder mit App-Entwicklung zu tun hatte, haben dazu geführt, dass das meine Stärke geworden ist.
Meine Masterarbeit widmet sich ebenfalls dem Thema: Ich schreibe über die Planung, das Design und die Entwicklung der App sowie darüber, wie wir das Geschäftsmodell validiert haben – unter anderem durch eine Umfrage mit Medizinstudentinnen, um herauszufinden, ob die Features, die wir uns überlegt haben, auch wirklich benötigt werden.

FBAI: Wo geht die Reise hin? Was sind die nächsten Schritte?
Alex: Unsere Vision ist es, Deutschlands führende Plattform für Frauen in der Medizin zu werden.
Wir haben uns auf ein Gründungsstipendium beworben, das uns als Sprungbrett dienen soll, um ein Unternehmen zu gründen und die App erfolgreich auf den Markt zu bringen. Das würde uns die notwendige finanzielle Sicherheit geben und wir könnten uns voll auf valueBell fokussieren.
Das nächste Ziel ist, dass die App in den App Stores landet. Vorher bedarf es noch einiger Arbeit an den Features.
Im Sommer intensivieren wir die Entwicklung und bereiten den Launch vor.
FBAI: Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und viel Erfolg mit valueBell!
Alex: Danke ebenfalls.
Hier geht es zur Webseite von valueBell: www.valuebell.de


